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Stadtführer Sascha Mahl hat jetzt die Schlüssel für den Hochbunker an der Erzbergerstraße. Bei seiner Tour ?Luftkrieg über Frankfurt? zeigt er heute noch sichtbare Schäden in Griesheim und geht mit seinen Gästen anschließend in den Bunker.

Stadtführung

Taschenlampen-Tour ins Dunkel der Geschichte

Eine geheimnisvolle und bedrückende Welt eröffnet sich beim Eintritt in den Bunker am Gemeindegarten. Bei einer Tour mit Stadtführer Sascha Mahl kann man ihn jetzt besichtigen.

Mit den acht Einfamilienhäusern auf seinem Dach erregt der große Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg am Griesheimer Bahnhof ein gewisses Aufsehen. Viele, die den Stadtteil mit der S-Bahn passieren oder mit dem Auto über die Omegabrücke fahren, fragen sich, wie wohl das Innere des Bunkers aussehen mag. Ist das massive Bauwerk ausgebaut, lagert darin irgendetwas oder sind gar noch Relikte des Luftkriegs über Frankfurt zu entdecken? Dieses Geheimnis wird nun für die Öffentlichkeit gelüftet. Seit Kurzem bietet der Griesheimer Stadtteilführer Sascha Mahl für die begrenzte Dauer von rund einem Jahr historische Rundgänge durch das massive Gebäude an.

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 gründete der Oberbe-fehlshaber der Luftwaffe, Herrmann Göring, den „Reichsluftschutzbund“ zur Ausbildung und Organisation von Luftschutzpersonal. Als kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs bereits die ersten britischen Kampfflugzeuge über Deutschland zu sehen waren, erließ Adolf Hitler 1940 das sogenannte „Führer Sofortprogramm“. Bis zu 7 Prozent der deutschen Zivilbevölkerung sollten in landesweit insgesamt 3 000 Hochbunkern Schutz vor feindlichen Angriffen aus der Luft finden. Den Auftrag zur Koordination der umfangreichen Bauarbeiten erhielt Görings Reichsluftschutzbund.

Mit den Erdarbeiten zum Bau des Bunkers in Alt-Griesheim begann man am 2. September 1941, mit den Betonarbeiten am 10. November 1941. Wann genau das Bauwerk seiner Bestimmung übergeben werden konnte, lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit feststellen. Zweifellos ist jedoch, dass es Schutzplätze für 1 184 Menschen bot und viele Griesheimer diesem Bauwerk mehrfach die Rettung ihres Lebens zu verdanken haben.

Vermutlich hatte die Griesheimer Ortsgruppe der NSDAP starkes Interesse daran, dass der größte Griesheimer Bunker ausgerechnet inmitten der damals wunderschönen Parkanlage „Gemeindegarten“ mit ihren eleganten Spazierwegen und ihrem Teich samt Wasserfontäne errichtet wurde. Schließlich befanden sich die Parteibüros unmittelbar neben den westlichen Bunkerzugängen, in der früheren Bürgermeistervilla „Am Gemeindegarten 7“. So sicherten sich die Parteimitglieder den kürzestmöglichen Fluchtweg.

Persönliche Erfahrungen mit Bombardements aus der Luft hatte man im Stadtteil bereits gemacht. Schon der erste Luftangriff auf Frankfurt am Abend des 4. Juni 1940 richtete auch in Griesheim Schäden an. Rund 40 Sprengbomben, abgeworfen von einem halben Dutzend Handley-Page-Hampden-Bombern der britischen Royal Air Force, schlugen im Stadtteil ein.

Wer bei den im Kriegsverlauf immer häufiger werdenden Luftangriffen auf Griesheim keinen Zu-gang zum großen Bunker erhielt, hatte weniger sichere Alternativen. Im Februar 1940 wurde allen Frankfurter Hausbesitzern zur Auflage gemacht, Luftschutzkeller herzurichten und nach Möglichkeit Durchbrüche zu den Nachbarkellern herzustellen, damit Verschüttete über Fluchtwege verfügten. Noch heute kann man in vielen Griesheimer Kellern die baulichen Veränderungen jener Zeit deutlich erkennen.

Als der Zweite Weltkrieg im Mai 1945 mit der deutschen Kapitulation beendet wurde, beklagte man in Griesheim 68 Tote und 400 zerstörte Gebäude durch Luftangriffe. Nach der Innenstadt und Oberrad war Griesheim der am drittstärksten zerstörte Stadtteil Frankfurts. Selbst auf dem Dach des Hochbunkers detonierte eine Luftmine, zerstörte dessen Spitzdach und be-schädigte sämtliche Gebäude am Gemeindegarten.

Viele Frankfurter Museen brachten ihre Exponate rechtzeitig vor der endgültigen Vernichtung der Frankfurter Altstadt mit all ihren Baudenkmälern außerhalb der Stadt in Sicherheit. Die Luftschutz-bunker konnten nach Ende der Kampfhandlungen umgenutzt werden und boten großzügige, sichere Lagerflächen. So wurde entschieden, die umfangreiche Sammlung des Historischen Museums Frankfurt mit ihren Gemälden, Möbeln und Gegenständen aus mehreren Jahrhunderten im Griesheimer Hochbunker einzulagern, bis in der Altstadt neu errichtete Räumlichkeiten bezugsbereit wären. Die frei gebliebene oberste Bunker-Etage vermietete man an die Nationalbibliothek unter, die von dort aus zeitweise sogar eine Fernleihe durchführte. Erhalten sind bis heute verzweifelte Schriftwechsel zwischen dem Direktorium des Historischen Museums und der Stadtverwaltung Frankfurt in ihrer Rolle als Vermieterin des Bunkers. Im Gebäude-Inneren fand Ende der 1940er Jahre keinerlei Luftaustausch statt, und die Luftfeuchtigkeit war für die Exponate dramatisch zu hoch. Mehrere Gemälde und alte Möbelstücke erlitten starke Lagerschäden, und ihre Restaurierungskosten überstiegen den Eigenwert. Um das Problem teilweise zu lösen, ließ die Stadt durch einen Sprengmeister drei große Öffnungen in die 2,50 Meter dicken Bunkerwände sägen und Fenster einbauen. Die Fensteröffnungen wurden nach dem Auszug des Historischen Museums wieder verschlossen, doch erkennt man sie vom Inneren des Gebäudes bis heute.

Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland zählten eine Vielzahl der Kriegsbunker zum Bun-desvermögen. In einer sorgsam vor der Öffentlichkeit verborgenen Aktion investierte der Bund ab 1987 Gelder in die Ertüchtigung des Griesheimer Hochbunkers. Unter dem Eindruck der Bedrohung durch den Kalten Krieg wurden unter anderem neue Elektroleitungen installiert. Selbst viele Anwohner bekamen nichts von dem Ein- und Ausgehen der Handwerker mit.

Nur zwei Jahre später fiel der Eiserne Vorhang, und die Spannungen zwischen West und Ost fanden vorerst ein Ende. Der Bund ging dazu über, landesweit eine Vielzahl von Bunkern im Rahmen von Versteigerungen in Berlin an privat zu veräußern. Als der Bunker am Gemeindegarten zur Versteigerung kam, reisten auch einige Griesheimer Bürger nach Berlin und versuchten ihr Glück. Den Zuschlag bekam das Architekten-Ehepaar Till und Dorothée Kuhlmann aus Heidelberg. Allen Skeptikern zum Trotz erhielten sie die Baugenehmigung für acht Reihenhäuser, die sie auf dem äußerst belastbaren Korpus des alten Hochbunkers realisierten. Seit einigen Jahren logieren nun die acht Mietparteien in hochwertig ausgestatteten Räumlichkeiten – und genießen einen unverbaubaren Blick auf den Taunus und die Skyline. Nur wenige Meter unter ihnen erzählt das historische Bauwerk weiterhin in unheimlicher Weise von den Schrecken des letzten Krieges in Frankfurt.

(red)

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