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"Wie ein Engel im Leben der anderen"

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Bei den Ausbildungskursen besteht für die künftigen Notfallseelsorger auch die Möglichkeit zum intensiven Austausch mit Polizei und Rettungskräften.
Bei den Ausbildungskursen besteht für die künftigen Notfallseelsorger auch die Möglichkeit zum intensiven Austausch mit Polizei und Rettungskräften. © skr

Vor zehn Jahren wurden die ersten 20 ehrenamtlichen Notfallseelsorger im Main-Taunus-Kreis beauftragt

Main-Taunus -"Für mich war es ein Privileg, beim Neustart der Notfallseelsorge im Main-Taunus-Kreis mit dabei gewesen zu sein", erinnert sich Pastor Artur Wiebe an die Umstellung vom pfarr- zum ehrenamtlichen System vor zehn Jahren. Damit konnten die strukturellen und organisatorischen Grundlagen für eine personelle Abdeckung der Dienstbereitschaft rund um die Uhr gelegt werden. "Das war eine echte Herausforderung, freudige Verantwortung und auch Tüftelei - hatte ich doch die automatisierte Telefonumleitung unserer Alarmrufnummer quasi selbst gebastelt. Inzwischen gibt es allerdings stabile Lösungen, die den Betroffenen und Rettungskräften die Sicherheit gibt, in Notfällen schnell und zuverlässig seelsorgerischen Beistand zu bekommen."

135 Einsätze im vergangenen Jahr

Seitdem hat sich nicht nur bei der Technik viel getan: Aus 20 Ehrenamtlichen, die am 12. Februar 2012 im Rahmen eines Gottesdienstes in Okriftel feierlich beauftragt wurden und die markante lilafarbene Dienstjacke in Empfang nehmen durften, ist mittlerweile ein Team aus rund 50 Notfallseelsorgern erwachsen. Dieses wird inzwischen von Pfarrerin Christine Zahradnik geleitet und hat im vergangenen Jahr 135 Einsätze übernommen, fast 40 Prozent mehr als 2020. In über 1000 Einsatzstunden konnten - zumeist nach häuslichen Todesfällen, Suiziden, Verkehrsunfällen oder im Rahmen der Überbringung einer Todesnachricht mit der Polizei - 524 Menschen betreut werden.

Auch nach der Flut im Ahrtal war das Engagement groß. "Ich kümmerte mich um Familien, die ihre Häuser verloren hatten, und einen Mann, der eine Nacht auf einem Baum verbrachte, bevor er von einem Hubschrauber gerettet wurde, und das Erlebte verarbeiten musste", so Ursula Cerezo-Riemann, die gemeinsam mit fünf hiesigen Kollegen im überregionalen Team der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) im Katastrophengebiet war. "Diese Tage haben mir mehr denn je gezeigt, wie wichtig unsere vielseitige Tätigkeit in der Notfallseelsorge ist."

Doch gerade im Main-Taunus-Kreis wurde eben erst vor zehn Jahren eine Organisation aufgebaut, die den Bedarf an seelsorgerischer Begleitung in Notfällen auch decken konnte. Einen wesentlichen Impuls dazu setzte Pfarrer Andreas Mann, der bereits 1993 in Wiesbaden das erste vergleichbare System im Bereich der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) - den Verein "Seelsorge in Notfällen" (SiN e.V.) - mitgegründet hatte: "2007 wurde dann eine Viertelpfarrstelle für die Einsatzbereitschaft in der Notfallseelsorge im MTK eingerichtet, und damit war eine gewisse Hoffnung verknüpft, die Lage zu verbessern, zumal sich 17 evangelische und katholische Pfarrer bereiterklärt hatten, bei Alarmierungen im Landkreis zur Verfügung zu stehen." Rund 35 Einsätze pro Jahr konnten so abgedeckt werden. "Damals waren wir im Rest der EKHN allerdings schon Lichtjahre weiter, sowohl was Einsatzzahlen als auch die Organisation der Rufbereitschaften betraf", beschreibt Mann die prekäre Situation.

Versorgungslücke wurde geschlossen

Als Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun 2011 mit einer halben Pfarrstelle für die Notfallseelsorgesysteme in Groß-Gerau und dem MTK die Aufbauarbeit übernahm, gelang ein strukturierter Neustart: "Das war wie eine ,Stunde Null'. Wir konnten endlich die letzte Versorgungslücke im Bereich der EKHN schließen und erstmals ein ehrenamtliches Team ausbilden." Das Interesse war groß, und die Kandidaten brachten Krisenerfahrungen aus Familie, Beruf, Feuerwehr, Hospiz oder Trauerbegleitung mit. "Ich lernte sehr engagierte Personen kennen, die ihre Zeit und Fähigkeiten einbringen wollten. Und eins wurde deutlich: Ehrenamtliche Aufgaben haben eine große Breite und sind eine Herzensangelegenheit, genau richtig für Menschen in seelischer Not und im Schock."

Alle Mitarbeiter sind hoch motiviert

Mann bekräftigt: "Zur zunehmenden Verlagerung der Arbeitslast der Notfallseelsorge auf die Ehrenamtlichen - oder besser gesagt ,Laien' - gab es keine echte Alternative." Mit der Übernahme der Notfallseelsorge-Pfarrstelle durch Zahradnik vor drei Jahren habe sich das System deutlich weiterentwickelt. Die 57-Jährige verbindet mit diesem Amt jedenfalls ein besonderes Anliegen: "Ich bin schon 2005 in den Main-Taunus-Kreis gekommen, aber in Sachen Notfallseelsorge war lange keine Struktur erkennbar." Diese hat sie inzwischen erfolgreich überarbeitet und etabliert, außerdem etliche neue Kräfte ausgebildet.

Alle bringen eine hohe Motivation mit, sich einer solch herausfordernden und teils auch extrem belastenden Aufgabe zu stellen. "Nachdem ich fast 50 Jahre im Sanitäts- und Rettungsdienst des Roten Kreuzes tätig war, fand ich in der Notfallseelsorge eine Möglichkeit, weiterhin Menschen in ihren schwersten Stunden zu helfen", meint Thomas Wittekind. Als Kinderkrankenschwester auf einer Intensivstation kennt Andrea Christiansen viele Fälle, in denen Familien nach Überbringung einer schlimmen Diagnose Beistand benötigten. "Sich gegenseitig guttun" - darum gehe es. "Menschen in Ausnahmesituationen zur Seite zu stehen und sie zu stützen, bis sie selbst wieder handlungsfähig sind, ist einfach unglaublich wichtig und auch für uns sehr wertvoll", fasst es Cerezo-Riemann zusammen.

Ehrenamtliche der ersten Stunde

Eine der Ehrenamtlichen der ersten Stunde ist Ulla Herwig, die in vielen ihrer Einsätze einen tieferen Sinn gefunden hat: "Als ich damals in der Notfallseelsorge anfing, merkte ich schnell, dass das zu mir passt." Nachhaltig beeindruckt hat sie beispielsweise die Betreuung eines sehr frommen Mannes, nachdem dieser vom Freitod seiner Frau erfahren hatte: "Wir konnten tief ins Gespräch einsteigen, denn er öffnete sich immer mehr, weil er merkte, dass ich ihn verstehe, und das war toll für mich. Ich sehe das so, dass Gott mich da hingeschickt hat, damit dieser Mann mit jemandem reden konnte." Wichtig ist der 58-Jährigen aber auch, einen klaren Kopf zu behalten: "Manchmal braucht der Betroffene ja nur jemanden, der ihm die Brille sucht oder eine Telefonnummer eintippt. Gerade diese kurzen Begegnungen, wenn wir wie ein Engel im Leben der anderen auftauchen, können viel bewirken." skr

Weitere Informationen

zur Notfallseelsorge gibt es unter www.nfs-mtk.de.

Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun erklärt im Rahmen der Ausbildung neuer Notfallseelsorger das Reaktionsmuster zur Bewältigung von traumatischem Stress.
Pfarrer Heiko Ruff-Kapraun erklärt im Rahmen der Ausbildung neuer Notfallseelsorger das Reaktionsmuster zur Bewältigung von traumatischem Stress. © skr

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