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Ein ausgewachsenes Zauneidechsenexemplar.

Neue Wohngebiete

Warum zwei Zauneidechsen-Populationen eine neue Heimat bekommen - und wer das bezahlt

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Egal ob Feldhamster, Siebenschläfer oder Eidechsen: Die Lebensräume dieser Tiere sind oft den Menschen im Weg. So auch in Hattersheim in zwei Gebieten, in denen Wohnungs- und Gewerbebauten ausgewiesen sind. Für die Tiere wurden neue Lebensbereiche gefunden.

Was sind das bloß für merkwürdige Steinhaufen, die sich da im Feld neben dem Okrifteler Friedhof erheben? Auf Spaziergänger könnten die Ansammlungen zunächst wie Lagerflächen oder Maßnahmen zur Landschaftsgestaltung wirken. In Wahrheit handelt es sich um ein Neubaugebiet für Reptilien. Die Zauneidechse – Lacerta agilis – hat zwischen den steinigen Brocken neuen Wohnraum gefunden. Seit dem Ende des Sommers leben die geschützten Tiere am Okrifteler Ortsrand.

Ganz freiwillig sind die Reptilien nicht in ihr neues Quartier eingezogen. Die Eidechsen lebten zuvor im Bereich des Baugebietes Ölmühle am Hessendamm. Auf dem rund vier Hektar großen Areal sollen 360 Wohnungen errichtet werden. Eine Auflage, die sich aus vorausgegangenen Gutachten ergab, war die Umsiedlung der bisherigen tierischen Bewohner. Dass geschützte Tiere bei Bauprojekten in die Quere kommen, ist nicht ungewöhnlich. Laut Gloria Gotzhein vom städtischen Grünflächenamt gehören Amphibien, Hamster oder Brutplätze von Vögeln zu den „Klassikern“.

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Hauptspeise der Eidechsen sind Käfer

An der Ölmühle waren es eben die Zauneidechsen. Laut Gotzhein ging es um 20 bis 30 Tiere, die im Sommer von Biologen aufgespürt und eingesammelt wurden. Ihr neues Zuhause in Okriftel ist auf die Bedürfnisse der Reptilien zugeschnitten: Die Zauneidechsen leben in den Zwischenräumen sogenannter „Steinlinsen“. In ovalen Vertiefungen wurden Steine aufgeschichtet, zwischen denen die Tiere Schutz finden. Gleichzeitig bieten die Steine den Tieren die Möglichkeit, sich zu sonnen. Wechselwarme Reptilien seien auf Plätze angewiesen, die nicht zu stark beschattet sind, erklärt Gloria Gotzhein. Neben den Steinen dienen Äste und Totholz den Tieren in ihrem Rückzugsgebiet als Unterschlupf.

An der Voltastraße baut das Unternehmen e-shelter. In dem Gewerbegebiet mussten Eidechsen umgesiedelt werden.

Die Zauneidechse kommt in Mittel- und Osteuropa sowie im Süden Schwedens vor. Sie erreicht eine Länge von bis zu 24 Zentimetern. Diese Körpergröße kann jedoch zwischenzeitlich schrumpfen: Die Tiere sind nämlich in der Lage, bei Bedrohung einen Teil ihres Schwanzes abzuwerfen. Feinde sollen durch diesen Trick abgelenkt werden. Der Schwanz wächst später allerdings wieder nach. Die meist bräunliche Färbung der Reptilien variiert von Exemplar zu Exemplar. Im Sommer können außerdem leuchtend grüne Eidechsen beobachtet werden. Dann signalisieren die Männchen ihre Paarungsbereitschaft mit einer Grünfärbung von Kopf und Bauch. Zauneidechsen ernähren sich hauptsächlich von Heuschrecken und Käfern. Sie stehen auf der Roten Liste der geschützten Tierarten.

Markante Steinhaufen bieten Eidechsen ein Refugium

Trotz Gefährdung sind die Reptilien häufiger anzutreffen. „Die sind gar nicht so selten“, sagt Gloria Gotzhein. Die neue Ansiedlung in Okriftel ist demnach auch nicht die einzige Stelle im Hattersheimer Stadtgebiet, wo man auf die markanten Steinhaufen stößt. Bereits im Jahr 2013 wurde ein Refugium für Zauneidechsen auf einem städtischen Grundstück an der Voltastraße geschaffen. Im Rahmen der Vorbereitungen für das Gewerbegebiet, in dem derzeit ein großes Rechenzentrum errichtet wird, musste eine Ausgleichsfläche für die Eidechsen geschaffen werden. Kurz bevor der südliche Teil der Voltastraße über die Bahnlinie führt, wurden ebenfalls zehn Steinlinsen angelegt. Für die Einrichtung und Unterhaltung der Flächen haben die jeweiligen Bauträger in den Neubaugebieten aufzukommen. Die Kosten werden auf die Investoren verteilt.

Bleibt noch zu hoffen, dass die Zauneidechsen ihre neuen Behausungen annehmen. Bei den Tieren bleibe ein gewisser räumlicher Bezug zu ihren früheren Lebensräumen, weiß Gloria Gotzhein. Deshalb sei an der Voltastraße auf Wunsch der Unteren Naturschutzbehörde ein Hindernis eingerichtet worden, das die Reptilien von einer Rückkehr ins Gewerbegebiet zurückhält. In Okriftel ist dies bisher noch nicht der Fall.

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