+
Kinderärzte sind beunruhigt: Die Notfallversorgung ihrer Patienten ist zwar gewährleistet, doch sie sehen die kontinuierliche und langfristige medizinische Versorgung der Kinder gefährdet.

Und Problem verschärft sich weiter

Kinderärzte in Offenbach: "Wir sind am Limit"

In Offenbach gibt es zu wenig Kinderärzte - die praktizierenden Mediziner arbeiten am Limit. 

Offenbach – In der Gemeinschaftspraxis der Kinderärzte von Dr. Matthias Gründler und Dr. Martin Eckrich im Offenbacher Stadtteil Rumpenheim ist das Wartezimmer immer voll. „Wir sind am Limit“, berichtet Gründler. „Es gibt eindeutig zu wenig niedergelassene Kinderärzte.“ In Offenbach sind es insgesamt zehn Praxen, diese könnten allerdings den Bedarf nicht mehr decken.

Die Gründe für den Kinderärztemangel sind vielfältig

Die Gründe für den Mangel sind vielfältig, das Bevölkerungswachstum in Offenbach verschärft das Problem: „Es gibt mehr Bewohner und dadurch natürlich mehr Kinder, aber nach wie vor die gleiche Zahl an Ärzten“, erklärt Gründler. Zahlen der Offenbacher Einwohnerstatistik bestätigen diese These: Alleine zwischen 2014 und 2018 ist die Bevölkerungsgruppe der bis 17-Jährigen um knapp 2 000 auf 23 132 angestiegen, vor allem mehr Neugeborene zählte die Stadt in den letzten Jahren.

Die Folge des Kinderärzte-Mangels: „Wir müssen Eltern auch schon einmal vertrösten und es kann passieren, dass wir ihnen erst in einigen Wochen oder gar Monaten einen Termin anbieten können.“

Um die Gesundheit der Kinder müsse dennoch niemand fürchten: „Akute Fälle werden natürlich nicht abgelehnt, die Notfallversorgung ist gewährleistet.“ Die kontinuierliche langfristige Versorgung sei jedoch gefährdet. „Ich will in meiner Praxis nicht an Qualität verlieren, und wenn Eltern sich Hilfe beim Hausarzt suchen, ist das auch nicht die Lösung“, beschreibt er das Dilemma.

Babyboom ist nicht der einzige Grund für zu wenig Kinderärzte

Der Babyboom in den vergangenen Jahren ist allerdings nicht der einzige Grund für den Engpass: Mehr Vorsorgeuntersuchungen beziehungsweise die Pflicht zur Vorsorge lassen den Aufwand für die Ärzte steigen. „Außerdem gehen einige Eltern auch schneller wegen Bagatellen zum Arzt“, hat Gründler beobachtet. Auch Karl Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Hessen, stellt eine zunehmende Unsicherheit bei Eltern fest, die eine Mehrbelastung der Kinderärzte zur Folge hat: „Während es früher völlig normal war, Kinder auch einmal mit Fieber ins Bett zu stecken und gesund werden zu lassen, ist in einem solchen Fall heutzutage die Unsicherheit der Eltern so groß, dass sie in der Regel direkt zum Kinderarzt fahren. Es ist klar, dass dies die Praxen verstopft.“

Die Bedarfsplanungsrichtlinie der KV sei schon einige Jahre alt und berücksichtige aktuelle Versorgungsentwicklungen nur unzureichend, „zum Beispiel den steigenden Aufwand bei den Vorsorgeuntersuchungen“. Statistisch gesehen gebe es in Hessen zwar keinen Mangel an Kinderärzten, so Roth, „de facto und im Versorgungsalltag fühlt sich das aber oft anders an.“

Wegen dieser Diskrepanz zwischen Statistik und Realität hatte die KV bereits im Dezember 2018 die Krankenkassen aufgefordert, den Mehrbedarf von mindestens 15 zusätzlichen Kinderarztsitzen in Hessen zu finanzieren (siehe nebenstehenden Bericht). Die KV analysierte die Versorgung in Hessen und erkannte in zahlreichen Regionen zusätzlichen Bedarf. Besonders betroffen im Rhein-Main-Gebiet sind demnach vor allem Darmstadt, Offenbach und der Main-Kinzig-Kreis, außerdem weitere Regionen in Nord- und Mittelhessen.

Die steigenden Geburtszahlen seien allerdings bereits in der Bedarfsplanung berücksichtigt worden, da diese auf aktuellen Einwohnerzahlen basiere, erläutert Roth. „Eltern müssen sich also definitiv keine Sorgen machen, dass ihre Kinder nicht ausreichend versorgt werden. Akutfälle werden behandelt, und für Vorsorgeuntersuchungen ist eine frühzeitige Terminvereinbarung anzuraten.“

Offenbach: Mediziner haben Nachwuchssorgen

Ein weiteres Problem sind die Nachwuchssorgen im Kinderarzt-Bereich: „Ältere Kollegen haben es schwer, einen Nachfolger für ihre Praxis zu finden“, berichtet Mediziner Gründler. Eine Einschätzung, die auch KV-Sprecher Roth bestätigt: „Bis zum Jahr 2030 werden 54 Prozent der hessischen Kinderärzte voraussichtlich altersbedingt ausscheiden.“ Deswegen fordere die Kassenärztliche Vereinigung mehr Medizin-Studienplätze, damit der Bedarf in Zukunft gedeckt werden könne.

Für Gründler haben die Sorgen um den Nachwuchs mehrere Ursachen: „Für niedergelassene Kinderärzte ist das finanzielle Risiko höher, die Belastung und Verantwortung größer und die Arbeit mehr“, fasst er zusammen. Das Einkommen sei nicht das Problem, allerdings sei der Arbeitsaufwand für niedergelassene Kinderärzte um einiges größer als für die angestellten Kollegen – schon allein wegen der zusätzlichen administrativen Aufgaben. Gründler wünscht sich in diesem Zusammenhang, dass die Kassenärztliche Vereinigung die Praxen bei der zunehmenden Bürokratie entlastet.

„Wir müssen den Beruf im Allgemeinen und die Übernahme von Praxen im Speziellen attraktiver machen“, fordert er. Jungen Kollegen müsse vermehrt die Facharztausbildung in Praxen ermöglicht werden, bisher sei das nur begrenzt der Fall, denn die meisten Mediziner machen laut Gründler ihren Facharzt in Krankenhäusern.

KV-Sprecher Roth verweist darauf, dass die Planung in absehbarer Zeit dem tatsächlichen Bedarf angepasst werden könnte: Derzeit berate der Gemeinsame Bundesausschuss (das höchste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen) eine für Juli 2019 geplante Reform der Bedarfsplanungs-Richtlinie, welche die Versorgungsrealität etwas besser widerspiegeln könne. „In welchem Rahmen eine Anpassung stattfindet, ist derzeit allerdings noch nicht genau absehbar.“

VON NIELS BRITSCH

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Verkehrsminister Al-Wazir stellt Seniorenticket vor - alle Infos

Das neue Seniorenticket in Hessen soll für ältere Frauen und Männer ab dem 65. Lebensjahr gelten und vom Jahr 2020 an genutzt werden können.

Illegaler Welpenhandel aufgeflogen - üble Folgen für Züchter

Illegaler Welpenhandel aufgeflogen - jetzt muss Züchter die Konsequenzen tragen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare