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Der Historiker Christopher Spatz und die Zeitzeugen Hannelore Neumann und Gerhard Schröder (v.l.) sprachen im FDG.

Zeitzeugen schildern

Die Wolfskinder und das Leid in Ostpreußen

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Angehende Abiturienten des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums setzen sich in einem Projekt mit dem Schicksal der „Wolfskinder“ auseinander. Ihre Ergebnisse sollen in ein Buch einfließen, das im Sommer erscheint.

„Ich dachte, Hunger ist schlimm, doch als wir als Kinder einst von Königsberg nach Mecklenburg-Vorpommern über acht Tage lang in einem Waggon transportiert wurden, erfuhr ich, dass Durst noch viel schwerer zu ertragen ist“, erzählt Gerhard Schröder Schülern des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums (FDG). Der Zeitzeuge war zum Ende des Zweiten Weltkrieges zehn Jahre alt und lebte mit seiner Familie im damaligen Ostpreußen, in Königsberg.

Am Dienstagnachmittag sitzt Schröder zusammen mit Hannelore Neumann, ebenfalls Zeitzeugin, und Dr. Christopher Spatz in der Schulbibliothek des FDG. Spatz ist Historiker und hat das Buch „Nur der Himmel blieb derselbe. Ostpreußens Hungerkinder erzählen vom Überleben“ geschrieben. Hierfür führte er mit mehr als 50 Zeitzeugen Interviews.

Anlass des Gespräches im FDG ist ein Projekt des Leistungskurses Geschichte, der sich in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit dem Schicksal der sogenannten „Wolfskinder“ auseinandersetzt. So wurden die Kinder in Ostpreußen bezeichnet, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges durch Hunger und auf der Flucht vor der Roten Armee ihre Eltern verloren hatten oder von der Familie getrennt wurden. Auf sich alleine gestellt, kämpften sie um ihr eigenes Überleben, sahen ihre Chance damals im angrenzenden Litauen.

18 Schüler des Leistungskurses Geschichte beteiligen sich an dem Projekt. Diese Auseinandersetzung soll in einem Buch münden, das im Sommer in der Reihe „Volksbund Forum“ erscheint. Geleitet wird das Projekt von Geschichtslehrer Dr. Björn Schaal. Zeitzeugenberichte sollen den Schwerpunkt der Publikation bilden. „Wir haben über den Volksbund einen Aufruf gestartet. Die Resonanz war überwältigend“, erzählt Schaal. „Uns haben rund 250 Zuschriften erreicht – von Betroffenen, deren Kindern und auch von historisch Interessierten. Aus Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, USA und natürlich aus Litauen.“

„Wolfskinder“ sind auch Thema im Buch von Christopher Spatz. „Es sind die ersten zwei Nachkriegsjahre, in denen viele Kinder in Ostpreußen zu Waisen wurden“, schildert er. Auslöser war vor allem die große Hungerkatastrophe. „Der Hunger kam heimlich, still und mit Verzögerung daher. Nur der arbeitende Teil der Zivilbevölkerung bekam täglich ein Stück Brot und manchmal auch Suppe“, erzählt er weiter. Vor allem durch Unterernährung, einer ungewöhnlichen Kälte und Seuchen wie Typhus habe jeder Zweite der ostpreußischen Zivilbevölkerung sein Leben verloren. Für viele Kinder sei der Weg in die Kinderheime und Waisenhäuser versperrt gewesen. „In Litauen hat es mehr Lebensmittel gegeben. Doch das Überqueren der Grenze brachte viele Gefahren mit sich“, sagt Spatz. „Die Kinder sprangen auf die Züge, gerieten dabei oftmals unter die Räder“, nennt er ein Beispiel. Viele Kinder blieben schließlich in Litauen, passten sich an und machten sich unsichtbar, um nicht aufzufallen.

Gerhard Schröder und Hannelore Neumann sind keine typischen „Wolfskinder“, aber ihr Schicksal nicht weniger bewegend. „Meine Mutter brachte uns kurz nach Ende des Krieges ins Waisenhaus. Sie war sehr krank und starb schon bald darauf“, erzählt Schröder. Sechs Monate danach sei auch sein jüngerer Bruder gestorben, der den Tod der Mutter nicht überwunden habe. Ende 1947 kam Schröder auf den Bahn-Transport nach Mecklenburg-Vorpommern und überlebte die Fahrt. Er hatte Glück. Über einen Suchaufruf meldete sich eine Tante aus Berlin, zu der er zog. Kurze Zeit später erfuhr er, dass sein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt sei – und kam schließlich dorthin. So viel Glück hatte Neumann nicht, die als Fünfjährige ihre Mutter verlor, ebenfalls in die DDR kam und erst viel später mehr über ihre Wurzeln erfuhr.

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