Kriminalität

Die ungeklärten Mordfälle, bei denen es nicht mal Verdächtige gibt

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Der Mörder der kleinen Johanna Bohnacker aus Ranstadt in der Wetterau wurde im November nach mehr als 18 Jahren noch gefasst. Auch im Main-Taunus-Kreis gibt es noch Mordfälle, die noch nicht aufgeklärt sind.

Wie viele „Cold Cases“, wie Fachleute die Tötungsdelikte bezeichnen, die die Polizei nicht aufklären kann, es im Bundesgebiet gibt, lässt sich nicht genau feststellen. Sicher ist nur, dass sich einige dieser ungeklärten Fälle im beschaulichen Main-Taunus-Kreis ereigneten. Aber hin und wieder gibt es nach Jahrzehnten eine neue Spur, die den oder die Täter überführen. Die Mörder und Totschläger können sich zeitlebens nie sicher sein, nicht doch noch vor Gericht zu stehen. Denn Mord verjährt nicht. Zuletzt hatte der vermeintliche Serienmörder Manfred S. aus Schwalbach wieder für Schlagzeilen gesorgt. Dem inzwischen bereits verstorbenen Mann legt die Polizei zehn Morde an Prostituierten – meist aus dem Frankfurter Drogenmilieu – zu Last. Verwandte des Schwalbachers hatten nach seinem Tod in einer von ihm angemieteten Lagerstätte mehrere Leichenteile in Fässern gefunden und die Polizei informiert. Daraufhin setzten umfangreiche Ermittlungen ein. Die Beamten kamen nach monatelangen Recherchen zu der Überzeugung, dass Manfred S. auch für die Ermordung des Schülers Tristan im Jahr 1998 in Frankfurt-Höchst verantwortlich sein könnte. Bisher hat sich dieser Verdacht aber spurentechnisch nicht erhärten lassen.

Die immer weiter fortschreitende und damit auch größer werdende technische Entwicklung macht es möglich, dass Mordfälle noch nach Jahrzehnten aufgeklärt werden: Die moderne Kriminalwissenschaft ist bei den Ermittlern meist die letzte Hoffnung, wenn es um Morde geht, die vor zehn, zwanzig oder noch mehr Jahren verübt aber noch nicht aufgeklärt wurden. Dabei können eventuell Kleider oder Zigarettenstummel, Fäden oder Haare eine entscheidende Rolle spielen. So reichen beispielsweise kleine Hautpartikel, Schweißspuren oder Speichelreste aus, um daraus die DNA eines Täters herauszufiltern. Manchmal hilft auch „Kommissar Zufall“, wenn ein Mörder wegen eines anderen Delikts registriert wird und ein Abgleich von Spuren zu Verbrechen führt, die bislang nicht geklärt werden konnten.

Der erste dieser noch ungelösten Morde im Kreisgebiet ist zugleich der schockierendste Fall. Der acht Jahre alte Olaf Martin Stoltze fiel im Oktober 1972 in Kelkheim einem Sexualverbrecher zum Opfer. Spaziergänger fanden die Leiche des Schülers im „Schlenkersgrund“ in Kelkheim-Hornau. In der Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse vom 9. Oktober 1972 wurde ein Kriposprecher mit seiner Aussage zu dem Mord zitiert. Der Beamte sagte damals: „Über den Zustand des getöteten Kindes wollen wir schweigen. Es soll lediglich gesagt werden, dass der Junge offensichtlich einem sadistischen Sexualverbrecher zum Opfer gefallen ist.“ Nachdem alle Spuren ausgewertet und allen Hinweisen aus der Bevölkerung nachgegangen wurde, stand für die Kriminalbeamten eines fest: Der Mörder stammt aus Kelkheim und war über 50 Jahre alt. Doch trotz einer großen Öffentlichkeitskampagne konnte der Täter bis heute nicht gefunden werden.

Alptraumhaft ereignete sich Anfang der siebziger Jahre in Hofheim ein Mord, dessen Vorbereitung unbemerkt blieb. Der Geschäftsmann Artur Rosza wurde am 9. August 1973 von einem Unbekannten erschossen. Der Täter hatte den Händler wahrscheinlich vor einer Bank abgepasst. Dann hatte er den Mann durch mehrere Straßen bis zu dessen Geschäfts- und Wohnräumen vor sich hergetrieben. Danach ermordete der Unbekannte den Briefmarkenhändler kaltblütig. Der Fall warf damals viele Fragen auf, Antworten gab es keine darauf. Nur viele Spekulationen, was der Grund für den Mord gewesen sein könnte. Selbst ein Bericht der in den 70er Jahren bekannten ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ brachte keinen Erfolg.

Geht es nach der Reihenfolge der furchtbaren Ereignisse, so steht der Mord an dem italienischen Chemiefachwerker Nicola D’ Ascenzo an dritter Stelle der ungeklärten Fälle. Der italienische Staatsbürger wurde am 1. Oktober 1986 von einer Putzfrau in seinem Ein-Zimmer-Appartement in einem Wohnheim der Hoechst AG in der Krifteler Paul-Duden-Straße tot aufgefunden. Der bescheidene, zurückhaltende Mann hatte zwar einige Bekannte, doch die Kripo konnte nach der Abarbeitung aller Hinweise kein Motiv für den Mord herausfinden. Lediglich die Todesursache stand fest: Der 64-Jährige wurde erschlagen. Eine offene Wunde auf der linken Seite des Kopfes wies auf die tödliche Verletzung durch eine stumpfe Tatwaffe hin.

Ebenfalls in der kleinen Gemeinde Kriftel ereignete sich der vierte Fall der bisher ungeklärten Morde im Main-Taunus-Kreis. Andreas Bödiger wurde von seiner Mutter in dessen Wohnung am Berliner Platz leblos auf dem Boden liegend gefunden. Der 25-Jährige war im Jahr 1990 durch Gewalteinwirkung auf den Kopf getötet worden, berichtete damals die Polizei der Presse. Auch bei diesem Fall waren die Rätsel größer als die Hinweise auf den Grund für die Ermordung von Andreas Bödiger. Bis heute gibt es weder Hinweise auf das Tatmotiv noch auf Verdächtige.

Zwei Morde an Prostituierten innerhalb von nur einigen Monaten schockierten und waren dann Gesprächsthema an den Stammtischen. Ein Pilzsammler fand zufällig am 30. Juni 1991 am Parkplatz „Eselsweg“ im Langenhainer Wald die teilweise schon verweste Leiche der 36 Jahre alten Gisela Singh. Der Mörder hatte die Frau erwürgt oder erdrosselt. Das Opfer war drogenabhängig. Die junge Frau verdiente sich auf dem Autostrich im Frankfurter Westend ihren Lebensunterhalt. Gisela Singh hatte Aids, was damals zu Spekulationen über das Mord-Motiv führte. Ihre Leiche hatte bereits mehrere Wochen an dem Fundort am Langenhainer Wald gelegen.

Das nächste Opfer wurden einige Monate später in Bremthal gefunden. Dort entdeckte ein niederländisches Ehepaar, das sich nach langer Fahrt auf dem Parkplatz „Am Sandstein“ an der B 455 die Beine vertreten wollte, am 15. August 1992 die Leiche von Manuela Rumpf. Sie war erdrosselt worden. Nach der Obduktion der Leiche stellte sich heraus, dass die junge Frau drogenabhängig gewesen war. Ihre Sucht finanzierte die 26-Jährige durch Prostitution am Frankfurter Hauptbahnhof sowie in der Kaiserstraße.

Der vorerst letzte Fall in der Reihe der ungeklärten Mordfälle im Main-Taunus-Kreis spielten sich in Flörsheim ab. Am 15. August 2003 wurde der 86 Jahre alte Josef Hellinger in seinem Haus in der Heinrich-Heine-Straße ermordet. Der oder die Täter hatten den Rentner zuvor mit Kabelbindern gefesselt. Der oder die Mörder hatten zwei Kabelbinder so fest um den Hals des Rentners gewickelt, dass er qualvoll erstickte. Dem sterbenden Mann wurde außerdem ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser in die Brust gestoßen. Der oder die Täter nahmen mehrere Sparbücher mit. Bis heute ist auch dieser brutale Mord ungeklärt.

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