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Seniorenrat beklagt alarmierende Zahlen

Altersarmut nimmt zu

Seniorenrat beklagt alarmierende Zahlen

Immer mehr Menschen in Offenbach sind auf die Grundsicherung angewiesen, dabei schämen sich viele, diese in Anspruch zu nehmen. Dafür gibt es vor allem einen Grund.

Offenbach – Der fortschreitenden Altersarmut muss auf lokaler Ebene trotz knapper Kommunalfinanzen mit konkreten Maßnahmen begegnet werden. Der städtische Seniorenrat betrachtet die Thematik als Querschnittaufgabe und will selbst Handlungsempfehlungen entwickeln. 

Gertrud Helduser konfrontiert die Mitglieder des Seniorenrats in dessen jüngster Sitzung mit alarmierenden Zahlen. "Wenn fast 2000 Einwohner Offenbachs über 65 Jahre Grundsicherung beziehen, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, stimmt uns das mehr als nachdenklich und zwingt zum Handeln." Seit dem Jahr 2000 sei der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung von 18 700 auf knapp 22 000 in 2018 gestiegen, referiert sie vor dem Gremium. Von 2008 bis 2018 ging die Zahl der Grundsicherungsbezieher aus dieser Personengruppe von 1300 auf 1945 in die Höhe, habe also fast um die Hälfte zugenommen. Die Altersarmutsrate liege jetzt bei 8,8 Prozent.

"Daneben gibt es in Offenbach aber viele Menschen, die aus einer Mischung aus Schamgefühl, Unkenntnis und Angst vor Stigmatisierung dringend benötigte Leistungen nicht in Anspruch nehmen." Auch fürchteten sie, ihre Kinder könnten zur Sicherung ihres Altersdaseins finanziell herangezogen werden. Man gehe davon aus, dass dies etwa 50 Prozent der Berechtigten seien. 

Altenpolitik als gemeinsame Aufgabe

Altenpolitik sei eine gemeinsame Aufgabe, bei der Bund, Land und Kommune in der Pflicht stünden. Als Ort der sozialen Daseinsfürsorge stehe der Stadt in besonderer Verantwortung, betont Helduser in ihrem rund einstündigen Vortrag. "Sie muss bei der Frage, wie Altersarmut zu reduzieren ist, aber nicht alles selber tun. In manchen Bereichen genügt es, wenn sie entsprechende Angebote und Konzepte anstößt." Genau da sieht der Seniorenrat Handlungsbedarf.

In einige Kommunen mit ebenfalls hoher Altersarmutsrate – 2017 betrug sie in Frankfurt 8,55 Prozent, in Kassel waren es sieben und in Darmstadt 5,8 Prozent bei einem Hessendurchschnitt von 3,49 Prozent – komme Bewegung, um Bürger mit geringem Einkommen gezielt zu helfen. "Auch in Offenbach hat es 2018 einen Antrag an den Magistrat gegeben, ein vergünstigtes Sozialticket einzuführen", ruft Helduser in Erinnerung. Der sei aber unter Hinweis auf Kosten von mehr als vier Millionen Euro als nicht finanzierbar abschlägig beschieden worden.

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"Wir wollen jedoch nicht hören, was nicht geht, sondern was möglich ist", erhebt Wolfgang Reuter, Vorsitzender des Seniorenrats, in der Aussprache seine Stimme. Dabei gehe es nicht um Maximalforderungen, "die werden eh nicht zielführend sein." Vielmehr sollten kleine, dennoch wirksame Maßnahmen ergriffen werden, um die Situation von älteren Bürgern mit geringen Einkommen nicht weiter zu verschlechtern. Man verkenne nicht, dass es eine Vielzahl Hilfen in Offenbach gebe, so Reuter. "Das genügt aber nicht, denn es gibt weitere Problemfelder." Stichwort: Wohnen.

"Deshalb sollten wir Dampf machen"

Besonders für ältere Menschen spitze sich die Situation zu. Wenn mehr als die Hälfte der Rente für die monatliche Miete draufgehe, werde es kritisch und es drohe der Auszug aus den zum Teil über Jahrzehnte bewohnten vier Wänden. Auf dem freien Markt werde Wohnen immer teurer, und sozial gefördert stünden in Offenbach lediglich 410 Einheiten zur Verfügung. "Das sind sogar weniger als zur Jahrtausendwende", beklagt Helduser. Und auch die Möglichkeiten, in Wohnanlagen für ältere Menschen unterzukommen, seien beschränkt.

Nannte alarmierende Zahlen: Gertrud Helduser. 

Der kommunale Altenplan enthalte zwar wichtige Handlungsempfehlungen, ihre Umsetzung erfolge aber noch zu langsam. "Deshalb sollten wir Dampf machen", so die einhellige Meinung im Seniorenrat. In den kommenden Wochen wollen die Mitglieder daher ihre Vorschläge bündeln, um sie nach der Sommerpause – die nächste Sitzung ist Mitte August – dem Magistrat vorzulegen.

Harald H. Richter

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