Sonja Döme (im roten Mantel) spricht mit einem Obdachlosen in der B-Ebene der S-Bahn-Station am Marktplatz. Foto: Rolf Oeser
+
Sonja Döme (im roten Mantel) spricht mit einem Obdachlosen in der B-Ebene der S-Bahn-Station am Marktplatz.

Offenbach

Hilfe für Obdachlose in Offenbach

  • Agnes Schönberger
    vonAgnes Schönberger
    schließen

Man sieht sie kaum, aber es gibt sie auch in Offenbach: die Menschen ohne Bleibe und ohne Krankenversicherung. Die Straßenambulanz der Caritas versorgt und berät sie.

Offenbach- Obdachlosigkeit ist in Offenbach bei Weitem nicht so sichtbar wie in Frankfurt, wo immer häufiger Menschen ohne Bleibe auf verschmutzten Matratzen oder Pappe auf der Straße schlafen. Dass man sie nicht sehe, dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, „dass eine beachtliche Zahl von Obdachlosen in versteckten Schlafplätzen Unterschlupf findet“, sagt Edith Heilos, Projektleiterin der Caritas-Straßenambulanz.

Obdachlos in Offenbach: Die Caritas hilft

Sensibilisiert für die Problematik wurde die Caritas durch ein Streetworkerprojekt für neu zugezogene EU-Bürger sowie Wanderarbeiter aus Osteuropa, die in überbelegten Zimmern hausten, in Autos oder im Freien übernachteten. Die Caritas sah Handlungsbedarf und konnte dank der Förderung durch die Skala-Initiative das auf drei Jahre angelegte Projekt im Oktober 2018 mit zwei Krankenschwestern starten, die sich 1,5 Stellen teilen: Sonja Döme und Margret Schenk.

Im umgebauten, auffällig roten Ambulanzwagen der Caritas befindet sich ein Behandlungsstuhl, so sind die Patienten abgeschirmt von den Blicken der Passanten. Tagsüber hält der Bus bei den Stadtteilbüros, den Essensausgaben der „Tafel“, an der Teestube und bei der Initiative „Essen und Wärme“, wo Bedürftige Unterstützung erhalten.

Viele Obdachlose schämen sich

Die beiden Mitarbeiterinnen gehen aber auch zu Fuß los und bieten Obdachlosen sowie Menschen ohne Krankenversicherung Getränke an, fragen nach Problemen, geben Tipps und helfen bei der Körperpflege, der Wundbehandlung oder einfach nur mit frischer Kleidung. Auch Schwangere betreuen sie. Zweimal im Monat sind Döme und Schenk auch am späten Abend unterwegs. Diese aufsuchende Hilfe ist deshalb so wichtig, weil viele Obdachlose gar nicht wissen, dass ihnen geholfen werden kann. Oder sie schämen sich, die Ambulanz aufzusuchen.

Im Einbauschrank des Ambulanzbusses sind Utensilien wie Verbandsmaterial, Pflaster und Salben. 

Ein kalter Winterabend im Dezember. Sonja Döme macht sich mit der ehrenamtlich tätigen Rentnerin Susanne Piehl auf den Weg. Sie packt Isomatten und Schlafsäcke ein. Im Rucksack sind Verbandsmaterial, Pflaster, Salben und ein Blutdruckgerät. Piehl, eine von sieben Ehrenamtlichen bei der Straßenambulanz, trägt die große Thermoskanne mit heißem Wasser für Tee oder Kaffee.

Die das Areal unter der Kaiserleibrücke wurde gesperrt

Erste Station ist das Areal unter der Kaiserleibrücke. Es ist stockfinster. Nur ein paar Radler und Jogger sind zu sehen. Döme beleuchtet mit einer Taschenlampe den holprigen Weg. Eine Zeitlang habe es hier ein Lager von Obdachlosen gegeben, sagt sie. Das Gelände sei aber gesperrt worden. Auch der Obdachlose, der noch vor einer Woche unter der Brücke genächtigt hat, ist nicht mehr da. „Die Leute suchen sich immer neue Verstecke“, sagt Döme. Das können leer stehende Häuser, ein Gebüsch oder der Wald sein.

Auf der anderen Seite unter der Brücke entdeckt sie ein neues Lager. Absperrgitter markieren das Revier. Es liegen Decken auf dem Boden, Plastiktüten und Flaschen. In der Ecke steht eine Mülltonne. Bunte Plakate vermitteln den Eindruck, hier habe es sich jemand ein bisschen gemütlich machen wollen. Doch ringsherum ist es dreckig, Ratten laufen herum. Und über der Schlafstätte donnern die Autos.

Nicht jeder ohne Unterkunft will Hilfe

Döme erzählt von einem Obdachlosen, der sich nicht helfen lassen wollte. Das gehöre zum Beruf dazu. „Wir müssen akzeptieren, wenn jemand keine Hilfe will.“ Die 39-Jährige hat früher als Kinderkrankenschwester gearbeitet. Sie bewarb sich für denJob bei der Caritas, „weil ich dachte, das passt für mich. Und das tut es auch.“ Kein Tag sei wie der andere. Das gefällt ihr. Auch wenn die Arbeit nicht immer appetitlich ist. Viele Menschen, die auf der Straße leben, haben Ödeme und offene Beine. Döme wäscht dreckige Füße, entfernt Hornhaut und schneidet Nägel. Einem Patienten mit „komplett offenen Unterschenkeln“ half sie wochenlang mit Fußbädern und Wundauflagen.

Der Mann, Anfang 50, war nicht krankenversichert und bezog auch kein Arbeitslosengeld, obwohl er einst bei der Müllabfuhr gearbeitet hatte. Er war wie viele andere Menschen in Notlagen aus dem System gefallen, nachdem er seinen Job und die Wohnung verloren hatte. Jetzt ist er immerhin wieder krankenversichert. Döme hat Menschen geholfen, die eingekotet und dankbar für eine Duschgelegenheit waren. Einer hatte Hepatitis. Manchmal trägt sie Schutzkleidung, um sich vor Infektionen, Läusen oder ansteckenden Krankheiten zu schützen.

Offenbach aus einem neuen Blickwinkel gesehen

Ihrer Erfahrung nach ist unter den Obdachlosen kaum jemand freiwillig auf „Platte“. Zuwanderer aus dem osteuropäischen Ausland ohne Anspruch auf Sozialleistungen und Unterbringungen landen häufig auf der Straße. Der akute Wohnungsmangel verschärft das Problem. Döme erzählt von einem bulgarischen Paar mit Kleinkind, das nach Offenbach kam, weil es glaubte, in Deutschland sei alles besser. „Aber sie hatten keine Chance, der Mann fand keine Arbeit.“

Die Frauen sind immer im Zweierteam unterwegs: hier Sonja Döme (links) und die ehrenamtliche Helferin Susanne Piehl.

Letzter Einsatz an diesem Abend ist die S-Bahn-Station am Marktplatz. Dort ist es zugig und kalt. In der B-Ebene sitzt ein etwa 40-jähriger Mann auf einer Bank, er hat eine Decke ausgebreitet und isst Reis aus einer Schale. Auf dem Boden stehen viele Tüten mit Leergut. Döme begrüßt den Mann mit seinem Namen und fragt, wie es ihm geht. Er: Und Dir? Hilfe lehnt er ab. Er brauche nichts.

Döme ist durch ihren neuen Beruf in eine fremde Welt eingetaucht. Sie sehe Offenbach nun aus einem anderen Blickwinkel. Früher habe sie sich keine Gedanken gemacht, was die Stadt für Leute ohne Dach über dem Kopf biete. „Sehr, sehr wenig“, meint sie. Das falle besonders im Winter auf. Denn für Obdachlose ohne Papiere gebe es nur die Kurzübernachtungsstätte der Diakonie.

Notunterkünfte sind knapp

Die 13 Plätze dort seien gerade im Winter zu wenig. „Dann müssen wir die Leute nach Frankfurt schicken.“ Für Frauen und Kinder gebe es in Offenbach nichts. Die Notunterkünfte etwa in Hotels seien in der Regel nur für Menschen, die versichert oder im Bezug der Mainarbeit seien, sagt sie.

Gefährliche Situationen hat Sonja Döme bisher nicht erlebt. Das verdankt sie vielleicht auch einem Tipp von erfahrenen Frankfurter Kollegen. „Weck’ niemals einen schlafenden Obdachlosen“, rieten sie. Denn er könnte sich bedroht fühlen und zum Messer greifen, das er auch im Schlaf unter der Decke in der Hand halte.

Obdachlos: Mobile Hilfe

Die Straßenambulanzin Offenbach hat im vergangenen Jahr 77 Menschen betreut, pflegerisch versorgt und beraten. Seit der Bus (Februar 2019) im Einsatz ist, steigen die Zahlen an.

In Offenbachgibt es 13 Plätze für Kurzzeitübernachter (bis sechs Nächte pro Monat). Sie sind nur für Männer gedacht. Dort übernachten durchschnittlich 160 Personen monatlich, das sind 1920 Personen im Jahr.

Die Stadtbrachte laut Sozialbericht 2018 durchschnittlich 539 Leistungsberechtigte (6468 im Jahr) in Hotels und Gemeinschaftsunterkünften unter, dies ist gegenüber dem Vorjahr eine Erhöhung um über elf Prozent. 

Von Agnes Schönberger


Auch am Flughafen Frankfurt leben obdachlose Menschen. Von den Auswirkungen der Corona-Krise sind sie besonders hart betroffen

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare