Die Flügelspannweite beträgt knapp zwei Meter, der ganze Kerl ist 1,05 Meter hoch: Der rund 30 Kilogramm schwere Pelikan von der Turmspitze des Bolongaropalasts wurde gestern stoßsicher eingepackt und per Hubbühne auf den Boden geholt.
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Die Flügelspannweite beträgt knapp zwei Meter, der ganze Kerl ist 1,05 Meter hoch: Der rund 30 Kilogramm schwere Pelikan von der Turmspitze des Bolongaropalasts wurde gestern stoßsicher eingepackt und per Hubbühne auf den Boden geholt.

Dachsanierung

Turmspitze des Bolongaropalasts: Der Pelikan ist weggeflogen

  • Holger Vonhof
    VonHolger Vonhof
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Industriekletterer haben gestern Vormittag den Pelikan vom Dachreiter-Turm des Bolongaropalasts heruntergeholt. Für die Dauer der Dachsanierung wird der vergoldete Vogel in einer Werkstatt eingelagert.

Ein goldener Pelikan blickt seit 1774 über den Garten des Bolongaropalasts in Richtung Main. Damals gehörten die amerikanischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas noch zur britischen Krone, und in Frankfurt, der Freien Reichsstadt, kostete ein Paar Stiefel 15 Taler, eine Hose drei Taler und ein Hut zwei Taler. Ein Lehrer verdiente im Jahr etwa 150 Taler, ein Maurer 80, und ein Tagelöhner brachte in zwölf Monaten etwa 50 Taler zusammen. Für die Bauherren des Bolongaropalasts, die Brüder Bolongaro, waren das „Peanuts“ – die Großkaufleute kleckerten nicht, sie klotzten Frankfurt im damals noch selbstständigen Höchst einen Palast vor die Tore, der sich gewaschen hatte – und dazu gehörte auch der vergoldete Pelikan.

In Fulda eingelagert

„Der ist aus Kupfer getrieben und vergoldet“, sagt Bernhard Krönung. Er muss es wissen, denn er hat ihn gebaut und 2009 aufs Dach gesetzt, nachdem der Vorgänger von Sturmtief Emma am ersten Märzwochenende 2008 heruntergerissen worden war (wir berichteten). Der Abgestürzte steht – aus Trümmern zusammengeflickt – zur Dekoration derzeit im Ost-Pavillon, wo die Verwaltung untergekommen ist, seit der Palast Baustelle ist.

Bernhard Krönung ist Metallrestaurator, seine Firma sitzt in Fulda. Dort wird der Pelikan jetzt eingelagert. „Er muss auch neu vergoldet werden“, sagt Krönung. Der Vogel ist gestern von Industriekletterern mit einem Hubsteiger heruntergeholt worden, damit er bei der nun anstehenden Dachrestaurierung nicht womöglich vom Kran abgerissen wird.

Der Pelikan ist ein altes christliches Symbol für die Aufopferung, für den Opfertod Jesu. In der Antike schon glaubte man, dass der Pelikan seine Jungen mit Blut füttert, für das er sich die eigene Brust aufhackt. Tatsächlich färbt sich beim Krauskopfpelikan während der Brutzeit das Gefieder im Bereich der Kehle rot, was die Erklärung für diesem Mythos liefert. In der christlichen Symbolik ist der sein Blut opfernde Pelikan ein Symbol für Jesus Christus.

„Es wird seit der Fertigstellung des Palasts ein Pelikan auf der Turmspitze gestanden haben“, sagt Bernhard Krönung. Schon lange aber ist das Original verloren. Auch der abgestürzte Pelikan war nur eine Replik, „aus Zinkblech“, wie Krönung weiß. Der Pelikan war zuletzt in den 1920er Jahren erneuert und 1976 restauriert worden.

Ein europäischer Konzern

Die vom Lago Maggiore stammenden Brüder Bolongaro hatten sich 1735 in Frankfurt niedergelassen und dort die größte Tabakhandlung und Schnupftabakmanufaktur in ganz Europa gegründet. Das Handelshaus Bolongaro besaß Zweigniederlassungen unter anderem in Antwerpen, Leipzig und Würzburg; „Konzernzentrale“ war zunächst das Haus Zum Wölffchen in der Töngesgasse. Die Bolongaros handelten außer mit Tabak auch mit Gewürzen, Südweinen, Kaffee und Tee und waren zugleich auch Bankiers. Obwohl sie ein beträchtliches Vermögen erworben hatten und Bankiers damals schon etwas galten in der Kaufmannsstadt, verweigerten die Frankfurter Stadtväter den Bolongaros das Bürgerrecht – sie waren Katholiken, Frankfurt war protestantisch. Selbst Kaiser Franz I. Stephan intervenierte vergeblich: Josef Maria Markus Bolongaro, der eigentlich Guiseppe hieß, wurde 1756 nur als Beisasse zugelassen und vom Rat der Stadt mit einer hohen Sondersteuer zum „Schutz seiner persönlichen Sicherheit“ belegt.

Da witterte der in Konkurrenz zu Frankfurt stehende Mainzer Kurfürst Emmerich Josef seine Chance: Er bot den Brüdern an, sich in Höchst anzusiedeln. Der Kurfürst hatte große Pläne von einer „Höchster Neustadt“ und brauchte Investoren. 1771 wurde Guiseppe Bolongaro Bürger von Höchst; der Palastbau begann, aber bevor um ihn herum die Höchster Neustadt entstehen konnte, starb der Mainzer Kurfürst anno 1774. Auch die Bolongaros nutzten ihren feudalen Palast – den größten bürgerlichen Barockpalast nördlich der Alpen – nur kurz: Nach dem Tode Guiseppe Bolongaros 1779 einigten sich die Erben mit dem Frankfurter Rat schließlich doch noch und erhielten 1783 das Frankfurter Bürgerrecht. Fast 250 Jahre später gibt es noch eine Modelinie Bolongaro, die etwa in den traditionsreichen Londoner Kaufhäusern Harrod’s und Fortnum & Mason angeboten wird.

Am heutigen Samstag wird mit mehrmonatiger Verspätung endlich der Kran für die anstehenden Dachdeckerarbeiten gestellt. Beim Aufbau des Krans kommt ein großer Autokran zum Einsatz, für den die Bolongarostraße von heute, 7 Uhr, bis morgen gegen 18 Uhr gesperrt wird. Der Autoverkehr wird über den Mainberg und die Amtsgasse umgeleitet. Die Buslinien, die sonst durch die Bolongarostraße fahren, müssen auf eine andere Strecke ausweichen: Die Haltestellen „Leverkuser Straße“ und „Mainberg“ der Linie 50 in Fahrtrichtung Bockenheimer Warte, der Linie 54 in Richtung Bolongaropalast und Griesheim und der Linie 55 nach Rödelheim entfallen.

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