Großneffe Jörg zeigt Margaretha Weindler Fotos aus ihrem aktviven Vereinsleben. Sie war in Tanz und Wandervereinen und engagierte sich für das Rote Kreuz.
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Großneffe Jörg zeigt Margaretha Weindler Fotos aus ihrem aktviven Vereinsleben. Sie war in Tanz und Wandervereinen und engagierte sich für das Rote Kreuz.

105. Geburtstag

Margaretha Weindler ist eine der ältesten Frankfurterinnen

Margaretha Weindler ist 1913 geboren. Sie hat die Hindenburg fliegen sehen, ihren Verlobten im Zweiten Weltkrieg verloren und ein engagiertes Leben geführt. Gestern war ihr Geburtstag. Es war der 105.

Mancher, der mit Margaretha Weindler spricht, verliert die Angst vor dem Tod. Nicht so sehr, weil sie mit ihren 105 Jahren zeigt, das der später kommen kann, als man ihn erwartet. Vielmehr zeigt sie, dass es in Ordnung ist, dass das Leben irgendwann endet. Denn mit 105 ist sie zufrieden und will nun gehen.

Dabei ist Weindler, auch wenn sie wegen ihrer Demenz vieles vergisst, noch erstaunlich fit. Keine Brille, kein Hörgerät. Noch nicht mal Tabletten muss sie nehmen. Mit ihrem Rollator läuft sie genauso schnell wie ihr 49-jähriger Großneffe, der Enkel ihrer Schwester also. Eben Normalgeschwindigkeit. An ihrem Geburtstagstisch im Wiesenhüttenstift am Gravensteiner Platz saß sie gestern fast mondän gekleidet. Blaue Bluse, Goldkette und Armbanduhr. Und solche modischen Schlabberhosen wie die ihre tragen zurzeit auch die jungen Frauen.

Ihre Familie ist klein. Zum Geburtstag sind Nichte Karin, Großneffe Jörg und dessen Frau Claudia gekommen. Sie essen Kuchen. Weindler will keinen. Generell will sie von der Welt nicht mehr viel. „Ich wohne halt im Altersheim“, sagt sie. „Wer will das schon?“ Am Heim liege es nicht. Alles ist ordentlich und sauber. Das war ihr immer das Wichtigste.

Großneffe Jörg will sie immer aufmuntern. „Schau mal, wer dir zum Geburtstag gratuliert hat“, sagt er. Er zeigt ihr die Briefe des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann (SPD), des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) und sogar des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier (SPD). Weindler winkt ab. „Ich weiß von nichts mehr.“

Das sagt sie oft. Wenn sie Jörg nach der Hindenburg fragt, dem berühmten Zeppelin. Den hat sie 1936 fliegen sehen. Vergessen hat sie selbst den Namen ihres Verlobten. Was sie aber noch weiß: „Weil der im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, habe ich nie geheiratet.“ Damals, zum Kriegsende, war sie 32 Jahre alt, eine Erwachsene junge Frau. Sie arbeitete erst als Schneiderin in der Goethestraße. Ging dann zum Unternehmen „Telefonbau und Normalzeit“ im Gallus. Als was sie dort arbeitete, weiß sie nicht mehr und ihre Verwandten auch nicht.

Sie habe immer alleine gewohnt, sagt Nichte Karin. „Und sie hatte bei allen das Kommando.“ Bei ihrer großen Schwester, Karins Mutter, und auch bei Rolf. Er war ihr Lebensgefährte für 20 Jahre. In den 60er Jahren hatte sie ihn kennengelernt. Zusammen haben sie nie gewohnt. „Wahrscheinlich weil meine Tante so reinlich war“, vermutet Karin. „Und Rolf so eine riesige Modelleisenbahn hatte, die sich durch die ganze Wohnung zog.“

Damals lebten die beiden in Steinbach ein aktives Leben mit vielen Freunden. Weindler war im Tanzverein, ging Wandern und engagierte sich beim Roten Kreuz. Sie schmierte Brote für Veranstaltungen, verkaufte Basteleien für Spenden. In den 80er Jahren starb dann Rolf. Da war Weindler in ihren Siebzigern. Sie blieb aktiv. Zumindest solange es ging. Als es schwerer und damit einsamer wurde, holte sie Nichte Karin vor neun Jahren zu sich nach Frankfurt. „Am Ende müssen eben alle ins Heim“, sagt Weindler. Es klingt nicht traurig, sondern wartend. Ihr Blick streift durch ihr Zimmer mit neuen Möbeln und alten, die ihr die Eingewöhnung erleichtern sollten. Margaretha Weindler sieht eine winzige Topfpflanze blühen. „Was ist denn das?“ „Ein Geburtstagsgeschenk“, sagt Jörg. Da lächelt Weindler und sagt. „Das ist schön.“

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