+
Wo der Verkehrsrechner bei Bedarf mit Programmänderungen für die Ampelschaltung eingreifen wird: auf der Berliner Straße (1), auf der Unteren Grenzstraße (2), auf der Mainstraße (3), auf der Sprendlinger Landstraße (4), auf der Waldstraße (5) und auf der Mühlheimer Straße (6).

Runter mit dem Stickoxid

Politik beschließt Masterplan gegen die schlechte Luft in Offenbach

Bloß kein Dieselfahrverbot. Da treibt sich die Stadt selbst an und nimmt eine ganze Menge Geld in die Hand. Bis Ende 2020 soll ein ambitionierter, gemeinsam mit Frankfurt erarbeiteter „Masterplan NOx“ greifen, was dann allein für Offenbach rund 15 Millionen Euro verschlungen haben wird.

Offenbach – Die chemische Formel NOx steht für die Verbindung Stickstoffoxid, für deren Aufkommen besonders Dieselfahrzeuge verantwortlich gemacht werden. Bei den Grenzwerten, die ein Fahrverbot für die Selbstzünder begründen könnten, steht Offenbach auf der Kippe. Die Deutsche Umwelthilfe hat das Land Hessen verklagt; bei der noch nicht terminierten Verhandlung vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel muss auch die Stadt als Beigeladene nachvollziehbar erläutern, wie sie das Aufkommen der Abgase in den Griff bekommen will.

Der Magistrat hat am Mittwoch den Grundsatzbeschluss zur Umsetzung des von Februar bis Juni 2018 erarbeiteten Maßnahmenkatalogs beschlossen. Diese Rundum-Digitalisierung ist Teil einer Gesamtstrategie zur Luftreinhaltung, zu der auch die Förderung alternativer Fortbewegungsarten gehört.

Lkw-Umleitungskonzept vorgesehen

Anträge auf Bezuschussung sind bereits beim Bund eingereicht und bis auf eine Ausnahme genehmigt. An der Kommune selbst werden 7,6 Millionen Euro hängen bleiben, die sie sich pumpen muss: Auch das ist ein Punkt, der als Begründung für die massive Erhöhung der Grundsteuer herhalten muss.

„Offenbach ist nicht Stuttgart“, vergleicht der zuständige Stadtrat Paul-Gerhard Weiß, um zu verdeutlichen, wie realistisch das Ziel ist, am Main die problematischen Werte zu drücken. Die Schwaben-Metropole muss mit 80 Mikrogramm NOx je Kubikmeter Luft fertig werden, die Herausforderung für die kleine Großstadt am Main stellen 40 bis 45 Mikrogramm an den Brennpunkten Untere Grenz-, Main- und Bieberer Straße dar. Die Stichworte für die Therapie: Verkehrsverflüssigung, stadtweite umweltsensitive Verkehrssteuerung, Lkw-Durchfahrtsverbot. 

Als zuständiger Stadtrat erläuterte Paul-Gerhard Weiß (hier mit Umweltamtschefin Heike Hollerbach und Stadtsprecher Fabian El Cheikh) den Magistratsbeschluss.

Nur für dessen, mit 1,2 Millionen Euro veranschlagten, Kosten wird noch auf die Zuschuss-Zusage gewartet. Betreffen würde es Lasterwagen ab 3,5 Tonnen, die kein Ziel in Offenbach haben. Vorgelagert wird eine regionale Untersuchung: Denn was nicht mehr Offenbach durchqueren darf, muss auf umliegende Landes- und Bundesstraßen geleitet werden. Wie Verkehrsplanungs-Referentin Ivonne Gerdts erläutert, sind nicht allein Standard-Verkehrsschilder vorgesehen. Vielmehr sollen LED-Tafeln Empfehlungen eines noch zu erarbeitenden Lkw-Umleitungskonzepts an die Straßen bringen. Das Unterbinden des Transport-Transits soll zehn Prozent NOx einsparen – in der Stadt. In der Peripherie wird’s dann zwangsläufig etwas schlechter...

Ziel ist ein gleichmäßigerer Verkehr

7,9 Millionen Euro, davon 3,9 vom Bund, verschlingt das Projekt „Verkehrsverflüssigung“: Ziel ist, das schadstoffintensive Stop & Go zu reduzieren. Dafür werden laut Ivonne Gerdts 64 Ampelanlagen mit neuer Steuergerätetechnik aufgerüstet; Kameras und Bluetooth-Geräte registrieren das Verkehrsaufkommen, melden es an den 2007 angeschafften Verkehrsrechner, der sich dann fürs optimale Programm entscheidet. An einer großen Kreuzung im Süden beispielsweise haben dann die Autofahrer auf der Waldstraße länger Grün, während die auf Odenwald- und Spessartring ausharren müssen. Angepeilt ist ein gleichmäßigerer, durchaus auch etwas gemächlicherer Verkehr. Macht minus fünf Prozent NOx.

Das ist auch die erhoffte Reduzierung für alles, was sich hinter dem Sammelbegriff „umweltsensitive Verkehrssteuerung“ (6,06 Millionen, gefördert mit 2,9 Millionen) verbirgt. Der künftig vielfältig (auch mit aktuellen Kenngrößen der Schadstoffbelastung) gefütterte Verkehrsrechner entscheidet über die „situationsabhängige Zuflussdosierung“: Das ist nichts anderes als die berüchtigte Pförtnerampel. Wird die Luft in der Stadt zu dick, weil sich irgendwo die Autos stauen, heißt’s für den Einpendler, du kommst erst mal nicht rein, bis sich das Knäuel aufgelöst hat. Wie lang das jeweils dauern kann, darauf will sich niemand festlegen. „Es ist sehr wirksam, man macht’s aber nur, wenn man’s braucht“, sagt Dezernent Weiß.

Den Verkehrsfluss verbessern sollen aber auch dynamische Routenempfehlungen – das Umgehungsangebot aus dem Computer – und die Ausweitung des bestehenden dynamischen Leitsystems auf derzeit noch nicht angebundene Parkhäuser. Um das alles umsetzen zu können, braucht das Amt für Stadtplanung, Verkehrs- und Baumanagement fünf zusätzliche Stellen, was in der Berechnung der Mittel enthalten ist. Freidemokrat Weiß ist überzeugt, dass der Masterplan die Verwaltungsrichter überzeugen wird, dass die Maßnahmen die Einhaltung des NOx-Grenzwerts garantieren – und den Kelch des Dieselfahrverbots an Offenbach vorbeigehen lassen.

VON THOMAS KIRSTEIN

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Lufthansa-A380 aus Frankfurt muss Flug plötzlich abbrechen

Unangenehme Stunden für die Passagiere: Ein A380 musste auf dem Weg von Frankfurt nach Indien plötzlich wieder umkehren.

Zoll zieht lebensgefährliche Ware aus dem Verkehr

Dem Zoll gelingt am Frankfurter Flughafen ein Schlag gegen Produktpiraterie. Er zieht lebensgefährliche Waren aus dem Verkehr.

Bald sorgen rote Ampeln in Frankfurt für künstlichen Stau und das hat einen Grund

In Frankfurt sorgen rote Ampeln gezielt für künstlichen Stau: Das hat einen Grund.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare