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1904 wurde der Grundstein fürs Marienkrankenhaus gelegt, 1907 begann der Betrieb in der Klinik. Derzeit werden die Gebäude abgerissen, sie weichen Wohnbebauung. Foto: Holger Menzel

Ehemaliges Klinikgelände

Marienkrankenhaus ist Geschichte - 236 Wohnungen entstehen

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Ein neues Quartier entsteht auf dem ehemaligen Klinikgelände an der Richard-Wagner-Straße. 181 Eigentumswohnungen und 55 Mietwohnungen werden dort gebaut.

Baumaschinen rattern auf dem Areal an der Richard-Wagner-Straße. Mit zerstörerischer Kraft werden Mauern eingerissen, Baggerzähne beißen sich durch teilweise meterdicke Wände. Das Marienkrankenhaus, dessen Grundstein im Jahr 1904 gelegt wurde, weicht modernen Neubauten – neun Gebäude mit 236 Wohnungen sollen im September 2021 bezugsfertig sein (siehe eigener Artikel). Gebaut werden sie unter dem Projektnamen „Marie“ vom Wohnungsentwickler Instone Real Estate.

Vor 100 Tagen haben die Abrissarbeiten begonnen. Immer wieder sind Schaulustige zu beobachten, die das Spektakel gebannt verfolgen. Schwester Benedicta hat dafür zwar Verständnis, sie selbst zieht es an ihre frühere Wirkungsstätte derzeit aber nicht zurück. „Das tue ich mir nicht an, ich war zum letzten Mal im Januar 2017 bei der Entweihung der Krankenhaus-Kapelle hier“, sagt sie wehmütig. Zu sehr hängt ihr Herz noch an dem Klinik-Standort im Nordend. Bilder der Zerstörung sollen nicht die Erinnerung an ihre schöne Zeit im Marienkrankenhaus trüben.

Im Jahr 2014 hatte Schwester Benedicta das Amt der Oberin im Marien- und im Elisabethen-Krankenhaus übernommen. Beide Häuser betreibt die Katharina Kasper ViaSalus GmbH, eine Organisation der Dernbacher Schwestern. Dieser Ordensgemeinschaft war sie 1977 beigetreten. Dem Konvent des Marienkrankenhauses Frankfurt gehört sie, abgesehen von kleineren Unterbrechungen, schon seit 1986 an.

Die Klinik in der Richard-Wagner-Straße wird nun abgerissen, die meisten Mitarbeiter und Abteilungen sind in einen Neubau an der Ginnheimer Straße unmittelbar neben dem Elisabethen-Krankenhaus in Bockenheim umgezogen.

Für die Ordensgemeinschaft der Dernbacher Schwestern sei die Aufgabe der Klinik nach 110 Jahren sehr schmerzlich gewesen, betont Schwester Benedicta. „Das ist eine lange Zeit, loslassen fällt da schwer. Auch Mitarbeiter, die viele Jahre hier beschäftigt waren oder ihre Ausbildung in der Klinik gemacht haben, haben sich mit dem Standort und dem Haus sehr identifiziert“, weiß Schwester Benedicta. Sie sagt aber auch: Alles habe seine Zeit, das Kapitel Nordend sei beendet. Und sie richtet den Blick nach vorne.

Auf ihrem künftigen Weg in Bockenheim werden Schwester Benedicta und alle Mitarbeiter aber mehrere Erinnerungsstücke begleiten. So soll etwa ein Fenster aus der Klinikkapelle in der Richard-Wagner-Straße einen festen Platz am neuen Standort finden. Vielleicht ist auch der Inhalt der Zeitkapsel, die bei der Grundsteinlegung für das Marienkrankenhaus im Jahr 1904 versenkt wurde, in einer Vitrine des neuen Hauses zu sehen. Die Kapsel wurde kurz vor dem Umzug im November 2017 noch ausgegraben, aber noch nicht geöffnet. „Ich bin richtig gespannt, was herauskommt“, sagt Schwester Benedicta. Und sie führt aus, dass einige Erinnerungsstücke Pfarrgemeinden überlassen werden sollen.

Jedem Abschied folgt aber auch ein Neuanfang. Das weiß natürlich auch Schwester Benedicta. Und das stimmt sie im Fall des Marienkrankenhauses versöhnlich. Denn das Clementine Kinderhospital verlässt seinen Standort in der Theobald-Christ-Straße (Ostend) und zieht in unmittelbare Nähe zum Bürgerhospital in der Nibelungenallee, das eine der größten Geburtstationen in Frankfurt hat. Die beiden Häuser betreibt die Bürgerhospital und Clementine Kinderhospital gGmbH. Entsprechende Pläne, die Kindermedizin im Nordend zu konzentrieren, gibt es schon länger. Ein erster Schritt wurde 2015 mit dem Kauf eines Grundstücks auf dem ehemaligen Marienkrankenhaus-Areal getätigt. Im Mai soll nun zudem der 2009 neu für das Marienkrankenhaus errichtete Bettentrakt erworben werden. Das Clementine Kinderhospital im Ostend wiederum soll Ende 2021 aufgegeben werden – ein Zurück gibt es nicht mehr, denn das Gelände wurde kürzlich an die Immobiliengesellschaft Lang & Cie verkauft. Vom erzielten Erlös soll der Kauf des Bettentraktes finanziert werden.

Im Gegensatz zu ehemaligen Patienten oder Müttern, die ihre Kinder im Marienkrankenhaus geboren haben, bedauern Nachbarn den Wegzug der Klinik nicht. Rüdiger Koch, der seit mehr als 30 Jahren in der Brahmsstraße wohnt und Fraktionsvorsitzender der SPD im Ortsbeirat 3 ist, bestätigt das. Die Situation der Anwohner sei stets eine zweischneidige gewesen, sagt er. Denn Lärm durch Lüftungsanlagen und Lieferverkehr sowie „merkwürdige Gerüche“ seien eine Belastungen gewesen. „Bei den Abbrucharbeiten sieht man jetzt aber, dass es ein altes Haus ist“, hat er Verständnis für den Umzug. Die medizinische Direktversorgung sei aber nicht gefährdet, im Stadtteil gebe es ja noch das Bürgerhospital. Dass dringend benötigter Wohnraum geschaffen werde, begrüße er.

An den neuen Anblick müssen sich die Anwohner laut Koch nicht gewöhnen. Schließlich werde die historische Fassade des Marienkrankenhauses in der Brahms- und Nordendstraße teils originalgetreu wieder aufgebaut. Neu seien jedoch begrünte Innenhöfe, die eine parkähnliche Situation schafften. Die CDU-Fraktionsvorsitzende Claudia Ehrhardt pocht trotzdem auf eine verträgliche Umfeldgestaltung. Und sie bringt auch wieder das Thema Quartiersgarage ins Spiel. Denn sie rechnet damit, dass der Parkdruck im Viertel steigen wird.

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