Gaststätten im Ortskern

Tresen-Idylle - Eine Spurensuche nach der Kneipenkultur in Sulzbach

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Was waren das noch Zeiten: Bis Anfang der siebziger Jahre gab es noch drei Gaststätten mit Biergärten im Ortsmittelpunkt am Großen Dalles: die „Flinte“, das Gasthaus „Zum Taunus“ und den „Schützenhof“. Und überall pulsierte das gesellige Leben.

Die älteren Sulzbacher schwärmen noch heute von den Sommerabenden, als die Biergärten der drei Gaststätten am Großen Dalles in Sulzbach voll besetzt waren, als kaum Autoverkehr herrschte und der Ortsmittelpunkt regelmäßig zum Treffpunkt der Einheimischen und Gästen von auswärts war. Während Ende der 1960er-Jahre nicht nur in Sulzbach herrschenden Sanierungswut wurden innerhalb kurzer Zeit das Gasthaus

„Zum Taunus“

mit dem angrenzenden großen Saal und der „Schützenhof“ abgerissen. Das älteste Gasthaus der Gemeinde, die „Flinte“, wurde geschlossen und in ein Mehrfamilien-Wohnhaus umgewandelt.

Aus der Idylle mit schmalen Straßen und behaglichen Plätzen wurde ein steriler Ortsmittelpunkt mit einem zweckmäßigen Bankgebäude, an dem nur noch das älteste Fachwerkhaus Sulzbach, der Wittich-Hof, einen ansehnlichen Anblick bietet. Jetzt machen sich die Politiker bei der Umsetzung des Gemeinde-Entwicklungskonzeptes Gedanken darüber, wie das Zentrum wieder aufgepäppelt werden kann.

Der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Joachim Siebenhaar, hatte bei einem „Dämmerschoppen“ zu einer Zeitreise durch die Sulzbacher Geschäftswelt der 1950-er und 1960-er-Jahre eingeladen und war dabei auch auf der Spurensuche nach der Kneipenkultur in der Gemeinde.

„Die Gaststätten bildeten den kulturellen und auch gesellschaftlichen Mittelpunkt im Ort und waren aufgrund der beengten Wohnverhältnisse zum Teil auch das verlängerte Wohnzimmer“, sagt Siebenhaar. Dabei sei dem Gasthaus

„Zum Taunus“

aufgrund seiner zentralen Lage und des großen Saals eine besondere Bedeutung zugekommen, denn die Gemeinde verfügte bis zum Bau der Turnhalle der Cretzschmar-Schule Anfang der 60er-Jahre und der Eichwaldhalle 1969 über keine eigenen Räumlichkeiten.

Das älteste Gasthaus im Dorf war die „Flinte, die sich seit 1809 im Besitz der Familie Anthes befand. Joachim Siebenhaar: „Das Gasthaus hieß früher einmal „Zu den drei Hasen“. Wann die Umbenennung erfolgte, lässt sich nicht mehr feststellen.“ Die „Flinte“ war Vereinslokal des nicht mehr existierenden Gesangvereins „Eintracht“. Auch der evangelische Kirchenchor probte im ersten Stock. Die „Flinte“ schloss Anfang der siebziger Jahre.

Das zweitälteste Lokal in Sulzbach ist der „Frankfurter Hof“ – heute Bürgerzentrum mit der Gaststätte „Herrenhaus“. Joachim Siebenhaar: „Es war die einzige Gaststätte, die sich mit recht als „Frankfurter Hof“ bezeichnen durfte. Denn die Frankfurter hatten, nachdem sich die Sulzbacher 1450 bei der Stadt verschuldet hatten, hier ihren Sitz.“

Dort gab es eine Freiluft-Kegelbahn, im Saal fanden Fastnachtsveranstaltungen, Konzerte und Theaterabende statt. Auch das erste Sulzbacher Kino hatte dort sein Quartier. Im Sommer 1960 schloss die Gaststätte der Familie Schaar.

Die in Frankfurt nach dem Krieg gegründete Kleiderfabrik Felsch verlagerte ihre Produktion von Damen-Oberbekleidung in den großen Saal. In der Produktion im Näh-Saal waren etwa 40 Angestellte beschäftigt. Später kaufte die Gemeinde das Anwesen und baute das Bürgerzentrum.

Das drittälteste Gasthaus der Gemeinde ist der „Schützenhof“. Er wurde neben der Kernschmiede 1898 von Friedrich Jakob Kern gegründet. Neben dem selbst gekelterten Apfelwein wurde anfänglich „Frankfurter Löwenbräu“ ausgeschenkt. 1958 wurde umgebaut, das Kolleg im ersten Stock umgestaltet und Fremdenzimmer eingerichtet. Im Dezember 1972 wurde das Gasthaus geschlossen und das Gebäude im Januar 1973 abgerissen. Heute findet an dieser Stelle dienstags der Wochenmarkt statt.

Vierter im Bunde war das Gasthaus

„Zum Taunus“

. Hobby-Historiker Siebenhaar: „Wann der Gasthof gegründet wurde, wissen wir nicht. Bekannt ist, dass das Gasthaus seit 1909 im Familienbesitz war.“

Der „Taunus“ war Vereinslokal etlicher Vereine. Die Gaststätte warb auch damit, dass das Klavier im Saal von allen benutzt werden konnte. Im hinteren Teil des Gebäudes wurde Hausmacher Wurst verkauft, und nebendran war einige Zeit die Post untergebracht. In den 1950-er Jahren praktizierte auch ein Zahnarzt auf dem Anwesen.

Der große Saal war Trainings- und Wettkampfort der Sportler und wurde besonders für Tischtennis und das Geräteturnen genutzt. Es fanden auch Kino- und Theaterstücke statt. Zum Beispiel sahen die Sulzbacher dort die Kino-Erfolgsstreifen „Förster vom Silberwald“ und „Heidi und Peter“. Eine Gruppe der evangelischen Kirchengemeinde spielte dort ebenso Theater wie die Feuerwehr, und an Fastnacht fanden Kappensitzungen und Maskenbälle statt.

Im Haus Hauptstraße 82 betrieb Philipp Zimmermann zunächst einen Friseursalon. Nachdem der nicht mehr so gut lief, gründete er zusammen mit seiner Frau Franziska eine Gaststätte, die er zunächst „Frankfurter Bierstübl“ nannte. Es wurde später in „Gasthaus zum Vater Philipp“ umbenannt und ein Biergarten eröffnet. Der Schützenverein und der Schachverein wurden dort gegründet, und es existierte sogar ein Schießstand.

Die wichtigsten Gäste bei „Vater Philipp“ waren damals Bad Sodener Kurgäste. Referent Siebenhaar: „Die Kohlearbeiter aus dem Ruhrpott und dem Saarland, die hier nach den anstrengenden Kuranwendungen ihren Spaß hatten.“ Den Spaß bereitete die hauseigene Musikkapelle. Philipp Zimmermann spielte Schlagzeug und Klavier, sein Bruder Schifferklavier und Klarinette, sein Schwager Heinz Goldbach Geige und Mandoline, und Schwester Wilma sang dazu.

Philipp Zimmermann, der auch den evangelischen Kirchenchor leitete und Theaterstücke im „Frankfurter Hof“ inszenierte, betrieb die Gaststätte bis 1967. Dann zog er nach Mallorca. Von 1967 bis 1977 war sein Sohn Dieter Zimmermann der Wirt. Danach gab es viele Pächter und viele Namen wie „Kutscher Stube“ und „König Arthus“. Seit einigen Jahren ist das frühere Gasthaus ein Wohngebäude.

Etwas jüngeren Datums ist das Gasthaus

„Zum Altkönig“

in der Schwalbacher Straße zwischen „Sossenheimer Weg“ und „Hartmutsweg“. Dort stehen heute Reihenhäuser. 1969 eröffnete der Metzgermeister Hubert Schmidt mit seiner Frau Irmgard die Gaststätte. Auch

„Zum Altkönig“

war ein beliebter Treffpunkt der Vereine, zum Beispiel der TSG-Fassenachter und der TSG-Jedermänner. 1984 erlitt Hubert Schmidt einen Herzinfarkt. Das Lokal wurde verpachtet und hieß kurzzeitig „Feranda“. 1988 übernahm es die Familie Stolic und nannte es „Balkan-Grill“, der 2007 geschlossen wurde.

Die letzte Gaststätte, die Joachim Siebenhaar beim Dämmerschoppen vorstellte, ist das „Futterstadel“ in der Bahnstraße am Bahnhof Mitte. Anfang der 1960er Jahre wurde die Gaststätte in dem neu gebauten Mehrfamilienhaus integriert. Dieses Lokal wechselte häufig den Besitzer. Es wird heute als Wohnung genutzt.

All die beschriebenen Gaststätte gibt es heute nicht mehr, dafür viele neue, die mit interessanten Angeboten in behaglicher Atmosphäre die Gäste anlocken. Aber wenn ältere Sulzbacher zusammensitzen, kommen die Erinnerungen: „Weißt du noch, damals am Dalles, drei Gaststätten….“

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