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?Für mich ist Kultur alles, was der Mensch gestaltend schafft?, sagt Götz Wörner, Gründer des Vereins ?Kultur für ALLE?, der vor zehn Jahren den ?Kulturpass? für sozial Benachteiligte ins Leben gerufen hat.

Interview

Ins Museum für einen Euro: Kulturpass für Leistungsempfänger feiert zehnjähriges Bestehen

Der Verein „Kultur für ALLE“ und sein Kulturpass werden zehn Jahre alt. Der Pass ermöglicht es Empfängern sozialer Leistungen, Museen und Veranstaltungen für 1 Euro zu besuchen. Vereinsgründer Götz Wörner wurde für dieses Konzept vielfach ausgezeichnet. Mit Redakteurin Sarah Bernhard sprach der 58-Jährige darüber, was Kultur eigentlich ist und wie alles anfing.

Herr Wörner, haben Arme keine anderen Probleme, als dass sie nicht in ein Konzert gehen können?

GÖTZ WÖRNER: Andersherum wird ein Schuh draus: Wenn sie existenzielle Probleme haben, tut es ihnen gut, mal ins Konzert zu gehen. Wenn einer, dem es schlecht geht, Mozart hören kann, dann kommt er anders aus dem Konzert raus als er reingegangen ist. Der Kulturpass soll die Leute erheben, die sich ansonsten erniedrigt fühlen.

Und nutzen die Menschen das auch?

WÖRNER: Sonst hätten wir nicht in zehn Jahren 25 000 Kulturpässe ausgegeben. Dazu kommt: Der Kulturpass ist nicht nur für die gedacht, die schon an Kultur interessiert sind, sondern auch für die, die bildungs- und kulturfern leben oder aufwachsen. Hier ist kulturelle Teilhabe gleich kulturelle Bildung.

Wollen die nicht eher Unterhaltung statt ins Konzert zu gehen?

WÖRNER: Auch ein Fußballspiel ist Kultur und gehört zur gesellschaftlichen Teilhabe.

Das kommt jetzt aber sehr auf den Kulturbegriff an.

WÖRNER: Für mich ist Kultur alles, was der Mensch gestaltend schafft. Als wir vor zehn Jahren mit dem Kulturpass angefangen haben, hatten wir schon das Angebot von Frankfurter Stadtimkern dabei, auch das ist Kultur. Oder ein Gläschen Wein trinken auf dem Bauernmarkt. Oder ein Tässchen Kaffee trinken, ein Punkkonzert oder eben klassische Musik. Die Idee ist, ein so breites Kulturangebot zu schaffen, dass für alle etwas dabei ist.

Als Sie vor zehn Jahren den Kulturpass erfanden, war die Idee einzigartig.

WÖRNER: Das ist sie heute fast auch noch. Ein Verein in Osnabrück macht es genauso wie wir. Ansonsten gibt es vor allem nun bundesweit viele Initiativen, die Bedürftigen nach dem Prinzip der Tafel Restkarten von Kulturveranstaltern vermitteln. Ich halte dieses Prinzip für völlig falsch.

Warum?

WÖRNER: Weil das dann Almosen sind und es sich für die Menschen auch so anfühlt. Der Kulturpass hingegen ist ein Ausweis des Rechts und Interesses an Kultur. Kulturelle Teilhabe ist sogar in der UN-Menschenrechtskonvention verankert.

Wollen Sie das Projekt deshalb auf ganz Hessen ausweiten?

WÖRNER: Genau. Ich kann doch nicht sagen, Kultur ist inklusiv, und dann jemand ausschließen, nur weil er in Bad Vilbel wohnt. Und umgedreht: Warum sollte ein Frankfurter nicht für einen Euro auf die Dokumenta oder in die Keltenwelt Glauburg kommen? Mit dem Schülerticket können Jugendliche mittlerweile hessenweit unterwegs sein, aber das bringt ja nichts, wenn sie den Eintritt nicht bezahlen können. Ganz Hessen abzudecken wird aber wohl noch ein weiter Weg. Gerade hoffe ich zum Beispiel darauf, dass im September die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung zustimmt, bedürftige Menschen von außerhalb in den städtischen Einrichtungen zum reduzierten Preis willkommen zu heißen. Niemand verliert dadurch, denn ohne Kulturpass würden diese Menschen überhaupt nicht kommen.

Wie kamen Sie denn vor zehn Jahren darauf, dass die Welt einen Kulturpass braucht?

WÖRNER: Ich war 20 Jahre lang Musikproduzent für zeitgenössische lateinamerikanische Musik. Die war in Europa noch nicht wirklich repräsentiert und ich habe viele Musiker hier groß gemacht. Ich bin so ein Typ, ich finde Sachen langweilig, die es schon gibt, ich wollte was machen, was sonst keiner macht. 1986 bekam ich den Deutschen Schallplattenpreis und 1993 fast den Grammy. Aber kurz vor dem totalen Durchbruch machte ich eine Fehlinvestition und war insolvent. Plötzlich war alles weg. Ich bin aus meiner Wohnung geflogen, die Frau ist weggelaufen, ich habe zu viel gesoffen. Ich saß monatelang nur im Bethmannpark und grübelte. Irgendwann wollte ich dann wieder in ein Konzert in die Alte Oper, von einem kubanischen Musiker, den ich selbst aufgebaut hatte – und ich konnte die 36 Euro Eintritt nicht bezahlen. Das war der Auslöser, um nachzudenken.

Und dann?

WÖRNER: Erstmal war es schwierig, ich hatte ja kein Telefon, weil ich die Telekom nicht bezahlen konnte. Also habe ich mir vom Telefonhäuschen aus ein statistisches Jahrbuch bestellt und herausgefunden: Es gab in Frankfurt 85 000 Sozialhilfeempfänger. Erst ging es mir schon besser, weil ich merkte: Es geht mir nicht alleine so. Dann habe ich gedacht: Denen allen Kultur zu ermöglichen, das ist ein Job für mich. Ich wollte das Projekt „Kultur für ALLE“ nennen, weil ich wirklich alle Menschen meine. Also habe ich brav Hilmar Hoffmann ein Telefax geschrieben, ob das in Ordnung ist. Eine Viertelstunde später kam ein Fax zurück, handschriftlich, da stand nur drauf: „Kein Problem, weiter so!“ Das hat mich sehr gefreut. Und die Leute sind gerannt gekommen. In zwei Monaten hatten wir 800 Anträge.

Wie reagierten die Frankfurter Kultureinrichtungen auf Ihre Idee?

WÖRNER: Die städtischen Museen wollten erst nicht so richtig, das war denen zu umständlich. Die meisten freien Theater machen bis heute nicht mit und sind auch diskussionsresistent. Also hatte ich am Anfang drei Angebote: eine Reihe der Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker in der Alten Oper, die Buchmesse und ein Konzert von Udo Lindenberg. Ich kann mich erinnern, am Tag dieses Konzerts kam ein Typ, der war so großer Udo-Fan, dass er angefangen hat zu weinen, als ich ihm die Karte gegeben habe. Das hat mich sehr gerührt.

Wie hat sich Kultur seitdem verändert?

WÖRNER: Sie hat sich vor allem dahingehend verändert, dass man sie schon als Normalbürger nicht mehr bezahlen kann. Durch Hilmar Hoffmann sind wir eine der mächtigsten Kulturstädte Deutschlands geworden. Unter seiner Ägide haben die Museen gar nichts gekostet, heute ist alles sehr teuer geworden. Das ist eine Kritik, kein Vorwurf, die Zeiten haben sich eben geändert. Aber den Ansatz Kultur für alle setzt heute nur noch einer wirklich um – und das bin ich.

Hängt deshalb ein Porträt von Hilmar Hoffmann in Ihrem Büro?

WÖRNER: Er wurde im Lauf der Jahre tatsächlich zu einem Freund und Ratgeber. Als er 92 wurde, habe ich mich daran erinnert, dass der Maler Gerhard Richter mal ein Bild von ihm gemalt hat. Das war 1990, Richter hatte ihn da gerade kennengelernt und war sehr beeindruckt von ihm. Es heißt, er habe den damaligen Städel-Direktor gebeten, ihm ein Foto zu besorgen und der wiederum habe Hilmar gegenüber behauptet, Städel-Schüler wollten ihn malen. Dass es ein Porträt von Gerhard Richter ist, hat Hilmar erst erfahren, als es ihm über Umwege geschenkt wurde. Er hat es schlussendlich dem Museum für Moderne Kunst als befristete Leihgabe gegeben, dort lagert es jetzt. Gerhard Richter gab mir die Erlaubnis, 99 Kunstdrucke anzufertigen und sie zugunsten der Vereinsarbeit zu verkaufen. Zwei haben Hilmars Kinder, einer hängt im Kulturdezernat, 96 sind noch da.

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