Vorwürfe

Nach den schweren Unwettern: Wer trägt Schuld an der Schlammlawine?

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Das Unwetter vom 5. Juli hat allein in der Leistenbachstraße in Aumenau Schäden von rund 200 000 Euro angerichtet. Während die Geschädigten noch mit den Folgen zu kämpfen haben, hat die Suche nach möglichen Schuldigen begonnen.

Den 5. Juli dieses Jahres werden die Bewohner der Leistenbachstraße in Aumenau so schnell nicht vergessen: Nach einem Starkregen geht eine Schlammlawine von dem steilen Lahnhang nieder; die braune Brühe steht anschließend 1,40 Meter hoch auf der Straße. Autos geraten ins Schwimmen, Keller laufen voll, zum Teil stürzen Schlammfluten in die Häuser, zerstören Bausubstanz und Inventar. Allein im ehemaligen Bahnhof des dortigen Cafébetreibers Andreas Städtgen entsteht ein Schaden von bis zu 50 000 Euro. Schlimm: Für einen Großteil der Schäden zahlt seine Versicherung voraussichtlich nicht.

„Ein solches Unwetter haben selbst 90-jährige Aumenauer noch nie erlebt“, berichtet Städtgen. Und Elke Weiner, deren Haus seit 1880 in der Leistenbachstraße steht, ist ebenfalls sicher: „So etwas gab es hier noch nie.“ Vier Wochen nach der Katastrophe sind die betroffenen Anwohner überzeugt: Zumindest ein Teil der Schäden wäre vermeidbar gewesen.

Ihre Kritik richtet sich vorrangig gegen den Landkreis Limburg-Weilburg. Denn dieser habe – so meinen jedenfalls Andreas Städtgen, Klaus Ahlborn, Elke Weiner und Pia Ohr – Fehler bei der Sanierung der Kreisstraße 468 zwischen Aumenau und Münster vor knapp sieben Jahren gemacht. Die Folge: Bei starkem Regen schießt das Wasser von dem Steilhang zu Tal, ergießt sich mit Schlamm und Geröll auf die Leistenbachstraße und kann dort nicht mehr schnell genug abfließen.

Eine Ursache dafür ist nach Meinung der Anwohner neben den extremen Regenmengen die Situation in den Straßengräben links und rechts der Kreisstraße. Deren Abläufe seien mit Schotter und Steinen regelrecht verstopft worden, so dass sich das Wasser seinen Weg auf die Leistenbachstraße gebahnt habe. Selbst ein stärkerer Platzregen wie vor einer Woche führe immer wieder dazu, dass die Keller volllaufen.

Für Städtgen und seine Mitstreiter ein deutliches Indiz dafür, dass mit der Entwässerungssituation etwas nicht stimmt. „Der Kreis kann nicht einfach das überschüssige Regenwasser auf die Landesstraße leiten“, sagt Andreas Städtgen. Und Klaus Ahlborn meint: „Die Entwässerungsrohre an der K 468 sind für solche Starkregen einfach viel zu gering dimensioniert.“

Umso wichtiger sei es, dass die vorhandenen Leitungen regelmäßig geprüft und gereinigt werden. Eine Aufgabe, die Hessen Mobil in der Leistenbachstraße (L 30 63) vorbildlich erledige. Nur der Landkreis sei nach dem Starkregen von 2012 untätig geblieben. Jetzt dränge die Zeit. Denn: „Diese Regenmengen werde sicher wiederkommen!“, wagt Klaus Ahlborn eine Prognose. Abhilfe schaffen könnte seiner Meinung nach der Bau eines Regenrückhaltebeckens parallel zur K 468. Zumindest ein Teil des Schlamms könnte damit aufgefangen werden. Der Ärger der Anlieger der Leistenbachstraße kommt nicht von ungefähr: Schon 2008, 2012 und noch einmal 2016 wurden sie von Starkregen schwer gebeutelt – wobei der Regen vor vier Wochen alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt habe. Obwohl der Kreis schon 2012 Verbesserungen auf der K 468 angekündigt habe – die Situation habe sich seitdem nicht verbessert.

Mitverantwortlich für die Schlammlawine ist aus Sicht der Unwettergeschädigten aber auch die Landwirtschaft. In den letzten Jahren habe der Gladbacher Hof, eine Versuchsanstalt der Universität Gießen, den Maisanbau zulasten von Wiesenflächen derart ausgedehnt, dass die Böden weniger Wasser aufnehmen könnten als früher. Die Anwohner fordern daher, dass unterhalb der Felder Gräben oder Grünstreifen angelegt werden, um Wasser zurückzuhalten.

Handlungsbedarf sieht inzwischen auch der Landkreis Limburg-Weilburg. Auf Anfrage dieser Zeitung erklärte Pressesprecher Jan Kieserg: „Selbstverständlich setzt sich der Landkreis Limburg-Weilburg als Straßenbaulastträger der K 468 für eine sachgerechte und ganzheitliche Lösung ein, um die Auswirkungen von solchen Unwetterereignissen in Zukunft zu vermeiden oder zumindest zu reduzieren. Das erfolgt zusammen mit einem Ingenieur-Büro. Dazu gehört insbesondere eine Überprüfung der gesamten Entwässerungssituation im Bereich der K 468, einschließlich der angrenzenden Flächen oberhalb von Aumenau und die Empfehlung von Maßnahmen.“

Aus Sicht des Landkreises müssten allerdings alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Dazu gehörten neben dem Landkreis als Eigentümer der K 468 auch der Marktflecken Villmar, Hessen Mobil, die Bahn, das Regierungspräsidium Gießen und auch die Eigentümer der landwirtschaftlichen Flächen in diesem Bereich.

Unterstützung signalisiert Villmars neuer Bürgermeister Matthias Rubröder (CDU). Es müsse alles dafür getan werden, um bei künftigen Starkregen zumindest einen Teil der Schlamm- und Wassermassen zurückzuhalten. Dazu sei es notwendig, sich die Situation auf dem Steilhang oberhalb der Leistenbachstraße genau anzuschauen. Er hoffe, dass schon Mitte August die ersten Gespräche mit den Fachbehörden geführt werden können.

Derweil kämpfen die Geschädigten mit ihren Versicherungen um die Begleichung der Schäden. Für Andreas Städtgen ist aber schon jetzt klar: Noch ein weiteres Unwetter dieser Art – und er muss sein Café dicht machen.

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