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In den Baracken hinter der Schafweide wurde der ZDF-Sendebetrieb vorbereitet und schließlich auch aufgenommen. Repros: privat

Historisch

1963 nahm die vom Bundeskanzler gewünschte Alternative zur ARD an den Bahngleisen den Sendebetrieb auf

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Das ZDF verbinden heute die meisten Menschen mit dem Lerchenberg in Mainz. Die Anfänge des Zweiten Deutschen Fernsehen liegen jedoch in Eschborn: Im ersten Jahr wurde aus einer ehemaligen Ziegelei gesendet, die bei Regen nur mit Gummistiefeln zu erreichen war.

Geschadet hat es seiner TV-Karriere nicht. Aber als Dieter Kürten 1963 zum Vorstellungsgespräch beim Zweiten Deutschen Fernsehen kam, konnte er seine feinen Schuhe hinterher nur noch wegwerfen. Der Grund: Im ersten Jahr sendete das ZDF aus einer ehemaligen Ziegelei in Eschborn. Die Baracken und der schlammige Untergrund brachten dem Gelände den Spitznamen Telesibirsk ein, eine spöttische Anspielung auf die Verhältnisse in Sibirien.

Besonders fein gekleidete Ansagerinnen sollen schon mal ins Studio getragen worden sein, berichtet Stadtarchivar Gerhard Raiss. Er kennt noch zahlreiche weitere solche Anekdoten, über die er am Mittwoch berichten wird.

Adenauer-Fernsehen

Angefangen hatte alles schon einige Jahre vorher: Bundeskanzler Konrad Adenauer war die Berichterstattung der ARD manches Mal ein Dorn im Auge. Er wollte eine Alternative schaffen: Die Freies Fernsehen GmbH wurde gegründet, die auf einem rund 17 000 Quadratmeter großen Grundstück in Eschborn den Sendebetrieb vorbereiten sollte. Allein, das Bundesverfassungsgericht machte dem sogenannten

Adenauer-Fernsehen

1961 einen Strich durch die Rechnung: Die Rundfunkkompetenz liege bei den Ländern.

Diese nahmen ihr Glück nun selbst in die Hand und übernahmen die zwischenzeitlich verwaiste Infrastruktur inklusive rund 300 Stunden vorproduzierter Filme und 49 Beschäftigten der ehemaligen GmbH. Am 1. April 1963 ging schließlich das ZDF auf Sendung – nahe den Bahngleisen Richtung Kronberg, etwa auf dem Gelände der heutigen Grundschule Süd-West und dem Central Hotel.

Ziemlich genau ein Jahr später, am 8. April 1964, war die Episode Eschborn mit dem Umzug nach Wiesbaden und später nach Mainz schon wieder vorbei. Eschborn lag auf lange Sicht zu ungünstig, sagt Raiss. Zudem befand der ZDF-Verwaltungsrat einen Ausbau des Provisoriums als zu teuer.

Filme am Fallschirm

Schon in der Eschborner Zeit gaben sich Größen wie Peter Frankenfeld, Wim Thoelke oder Harry Valérien die Klinke in die Hand. Letzterer begründete das Aktuelle Sportstudio mit, das bis heute seinen festen Platz im Programm hat.

Wenn man heutige Übertragungswagen sieht, kann man sich kaum mehr vorstellen, wie damals produziert wurde. Gerhard Raiss: „Berichte über Sportereignisse wurden seinerzeit an Ort und Stelle gefilmt, dann mit einer einsitzigen Sportmaschine nach Eschborn geflogen und der Film mit einem Fallschirm über dem Sendegelände abgeworfen.“ Mancher Bub hat sich mit dem Einsammeln und dem Kurierdienst in die Studios ein kleines Taschengeld dazuverdient.

Auch heute noch führen die Bahngleise an dem Gelände entlang. Damals allerdings sind Schienen noch nicht geschweißt, sondern gestoßen worden. Kam der Zug aus oder nach Kronberg, führte das zu einem gleichmäßigen, monotonen Klackergeräusch – das über den Feldberg bei Live-Sendungen bundesweit an damals rund fünf Millionen existierende Fernsehgeräte verbreitet wurde. Wie auch das Pfeifen der Züge, denn in unmittelbarer Nähe befand sich ein unbeschrankter Bahnübergang. Das ZDF konnte sich mit der Bahn schließlich dahingehend einigen, dass zumindest die Schienen auf dem Teilstück, das an den Baracken vorbeiführte, verschweißt wurden.

Flächen und Finanzen

1967 kaufte Eschborn das Gelände und baute es zurück. Auch wenn die Vorstellung Charme hat, dass Sendungen wie der ZDF-Fernsehgarten heute noch aus Eschborn ausgestrahlt werden könnten: Aus Sicht der Stadt könne man froh sein, dass es anders gekommen ist, findet Gerhard Raiss. Der Flächenbedarf des Senders ist heute sehr groß. Vielleicht noch wichtiger ist aber, dass das ZDF als Anstalt des öffentlichen Rechts steuerprivilegiert ist, Eschborn also zumindest aus finanzieller Sicht kaum profitiert hätte.

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