Die Synagoge in der Offenbacher Kaiserstraße – ausnahmsweise ohne Polizeibewachung, weil keine Veranstaltung und die Kita geschlossen war.

Offenbach

Mit mulmigem Gefühl in die Synagoge

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Der Publizist Weinberger und die jüdische Gemeinde in Offenbach registrieren nach Anschlag in Halle eine „Trotzdem-Haltung“ in der Stadt. 

Die Holztür der Synagoge in Halle habe den Gewehrschüssen eines Judenfeindes zwar standgehalten. „Doch diese Schüsse haben mein Herz getroffen.“ Sagt Anton Jakob Weinberger, der Vorsitzende der Offenbacher Max Dienemann/Salomon Formstecher-Gesellschaft, einem Forum für zeitgenössisches Judentum. Der Journalist und Sohn von Holocaust-Überlebenden, der die ersten sechs Jahre in einem Lager für jüdische „Displaced Persons“ verbrachte, spricht in einer am Sonntag verschickten Stellungnahme davon, dass er erstmals in seinem Leben beim Besuch der Synagoge am vergangenen Mittwochabend ein „mulmiges Gefühl“ gehabt habe. „Komme ich da wieder lebend raus“, habe er gedacht.

Der Siebzigjährige hatte bisher keine Angst. Doch der Anschlag von Halle hat nicht nur seine Wahrnehmung verändert. Bisher hatten sich die Juden in Offenbach recht sicher gefühlt, heißt es. Dabei war Mendel Gurewitz, der Rabbiner der jüdischen Gemeinde, seit 2013 in der Stadt wiederholt angepöbelt, beleidigt und als „Scheiß-Jude“ beschimpft worden war.

2014 war der jüdische Stadtschulsprecher zurückgetreten, weil muslimische Jugendliche gedroht haben sollen, ihn umzubringen. Die von ihm geschilderten Übergriffe lösten damals ein großes mediales Echo aus. Trotz dieser Vorfälle hatte der Vorstand der Jüdischen Gemeinde, Henryk Fridman, im vorigen Jahr gemeint, es gebe in Offenbach weniger offen zur Schau getragenen Antisemitismus als in anderen Städten.

Anton Jakob Weinberger, Vorsitzender der Max Dienemann/Salomon Formstecher-Gesellschaft in Offenbach.

Doch nach Halle beruhigen solche Sätze auch die Offenbacher nicht mehr. Am vergangenen Donnerstag sagte eine Mitarbeiterin der jüdischen Gemeinde Offenbach, die 719 Mitglieder hat (Stand 2018), einer Zeitung zwar: „Wir fühlen uns sicher“. Sie meinte dies aber wohl vor allem mit Blick auf die ständige Polizeipräsenz vor der Synagoge. Wer das Gotteshaus an der Kaiserstraße, die Kita oder das Jugendzentrum betreten will, muss zuvor eine Sicherheitsschleuse mit Wachdienst passieren.

Doch diese Sicherheitsvorkehrungen können nicht verhindern, dass auch in Offenbach die Stimmung kippt. Weinberger bezeichnet die Stimmung unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde als deprimiert. Die Verunsicherung nehme zu. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Alfred Jacoby, spricht von „Schockstarre“, die die Synagogenbesucher erfasst habe, als er sie über den Anschlag informiert habe. Es herrsche aber eine Art „Trotzdem-Haltung“. Das Haus sei beim Schlussgottesdienst zu Jom Kippur voll gewesen.

Jacoby sagte, auch die Juden in Offenbach seien nicht vor rechtsradikalem Terrorismus sicher. Sollte die Polizei der Meinung sein, die Sicherheitsvorkehrungen müssten verschärft werden, „dann machen wir das“. Eine FR-Anfrage dazu an die Polizei blieb unbeantwortet*.

Weinberger betont, er kenne niemanden, der jetzt auf Alarmismus mache. Diese Haltung ist vielleicht typisch für Offenbach. Selbst Rabbi Gurewitz, der sich regelmäßig antisemitischen oder auch anti-israelischen Verbalattacken ausgesetzt sah, lässt auf Offenbach nichts kommen. „Ich liebe diese Stadt. Das kann überall in Deutschland oder Europa passieren“, sagte er im vergangenen Jahr, nachdem er erneut Opfer einer Attacke geworden war.

In Offenbach waren es bislang vor allem jüngere Menschen, die ihre Aggressionen offen zeigten. Nach Beobachtung von Gurewitz handelte es sich dabei überwiegend um Muslime. Die Stadt weist nach den Verbalattacken immer wieder darauf hin, dass Offenbach Enormes für die Integration leiste und sich in etlichen Präventionsprojekten dieser Aufgabe stelle. Jüngstes Beispiel ist ein Theaterprojekt einer DRK-Gruppe, die mit Auftritten in Schulen und Jugendzentren antisemitisches Gedankengut bekämpfen will.

Weinberger erinnert daran, dass die Juden, lange bevor die Nazis sie als „Fremde stigmatisiert und äußerlich gekennzeichnet hätten, schlechthin „die Anderen“, die Inkarnation es Bösen gewesen seien. Das lebe jetzt wieder auf und werde öffentlich kommuniziert. Seine Stellungnahme endet mit den Worten: „Die Schüsse des Hallenser Judenfeindes, der im Kern ein Menschenfeind ist, werden mich aus Deutschland nicht verjagen. Zum ‚Fremden’ lasse ich mich nicht stempeln. Deutschland: Das ist mein Land.“

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Drei Männer aus Offenbach sollen einen Terror-Anschlag im Rhein-Main-Gebiet geplant haben. Die IS-Anhänger wurden festgenommen.

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