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Wenn es dunkel wird im Sulzbacher Autokino! Die Fahrzeuge stehen Reihe an Reihe und davor die Riesenleinwand aus Beton.

Geschichte

So war es damals, als das Autokino nach Sulzbach kam

Das Sulzbacher Autokino wurde am 31. Juli 1968 eröffnet. Es war ein Publikumsmagnet, aber auch ein beliebter Rückzugsort für Liebespaare. Nach der Schließung im September 1994 begann wenige Meter weiter mit der Eröffnung des Kinopolis im Main-Taunus-Zentrum am 13. Oktober desselben Jahres eine neue Ära.

Sulzbach - Der 31. Juli 1968 war ein großer Tag für die Gemeinde Sulzbach. Vor 500 geladenen Gästen wurde das zweite hessische Freilichtkino mit 1000 Stellplätzen und das siebte Autokino in der Bundesrepublik mit dem Film „Die Widerspenstige Zähmung“ eröffnet. Hausherr war Siegfried Lubliner. Zusammen mit seinen Partnern Heinz Jansen und Hans Ulrich wurden 1,8 Millionen DM in das Autokino investiert.

Der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Joachim Siebenhaar, schilderte beim Dämmerschoppen im Gewölbekeller des Bürgerzentrums Frankfurter Hof die schillernde Geschichte des Autokinos und seines Nachfolgers Kinopolis. Eine Geschichte, die auch ganz eng mit der Entwicklung des am 2. Mai 1964 eröffneten Main-Taunus-Einkaufszentrums zusammenhängt. Bereits bei der Eröffnung des ersten deutschen Einkaufszentrums auf der „grünen Wiese“ war die Einrichtung eines Autokinos nach dem Muster des 1960 eröffneten Freilichtkinos in Gravenbruch vorgesehen. Der Referent hatte ein Foto dabei, das den überaus aktiven und beliebten Nachkriegs-Bürgermeister Heinrich Kleber (SPD) mit den Geschäftsführern des Unternehmens „Deutsche Einkaufszentren“ (DEZ), Jerry Shefsky und Cincent Carisste, zeigt. Siebenhaar berichtete von ursprünglichen Plänen, nach denen im südlichen Bereich des Einkaufszentrums ein Hotel und ein Schwimmbad gebaut werden sollten. Das Schwimmbad wurde nie verwirklicht, das Hotel entstand 1972 an anderer Stelle, neben der neuen Bundesstraße 8.

Die beiden ersten Geschäftsführer der DEZ umrahmen den Sulzbacher Bürgermeister! Von links: Cincent Carisste aus Perth Amboy in New Jersey (USA), Heinrich Kleber und Jerry Shefsky aus Toronto (Kanada).

Aber zurück zum Autokino,: Es erstreckte sich auf 50 000 Quadratmetern halb kreisförmig um die 550 Quadratmeter große „Leinwand“. Die "Leinwand, die eine riesige Betonmauer mit vorgefertigten Bauteilen war, stand auf einem Hügel. Als Sicht- und Blendschutz wurde an der Seite zur alten Bundesstraße 8 ein Damm aufgeschüttet und an der Zufahrtsstraße zum Kino eine hölzerne Bretterwand errichtet.

Erst bei Dunkelheit

Die Filme im neuen Sulzbacher Autokino konnten erst nach Einbruch der Dunkelheit gezeigt werden, erzählt Siebenhaar. In den Wintermonaten gab es an Sonn- und Feiertagen drei Vorstellungen mit einem Kinderprogramm. Da waren zum Beispiel Filme wie „Die Schlümpfe“, „Bugs Bunny’s wilde Jagd“ und „Asterix erobert Rom“ zu sehen. Um 22.30 Uhr begannen die Spätvorstellungen, bei denen in den 70er- und 80-er Jahren die Softporno-Filme sehr beliebt waren. Die Titel, die etliche Neugierige zu dem Gelände lockten, hießen beispielsweise „Die Liebessklavin“, „Zimmermädchen der Lust“ und „Das bumsfidele Töchterinternat“.

Es ist überliefert, dass aus den letzten Häusern der Bahnstraße Anwohner versucht hatten, mit dem Fernglas das Geschehen auf der Leinwand zu beobachten, aber enttäuscht waren, als in der warmem Jahreszeit die Blätter der Bäume die Sicht versperrten. Außerdem war zu diesen Zeiten das Thema Sex in der Öffentlichkeit noch weitgehend tabu, so dass die letzte Reihe von Liebespärchen belegt war, die am Ende oft gar nicht mehr wussten, welcher Film gerade gezeigt wurde.

Je nach Besucherandrang waren zwei Kassen besetzt. Bei beliebten Filmen stauten sich die wartenden Autos zeitweise zweispurig an der Einfahrtsstraße zum Kino. Die Platzanweiser lotsten die Autofahrer auf ihre Plätze, aber nicht ohne vorher zu schauen, ob sich hinter den Vordersitzen jemand versteckt, der sich ins Kino schmuggeln wollte, ohne Eintritt zu zahlen.

Zwischen zwei nebeneinander liegenden Stellplätzen stand in der Mitte die sogenannte Tonsäule mit speziellen Halterungen für die Lautsprecher und Heizlüftern mit jeweils extra langem Kabel, die im Inneren der Fahrzeuge aufgehängt wurden.

Werbung für das Sulzbacher Autokino vor der Eröffnung.

Besonders beliebt war der Imbiss-Service. Dieser konnte mit einem Kippschalter am Lautsprecher angefordert werden. In den Pausen konnten auch die Snack-Bar besucht werden. Neben Getränken in Plastikbechern, Würstchen und Eis waren Hamburger der große Renner. An guten Tagen gingen oft mehr als einhundert Hamburger über den Tresen – und das ein Jahrzehnt bevor das erste McDonalds-Restaurant in Deutschland eröffnet wurde.

Von den 80er Jahren an verloren die Autokinos immer mehr an Attraktivität. Am 28. September 1984 schaltete der Filmvorführer Erwin Schneider im Sulzbacher Autokino seine Projektoren für immer ab. Nach 14 Monaten Bauzeit startete das Kinopolis am 13. Oktober 1994 in zwölf Kinosälen mit insgesamt über 3760 Sitzplätzen.

Heftige Diskussion

Der Bau des 40 Millionen teuren Komplexes war in Sulzbach mit einer heftigen Diskussion verbunden. Besonders die SPD-Fraktion im Gemeindeparlament befürchtete, dass mit dem Kinopolis das örtliche Verkehrsaufkommen drastisch steigen würde und eine soziale Veränderung im MTZ, verbunden mit dem Anstieg der Klein-Kriminalität die Folge wäre. Die Bürgerinitiative Bahnstraße, der Verein für umweltgerechte Planung und die Interessengemeinschaft Haindell äußerten in einer Pressemitteilung die Befürchtung, dass sich das Einkaufszentrum durch diesen gigantischen Kino-Bau zu einem Vergnügungszentrum entwickele mit all den negativen Begleiterscheinungen wie Kriminalität, Drogenhandel und Prostitution. Keine der damaligen Prognosen hat sich bewahrheitet. Das Kinopolis, das 2014 sein 20-jähriges Bestehen feierte, schrieb eine Erfolgsgeschichte, auch weil es durch die Gastronomie über die Filmvorführungen hinaus zum Verweilen einlädt. Durch die längeren Ladenöffnungszeiten gibt es allerdings ein Problem mit den Parkplätzen. Das Areal des früheren Autokinos konnte trotz zahlreicher Versuche bisher noch nicht anderweitig vermarktet und genutzt werden. In den Nachkriegsjahren gab es auch Kinovorstellungen in den Sälen des Gasthauses „Zum Taunus“ und des „Frankfurter Hofs“, bevor in der Hauptstraße 27 ein klassisches Kino betrieben wurde.

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