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Erste Behandlung: Die Krankenschwester Sabine Krannich steht in der Zentralen Notaufnahme im Frankfurter Bürgerhospital neben einer kurz zuvor eingelieferten Patientin.

Kliniken suchen Lösungen

Menschen gehen zu schnell in die Notaufnahme statt zum Arzt

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Bei einer Podiumsdiskussion im Klinikum Höchst diskutierten Mediziner und Politiker darüber, warum Menschen ohne Not lieber ins Krankenhaus als zum Hausarzt gehen.

Die Notaufnahmen laufen über. Immer öfter finden sich dort Patienten, die eigentlich auch woanders vorstellig werden könnten, weil ihr Anliegen nicht dringend genug ist. Im Klinikum Höchst hatte man sich deshalb vor einem Jahr etwas einfallen lassen. An einem sogenannten Tresen führt eine Krankenschwester mit den Hilfesuchenden ein Vorgespräch und entscheidet dann, ob sie ein Notfall sind oder vom Ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) beziehungsweise während der Woche in nahe gelegenen Partnerpraxen versorgt werden können.

Die ersten Erfahrungen mit dem System sind gut. Dass das jedoch nicht ausreicht, um das Problem im Allgemeinen zu lösen, wurde am Mittwoch bei einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Notfallversorgung in höchster Not: Wenn die Ausnahme zur Regel wird“ in den Räumen des Krankenhauses deutlich.

Es herrsche zwar „weniger Krawall auf den Fluren“, weil sich die Wartezeiten für den Einzelnen verkürzten, erklärte Dr. Peter-Friedrich Petersen, der Chefarzt der Zentralen Notaufnahme. Zudem würden die zu den KV-Medizinern Umgeleiteten gar nicht merken, dass sie nicht von den Angestellten der Klinik betreut werden. Die Fehlerquote bei der Gruppeneinteilung sei mit weniger als ein Prozent sogar unerwartet niedrig. Doch man müsse auch ergründen, warum selbst zu Zeiten, zu denen niedergelassene Ärzte Sprechstunden anbieten, viele Menschen lieber den oft längeren Weg ins Krankenhaus wählen.

Zu den möglichen Ursachen zählt Petersen Bequemlichkeit, die Unkenntnis, vor allem bei Menschen mit Migrationshintergrund, über das deutsche System, höhere Ansprüche gerade bei jungen Leuten, die diese nur in den Kliniken erfüllt sehen, oder auch eine zunehmende Unmündigkeit.

„Früher hat man bei Fieber Wadenwickel umgelegt, jetzt geht man zum Arzt“, ergänzte Dr. Eckhard Starke, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KV. Die SPD-Stadtverordnete Petra Scharf widersprach dieser These: „Die Menschen sind heute gesundheitsbewusster und pochen auf ihre Rechte“, vermutete sie. In Krankenhäusern fühlten sie sich gut versorgt und ernst genommen.

Die Landtagsabgeordnete Marjana Schott von den Linken sieht einen möglichen Grund in der Arbeitswelt, in der sich Angestellte nicht trauten, während der Bürozeit zum Arzt zu gehen. „Man muss an vielen Schrauben drehen“, forderte sie. „Aber mir fehlt jedwedes Verständnis dafür, dass jemand in die Notaufnahme geht, wenn er sich nicht mit der Kettensäge schwer verletzt hat.“ Deshalb müsse man nach Möglichkeiten suchen, das zu unterbinden. Eine Art Bonus-Malus-System schwebt Schott vor, wie es bei der Zahnprophylaxe besteht.

„Über Geldstrafen kann man das nicht lösen“, warf ihr FDP-Kollege Stefan Müller ein. Deshalb sei Kreativität gefragt. Vorschläge müssten aber von den Fachleuten kommen, „wir als Politiker sind da nicht dicht genug dran“. Scharf sprach sich ebenfalls gegen eine Gebühr für diejenigen aus, die ohne Not ins Krankenhaus kämen: „Es ist schwer zu beweisen, ob jemand das System ausgenutzt hat.“ KV-Vertreter Starke wies drauf hin, dass sich jeder einen Rat zu jeder Zeit leisten können müsse. Ansonsten steige die Gefahr, dass diejenigen, die dringende Behandlung nötig hätten, diese aus Spargründen scheuten. Im Ausland gebe es aber Gebühren für diejenigen, die zu normalen Praxiszeiten unnötigerweise im Krankenhaus vorsprechen.

Auch für den CDU-Landtagsabgeordneten Ralf-Norbert Bartelt kommt eine Bezahlung bei eigener Fehleinschätzung nicht in Frage, da das ein zu hohes Risiko berge. Das bereits bestehende Bonussystem ließe sich sicher ausweiten. Zumal, so Schott, das Sparen für viele seinen Reiz habe.

Um die Zahl derjenigen Menschen geringer zu halten, die im Krankenhaus vorstellig werden, schlug Müller die Einrichtung einer zentralen Telefonnummer vor, bei der sich Leidende eine Erstberatung und einen Hinweis auf die beste Vorgehensweise abholen könnten. Laut Starke muss man zudem an die Vernunft der Menschen appellieren.

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