Die Ruhe genießen: Tagsüber steht die Tür zurzeit jedem offen und lädt in das Kirchenschiff ein.

Kirche

In den nächsten zwei Monaten öffnet Pfarrer Gengenbach das Gotteshaus tagsüber

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Kirchgänger sind es kaum noch gewohnt, dass die Türen von Gotteshäusern offenstehen. Die evangelische Kirchengemeinde wagt bis Ende Januar den Versuch, tagsüber ihre Pforten zu öffnen.

Ein ganz normaler Werktag, kurz vor 12 Uhr mitten in Sulzbach. Seit dem Ersten Advent lädt die evangelische Kirchengemeinde täglich zu „Offenen Kirchentüren ein“ – zur Probe. Das hat auch die Kreisblatt-Reporterin neugierig gemacht. Schon aus der Entfernung ist zu sehen: Die blau-grün gestrichene Doppelflügel-Tür des altehrwürdigen Gotteshauses, das den Platz an der Linde prägt, steht tatsächlich einladend offen. Für die Frau, die mit Einkaufstaschen beladen daran vorbei läuft, aber offenbar keine Versuchung.

Ein paar ruhige Minuten

Links neben der Kirchentür ist ein Schild angebracht. „Die Kirche ist offen“ steht da schlicht neben einem Wochenplan und dem Logo, das die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau für ihre Initiative „Offene Kirchen der EKHN“ eigens herausgegeben hat. Eine stilisierte Kirche mit weit geöffnetem Portal, weiß auf violettem Grund.

Wer die Einladung annimmt und die Kirche betritt, kann hier das Angebot für ein paar ruhige Minuten abseits jeder Geschäftigkeit nutzen. Oder bestaunen, was ihm der Raum bietet. „Dass es hier so viele Bilder gibt, erwarten die meisten gar nicht von einer evangelischen Kirche“, weiß Pfarrer Michael Gengenbach. Die bemalten Emporen, eine Art Bibel-Comic früherer Tage, ziehen bei denen, die eintreten, schnell die Blicke nach oben. Allerdings dauert es häufig einen Moment, bis sich Fremde nach dem Schritt über die Schwelle entschließen, weiter nach vorn zu gehen. Das jedenfalls ist eine Erfahrung, die die ehrenamtlichen „Kirchenwächter“ allesamt schon gemacht haben. Denn ganz neu ist die Offene Kirche für die Evangelische Gemeinde nicht, in den vergangenen Jahren waren die Öffnungszeiten allerdings auf wenige Stunden in der Woche begrenzt. Bis Ende Januar wird jetzt ausprobiert, ob eine tägliche Öffnung von 9 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit angenommen wird.

Man merke schon, wenn jemand hereinkomme, ob er in Ruhe gelassen werden wolle oder ob er einen Gesprächspartner suche, sagt Silvia Wittich. Die, die geschichtlich interessiert sind und das Glück haben, Kirchenwächter Erich Grötsch anzutreffen, die lässt der Sulzbacher gern an der Fülle seines Wissens über Orts- und Kirchengeschichte teilhaben. Die erste Frage sei eigentlich immer: „Wann ist denn die Kirche gebaut worden?“, kann Grötsch berichten.

Viele Besucher sind Pilger

Erfahrungsgemäß zählen die Pilger auf der Bonifatiusroute von Mainz nach Fulda zu den interessiertesten Besuchern. In der Sulzbacher Kirche erhalten sie einen Pilgerstempel, manchen treibt aber auch noch ein anderes Bedürfnis. „Wenn man ihnen das Gemeindehaus aufschließt, damit sie zur Toilette gehen können, sind sie froh“, weiß Kirchenwächter Wolfgang Deckert. Gerade sonntags kämen häufiger ganze Familien, sagen seine „Kolleginnen“ Erika Klück und Erika Hörber „Ein dreijähriges Bubsche wollte bis hoch auf die Orgel“, erzählt Klück. Kein Wunder. Das Instrument ist ein „Hingucker“. Dass Felix Mendelssohn Bartholdy und Albert Schweitzer es schon gespielt haben, erzählen die Kirchenwächter Besuchern schon mal stolz. Und Erich Grötsch freut sich über regelmäßig erstaunte Gesichter, wenn er darauf hinweist, dass die Orgel aus der Frankfurter Katharinenkirche stammt.

Dass sie nicht nur eine, sondern gleich zwei Kirchen betreten haben, darauf macht Küster Josef Voege, der seit bald 30 Jahren hier seinen Arbeitsplatz hat, besonders gern aufmerksam. Und ermutigt, sich einfach mal vorzuwagen, am Altar vorbei. Was dessen Aufbau verbirgt: Im Erdgeschoss des romanischen Turmes, an den in Richtung Osten noch eine Apsis angeschlossen ist, öffnet sich tatsächlich ein weiterer Kirchenraum – und zwar der weitaus ältere. Die Tür zur Sakristei ist noch vorhanden, die Sakristei selbst sei aber in den 1950er Jahren abgerissen worden, sagt Voege.

Die Wandmalereien wurden erst vor rund zehn Jahren freigelegt. „Sie gleichen den Fresken in der Höchster Justinuskirche“, weiß Erich Grötsch. Für den Besucher macht diese „Entdeckung“ noch erfreulicher, dass die Kirchentür nicht, wie so häufig bei evangelischen Gotteshäusern, verschlossen war. Der ein oder andere schätzt es aber auch, dass er hier eine Kerze anzünden kann und ein Buch ausliegt, in das er einen Dank oder eine Bitte schreiben kann. „Schöner Stopp in der Sulzbacher Kirche“, hat da etwa jemand eingetragen. Das kann auch die Reporterin nur unterschreiben.

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