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Emi (12), Chebrail (13), Stella (13) und Niko (13) sind die besten Vorleser an der Walter-Kolb-Schule.

Stadt-Entscheid

Wenn diese Schüler vorlesen, hören alle gespannt zu

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Lesekompetenz ist die Fähigkeit, einzelne Wörter, Sätze und ganze Texte flüssig zu lesen und im Textzusammenhang zu verstehen. Weil das eine Grundtechnik nicht nur für den schulischen Erfolg ist, wird das Lese-Training in der Walter-Kolb-Schule groß geschrieben.

„Die Lesekompetenz ist recht niedrig“, sagt Ricarda Ebert-Diehl. Die Lehrerin hat festgestellt, dass Schüler aus den sechsten Klassen der Walter-Kolb-Schule meist zu Büchern greifen, die eigentlich für Jüngere gedacht sind, wenn es an den jährlichen Vorlesewettbewerb geht. An dieser Veranstaltung des Deutschen Buchhandels nimmt die Unterliederbacher Grund-, Haupt- und Realschule seit Jahren teil – mit dem Ziel, ihre Schüler zu kompetenten Lesern zu machen.

Mitmachen können alle Sechstklässler. Wer gerne liest und Spaß an Büchern hat, ist eingeladen, sein Lieblingsbuch vorzustellen und eine kurze Passage daraus vorzulesen. Chebrail Okatan (12) aus der Klasse 6 R b der Walter-Kolb-Schule etwa liest aus „Linus Lindbergh und die Invasion der Roboter“, dem zweiten Band einer Kinder-Fantasy-Abenteuer-Reihe um einen frisch gebackenen Spezialagenten, der zusammen mit seiner Freundin und einem durchgeknallten Haushaltsroboter den Anführer einer Roboter-Armee ausschalten muss. Der Autor Tobias Elsäßer wurde schon mehrfach für seine Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnet.

Chebrail ist das egal – er mag das Buch und durchlebt die Handlung, während er vor etwa 90 gespannt lauschenden Sechstklässlern am Mikrofon vorliest. Chebrails Mimik arbeitet; er gestikuliert und klatscht in die Hände. Das Lampenfieber, das er vor seinem Auftritt hatte, ist wie weggeblasen. Auch seine Zahnspange ist ihm egal. Er merkt: Er hat seine Zuhörer in den Bann gezogen.

Dafür gibt es beim Vorentscheid in der Walter-Kolb-Schule den ersten Platz. Chebrail darf die Schule nun im neuen Jahr beim Frankfurt-Entscheid vertreten. Den zweiten Platz belegt Stella Yeboah (13) aus der Klasse 6 R a; sie liest – ebenfalls sehr mutig – aus „Die Schule der magischen Tiere“, einer Kinderbuchreihe der Schriftstellerin Margit Auer. Niko Miloanas (13) aus der 6 H a, der Drittplatzierte der Walter-Kolb-Schule, trägt ebenfalls mit viel schauspielerischem Einsatz vor. Auf den vierten Platz kommt Emi Majlat (12) aus der 6 H b, die aus Renate Welshs Geschichte „Das Vamperl“ vorliest.

„Die Kinder haben alle am Mikrofon gelesen, einige das erste Mal vor Publikum“, lobt Ricarda Ebert-Diehl den Mut der Teilnehmer, die von ihren Klassen und ihren Deutschlehrern nominiert worden sind. Drei Deutschlehrer bildeten die Jury. Ihnen gefiel besonders, wie Chebrail, der vor seinem Auftritt sehr nervös war, sich auf den Text konzentrierte und quasi in der Welt des Buches versank: „Er hat alles um sich herum vergessen“, analysiert Ricarda Ebert-Diehl. „Er konnte sein Lampenfieber produktiv nutzen.“

Chebrail liest gerne – vor allem jetzt im Winter, wo man es sich so schön gemütlich machen kann. In der wärmeren Jahreszeit ist er lieber mit seinen Freunden draußen unterwegs. Bis es draußen wieder warm wird, kann er jedoch für den Frankfurt-Entscheid üben, der im Februar ansteht. Doch auch schon für den Schul-Entscheid haben die Sechstklässler der Walter-Kolb-Schule tüchtig geübt. „Es bereiten sich auch Kinder vor, die sonst nicht so viel lesen“, sagt Ebert-Diehl, „da gehen viele Deutschstunden drauf.“

Zur Belohnung gibt es für die Sieger ein Buch. „Es sagen alle, dass es sie sehr weitergebracht hat“, weiß Ricarda Ebert-Diehl. Für Chebrail war es vor allem ein tolles Gefühl, dass ihm alle zugehört haben. Er hat eine große Herausforderung gemeistert – wie auch Stella, Niko und Emi. Denn darauf kommt es an.

Der Vorlesewettbewerb des Deutschen Buchhandels wird seit 1959 jährlich von dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Zusammenarbeit mit Buchhandlungen, Bibliotheken, Schulen und anderen kulturellen Einrichtungen durchgeführt. Er steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und zählt zu den größten bundesweiten Schülerwettbewerben. Rund 600 000 Kinder der sechsten Klassen aller Schularten beteiligen sich jedes Jahr an rund 7000 Schulen. Der Wettbewerb läuft seit Oktober; gestern war der letzte Meldetag für die jeweiligen Schulsieger.

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