Starke Konkurrenz

Supermarkt Schulschenk schließt nach 96 Jahren seine Türen

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In vierter Generation läuft der „Nah und gut“-Laden der Edeka-Kette im Eppsteins größtem Stadtteil. Am 30. Juni ist Schluss.

Es ist nicht das erste Gespräch dieser Art, das Klaus Schulschenk in den vergangenen vier Wochen geführt hat. Der Kunde, der gerade zwei Kisten Wasser kauft, hat von der Schließung des einzigen Lebensmittelladens in der Bremthaler Ortsmitte erfahren. Er findet es „beschissen“, wie er deutlich formuliert. „Ich kann ja noch überall hin laufen oder fahren. Aber die älteren Leute?“, bedauert er das Aus für den bekannten Supermarkt „Nah und gut Schulschenk“ nach 96 Jahren und 4 Generationen.

Die 100 sind den Chefs Klaus und Ute Schulschenk nicht mehr vergönnt. Es gebe eine ganze Reihe von Gründen für den Abschied zum 30. Juni, betont der 56-Jährige. Natürlich spüre der kleine „Tante-Emma-Laden“ mit nur 100 Quadratmetern Verkaufsfläche und nochmals 100 Quadratmetern Getränkehandel die Konkurrenz der großen Supermärkte in und um Eppstein herum. Im Februar hat der riesige Edeka an der B 455 eröffnet – deshalb schloss Schulschenk bereits Ende 2017 seine Filiale in Alt-Eppstein. Seine fünf Mitarbeiter dort konnten beim Kollegen anfangen. Doch der neue Supermarkt sei nur ein Grund, betont Schulschenk. Auch das Einkaufsverhalten ändere sich – oft bis spätabends, 22 Uhr. Doch vor allem hätte die Familie jetzt noch einmal viel Geld in die Hand nehmen müssen für ein neues Warenwirtschaftssystem des Edeka-Konzerns. „Da ist nicht auf uns zugeschnitten, nicht für uns gemacht“, sah er Probleme für das Kassensystem kommen. „Wir sind so gut wie die letzten Dinos, die überlebt haben“, weiß er und macht dem Konzern auch keine Vorwürfe. Märkte dieser Größe gebe es bei Edeka eben kaum noch.

Das Bedauern darüber ist schon groß – bei den Einzelhändlern und den Kunden. „Die Entwicklung ist mit Sicherheit nicht schön“, sagen Erika und Klaus Schulschenk unisono. Seine Mutter arbeitet noch engagiert im Laden mit. Sie weiß, wie sehr den Bremthalern das persönliche Gespräch oder ein Rat beim Einkauf fehlen werden. „Wir waren ganz nah an den Menschen dran, fast wie eine große Familie“, sagt ihr Sohn. Schwiegertochter Ute spricht von „guten Kontakten mit den Kunden, die kommen gerne zu uns“ und erklärt: „Man hat es auch mit Herzblut gemacht.“ Das Trio hat derzeit noch Verstärkung von einem Mitarbeiter.

Ende Juni ist Schluss. So wie bei vielen Tante-Emma-Läden in der Region zuvor, in Hornau, Langenhain, Lorsbach oder Medenbach. Die Seniorchefin freut sich auf „etwas mehr Ruhe“. Ihr Sohn sagt: „Wir holen erstmal Luft.“ Die beiden Einzelhandelskaufleute sind optimistisch, wieder etwas zu finden. Sie werden erst mal das Geschäft abwickeln. Dankbar ist Schulschenk, dass der Kollege vom neuen Edeka die restliche Ware und Getränke Weyher in Vockenhausen die verbliebenen Getränkekisten abnimmt. Das Ladenlokal wollen die Schulschenks wieder vermieten und sind für Anfragen offen. Es sei eine Lotto-Annahmestelle dabei, die sei durchaus lukrativ, betont er. Keine Veränderung stehen vorerst bei der Post an, die in einem Nebengebäude auf dem Familien-Grundstück als Mieter untergebracht ist.

Wichtig wäre Schulschenk, dass sich ein Nachfolger für seinen Service findet. Jahrelang hat er Vereine und Firmen in Bremthal, die Schule sowie Kitas im Ort und in Königstein mit Lebensmitteln und Getränken beliefert. Zum Teil füllte er bei Engpässen spätabends die Sortimente auf. „Das war ein sehr, sehr gutes Zusammenarbeiten, ein Geben und Nehmen“, hebt er hervor. Dass es diesen Lieferservice nicht mehr gibt, „dass ist das, was ein bisschen schade ist“. Gerade diese Nische habe das Überleben des Ladens gesichert. Vier Generationen konnte das Geschäft an der Wiesbadener Straße ernähren – eine fünfte gibt es nicht. Die beiden Töchter haben ohnehin andere Berufe. Christian Dinges eröffnete den Laden 1922, hatte auch Farben, Leinöl und Drogerieartikel im Sortiment.

1955 übernahmen Tochter Katharina und Schwiegersohn Klaus Rudolph, 1965 wurde das Wohn- und Geschäftshaus neu gebaut. 1972 rückten Erika und Thilo Schulschenk nach, 1992 Klaus und Ute. 13 Jahre führten sie zwei Läden in Bremthal und Alt-Epstein, hatten bis zu 13 Mitarbeiter. Dann kündigte die Stadt an, den Edeka bauen zu wollen. Dem Konzern rechnet Schulschenk positiv an, dass ihm der Betrieb des großen Marktes zuerst angeboten wurde. Das sei aber wegen hoher Investitionen und Verantwortung sowie des Aufwands „mindestens 20 Jahre zu spät gekommen“. Ihm war es wichtig, die Nahversorgung zu erhalten. Dafür scheute Schulschenk keine Mühen, fuhr oft zum Großmarkt, um Obst, Gemüse und Fisch zu holen. „Es ist so, dass die Leute gerne kommen. Jetzt vermissen sie uns noch.“ Was wäre, wenn das Sortiment mit über 7000 Artikeln (gegenüber 30 000 der großen Märkte) nicht mehr zu halten gewesen wäre – das möchte er sich lieber nicht ausmalen . . .

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