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Ein Winzer erzählt von seiner Leidenschaft

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Die Stadt Frankfurt hat ein eigenes Weingut, dessen Herz im südwestlichen Teil des Main-Taunus-Kreises schlägt. Chef ist Jürgen Rupp. Er lässt sich sogar ein paar Geheimnisse entlocken.

Es geht auch ohne Internet und virtuelle Werbebanner – jedenfalls bei Jürgen Rupp. Der Winzer in zehnter Generation produziert als Pächter des Weinguts der Stadt Frankfurt in Hochheim im Namen der Großstadt süffige und ausgezeichnete Weine. Sie fehlen bei Empfängen und Banketten im Römer nicht, haben aber auch über die Grenzen von Hochheim und Frankfurt hinaus ihre Liebhaber – „auch ohne Homepage“, ergänzt der 44-Jährige und lacht. Mit Vater Armin und der Familie baut er Wein an, vor allem in Hochheim, aber auch auf dem Lohrberg in Frankfurt. In guten Jahren können aus den auf der mit 212 Metern höchsten natürlichen Erhebung der Stadt geernteten Riesling-Trauben rund 10 000 Flaschen echter Lohrberger abgefüllt werden – gelesen in alter Tradition von Frankfurter Bürgern, ohne maschinelle Hilfe.

25 Hektar Anbaufläche

Der größte Teil der 25 Hektar großen Weinanbaufläche des städtischen Gutes liegt jedoch außerhalb der Stadtgrenzen im Rheingau am Hochheimer Mainufer. Dort wachsen neben Riesling auch Weiß- und Spätburgunder, Chardonnay, Cabernet Sauvignon. Dort ist das Refugium des Wirtschafters im Weinbau, der seit 1994 in guten Jahren 200 000 Liter Wein vertreibt. In diesem Jahr werden es deutlich weniger sein.

Unliebsame Schädlinge

„Der Frost im Frühjahr hat doch ordentlich Spuren hinterlassen. Mehr als 120 000 Liter können wir nicht ausbauen“, schätzt Jürgen Rupp: „Das ist die Natur“, sagt er, ohne über das schmale Ergebnis zu lamentieren. Eine gewisse Reserve hat der Winzer in den Stahl- und Holzfässern im Keller liegen, „falls es wirklich von einer Sorte mal gar nichts gibt, so wie vor ein paar Jahren, als die Kirschessigfliege den Roten Riesling komplett gefressen hat“. Stichwort Schädlinge: Da macht auch den Winzern der Klimawandel zu schaffen: Am Beispiel der Kirschessigfliege sind die Auswirkungen erkennbar. Rupp: „Normalerweise gibt es sie schon nicht mehr, wenn der Wein die Reife erreicht hat, die sie anlockt. Dadurch jedoch, dass der Wein früher dran ist, werden die Fliegen in warmen Jahren zum Problem.“

300 000 Liter Wein lagern im Kellergewölbe des schmucken Weinguts in der Aichgasse 11 in Hochheim, wo einem schon beim Abstieg eine Menge Liebe zum Wein entgegenweht und Lust auf ein paar Kostproben macht. Jürgen Rupp formuliert lächelnd: „Ich würde niemals ohne Glas in der Hand hier herunterkommen.“ Der Mann ist eben auch ein Stück weit Entertainer. Schließlich läuft der Verkauf – siehe oben – allein über seinen guten Namen, den Weinhandel in den Römerhallen, den vor allem Ehefrau Bianca betreut, und den Auftritt beim Hochheimer Weinfest. Einen Verkauf auf dem Weingut gibt es nicht. Die Probierstube wird ebenso wie der Keller nur für Gruppen geöffnet. Lohnend ist auch der Blick über die Weinstöcke – 85 000 davon stehen hier in bester Lage – und auf das Einheitsfass im Keller. Gelesen wurde der Junge Wein in Hochheim erneut an nur einem Arbeitstag. Maschinell. Das übernimmt ein überdimensionaler Raupenvollernter.

„Diese Erntehelfer gibt es seit 25 bis 30 Jahren“, erläutert Rupp. „Früher haben sie die Weinstöcke so lange geschüttelt und gerüttelt, bis kaum noch etwas übrig war. Heute sind es Hochtechnologie-Geräte, die mit sanften Vibratoren und Gebläsen ausgestattet sind. Beste deutsche Ingenieurkunst aus dem Hunsrück. Alle Trauben gelesen, aber kein Blatt fehlt.“

Ratternder „Ferrari“

Die Lese-Erleichterung hat ihren Preis: „Von Hand bräuchten 100 Leute 5 bis 6 Wochen, dafür kostet die Maschine aber auch so viel wie ein Einfamilienhaus – in mittlerer Lage“, bekommt sein roter „Ferrari“, der mit satten fünf Kilometern pro Stunde durch den Wingert rattert, einen anerkennenden Klaps aufs Schutzblech. Einen Spruch gibt’s gratis: „Dank der Scheinwerfer kann man im Dunkeln lesen – das ist aber deshalb noch lange keine Spätlese.“

Spritzig muss es sein

Rupp selbst fährt das Gerät nicht. Dafür hat er zwei Mitarbeiter. Er fühlt sich im Keller oder im Verkauf deutlich wohler – vor allem im Keller, wo es derzeit am Kopf der Stahltanks, die auch bei Jürgen Rupp mit Ausnahme von ein paar bis zu 150 Jahre alten Barriquefässern für den Roten eingesetzt werden, weil das Metall die Sortenreinheit garantiert, überall sanft blubbert und sprudelt. Hier sorgt der Winzer dafür, dass die Qualität stimmt. „Wir müssen unsere Arbeit so gut wie möglich machen – das war’s“, präsentiert er sich sehr geerdet. Dazu gehört es, alle Weine zu bewerten. „Sie bekommen Punkte, und nur die besten erhalten das Etikett“, haben die Rupps ihre eigene Qualitätskontrolle. Wohl wissend, dass ihre Lage von Mutter Natur ein paar Pluspunkte mitbekommen hat. Auf der anderen Mainseite regnet es häufiger. „Der Fluss hält das Wetter weg und sorgt für ein stabiles Klima“, weiß Rupp und verrät mit einem Lachen das Geheimnis der Winzerkunst: „Die Kunst ist es, den Geschmack der Weintrinker zu treffen.“ Dann fügt er ernst hinzu: „Die Menschen mögen trockenen Wein, der wiederum von seiner Spritzigkeit lebt. Dafür können wir sorgen, indem wir den Gärungsprozess durch Kühlung verlangsamen. Bei langsamer Gärung verbleibt viel Kohlensäure im Wein.“

Nachfrage aus Fernost

Wie gut der Hochheimer Wein ist, hat sich bis in den Fernen Osten herumgesprochen – ganz im Sinne von Jürgen Rupp, der schon in China war. Ein paar Schiffscontainer voller Hochheimer Wein gehen dort regelmäßig hin. Zur Fußball-Weltmeister 2006 in Deutschland hatte er sogar einen WM-Wein kreiert. Sollten irgendwann einmal die Söhne, heute 10 und 13 Jahre alt, die elfte Winzergeneration stellen – wer weiß, was dem Hochheimer Winzer noch einfällt. Vielleicht zieht’s ihn ja mal zum „Nachhilfeunterricht“ in die Fremde.

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