Einrichtung im Bahnhofsviertel

Im Nachtcafé finden Abhängige eine Zuflucht

Seit Anfang Mai öffnet das Nachtcafé in der Moselstraße jeden Abend um 22.30 Uhr seine Türen. Für eine besondere Zielgruppe: Drogenabhängige. Damit will man ihnen eine Alternative zur Straße bieten.

Milchschnitten seien der Renner, sagt Christine Heinrichs vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten. Aber auch andere Gerichte wie Suppe und Würstchen würden im Nachtcafé häufig nachgefragt. Weiche Speisen ebenso, die auch Menschen mit schlechten Zähnen gut verzehren könnten.

Seit vier Monaten gibt es die Einrichtung in der Moselstraße 47 im Bahnhofsviertel – eine Zufluchtsstätte für Drogenabhängige. Jede Nacht zwischen 22.30 und 6 Uhr erhalten sie dort kostenlos Essen und Getränke, können fernsehen und ein wenig zur Ruhe kommen, versorgt von vier Mitarbeitern.

Weniger Aggressionen

Anfang Mai ist das Nachtcafé eröffnet worden. Die Trägerschaft dafür hat der Frankfurter Verein übernommen. Inzwischen kommen jede Nacht durchschnittlich 115 Menschen, berichtet Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne), als er am Donnerstag Bilanz zieht: „Wir haben eine Menge Leute erreicht. Das Café wird über Erwartung gut angenommen.“ Und: „Die Aggressivität auf der Straße hat deutlich nachgelassen, seit es das Nachtcafé gibt. Durch die Möglichkeit, etwas zu essen und sich auszuruhen, sind die Leute entspannter.“

Markus Sabais und Michael Hallstein von der Polizei bestätigen das. Der Betrieb funktioniere reibungslos. „Keine Problemstellungen über kleinere Dinge hinaus“, resümiert Sabais. Hallstein wird noch deutlicher: „Was mich überrascht, ist, wie gesittet das hier abläuft, gar nicht szenetypisch. Ich hätte das nicht für möglich gehalten. Das ist ein Riesenschritt nach vorn.“ Das heißt nicht, dass es im Nachtcafé keine Spannungen und Reibereien gibt. In der Nacht zum Donnerstag, erzählt Christine Heinrichs, habe beispielsweise eine Frau ihren Gesprächspartner absichtlich mit Kaffee überschüttet. Und ja, es werde auch mal jemand aggressiv und müsse deshalb für eine Stunde oder die ganze Nacht weggeschickt werden. Aber insgesamt habe man in den vergangenen vier Monaten nur sieben Mal die Polizei zu Hilfe holen müssen. Wohl auch deshalb, weil man sich im Nachtcafé um einen freundlichen Umgangston bemüht. Einen Satz wie „guten Abend – schön, dass Sie da sind“ hören Drogenabhängige vermutlich nur selten. Die Menschen, die hierher kämen, seien oft in einem extrem schlechten Zustand, sagt die Bereichsleiterin im Frankfurter Verein: nicht nur abhängig von Crack oder Heroin, sondern auch obdachlos, verwahrlost, mit psychischen Problemen kämpfend. Heinrichs: „Die können nicht einfach irgendwo einen Kaffee trinken gehen, die sind nirgendwo willkommen. Auf der Straße sind sie immer im Abwehrmodus, müssen sich immer verteidigen.“ Was sie und die Mitarbeiter des Nachtcafés immer wieder erschreckt: wie ausgehungert etliche Betroffene sind. „Die Leute haben zum Teil tagelang nichts gegessen.“ Entsprechend gierig stürzten sich anfangs viele auf das Essen, bestellten manchmal zehn Würstchen und drei Suppen auf einmal, weil sie fürchteten, sonst nicht genug zu bekommen. Nach vielen Diskussion hat sich das geändert. „Es hat sich gut eingespielt“, sagt Heinrichs. „Die Leute haben Vertrauen.“

Stolz auf den Ausweis

Dazu hat vielleicht auch der scheckkartengroße Ausweis beigetragen, den jeder Besucher des Nachtcafés erhält, so dass man den Überblick über die Nutzer hat. Eine Maßnahme, gegen die sich kaum einer wehrt. Und wenn jemand partout keine Daten angeben wolle, dann stehe eben einfach N.N. auf dem Ausweis, sagt die Bereichsleiterin. Rührend sei es, wenn man sehe, wie sorgfältig die Besucher dieses Kärtchen aufbewahrten, wie mühsam sie es aus dem Portemonnaie fingerten. Und dass manche sogar ein bisschen stolz auf diesen Ausweis seien – als Zeichen dafür, dass sie Zutritt zum Nachtcafé haben.

Schlafen dürfen sie dort allerdings nicht. Dafür gibt es Einrichtungen wie das „Eastside“ der Integrativen Drogenhilfe (IDH) in der Schielestraße und eine Unterkunft im Ostpark. Seit Juli 2017 bietet die IDH einen Nachtbus an, um Drogenabhängige aus dem Bahnhofsviertel in diese Herbergen zu lotsen. Auch mit dem Nachtcafé arbeite man zusammen, sagt IDH-Geschäftsführerin Gabi Becker: „Beide Angebote ergänzen sich sehr gut.“

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