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Restauratorin Angelika Ulbrich betupft den bronzenen römischen Pferdekopf. Der 14 Kilo schwere Pferdekopf von Waldgirmes gehörte wohl zu einer Reiterstatue des Kaisers Augustus. Gut sind noch die Spuren der Vergoldung zu erkennen.

Gericht legt Wert fest

Pferdekopf: Sensationsfund soll auf der Saalburg gezeigt werden

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Die Entscheidung des Limburger Landgerichts dürfte dem Taunus eine herausragende Attraktion bescheren: Wird der Vergleich zwischen dem Land Hessen und dem Landwirt als Finder rechtskräftig, soll der Pferdekopf auf der Saalburg ausgestellt werden.

Brunnenschächte sind für Archäologen ein Eldorado. Das bewahrheitete sich wieder einmal 2009, als in Waldgirmes (Mittelhessen) in elf Metern Tiefe in einem Brunnen unter schweren Mühlsteinen der berühmte Pferdekopf entdeckt wurde. Fast von Anfang an war klar, dass es sich dabei um einen Fund handelt, der die Geschichte der provinzialrömischen Geschichte umkrempeln würde. Nicht wenige Experten stellen den Fund auf eine Stufe mit dem Keltenfürsten vom Glauberg und der Himmelsscheibe von Nebra. Doch seitdem wird um den Pferdekopf gestritten. Auf der einen Seite ging es um die Frage, wo der Fund künftig ausgestellt werden wird, auf der anderen ging es um den realen Wert des Exponats. Davon ist wiederum abhängig, ab wann und wo der Pferdekopf für die Öffentlichkeit zu sehen sein wird.

Zumindest in Sachen Wert hat das Landgericht Limburg nun eine (vorläufige) Entscheidung getroffen: 773 000 Euro soll das Land an den Landwirt zahlen, auf dessen Grundstück die Archäologen den Pferdekopf entdeckt haben. Sollten die Parteine dem Vergleich zustimmen, soll der spektakuläre Fund wahrscheinlich auf der Saalburg zu sehen sein. So hatte es das Land bereits im Februar auf Anfrage dieser Zeitung bestätigt. Saalburgdirektor Dr. Carsten Amrhein hatte damals gesagt, dass sich über „so ein Ausstellungsobjekt natürlich jeder Museumsleiter freuen“ würde. Die endgültige Entscheidung könnte am kommenden Dienstag fallen. Wissenschafts- und Kulturminister Boris Rhein will sich dann auf der Landespressekonferenz dazu äußern. Vorher wolle man erst noch das Urteil prüfen und sich nicht weiter äußern, hieß es gestern aus Wiesbaden.

Der Prozess zog sich in die Länge – mit einer Entscheidung wurde eigentlich im März oder April gerechnet –, weil auch die Vorstellungen von Land und Landwirt, auf dessen Grundstück der Kopf gefunden wurde, auseinanderklafften. Dem Landwirt steht – nach der bis vor einigen Jahren geltenden Rechtsprechung – eigentlich die Hälfte des Werts des Sensationsfunds zu. Während er 1,8 Millionen Euro forderte, hatte das Land zunächst 48 000 Euro als Angebot unterbreitet, später aber auch den Kompromissvorschlag des Gerichts über 500 000 Euro akzeptiert. Die Gegenseite hatte aber erneut abgelehnt. Ein unabhängiges Gutachten war zu dem Urteil gekommen, dass das antike Stück 1,64 Millionen Euro wert sei. Nun also sind es 773 000 Euro, die der Landwirt erhält.

Doch was macht den Pferdekopf so besonders? Die 14 Kilo schwere Bronze ist äußerst kunstfertig, Reste weisen darauf hin, dass es ein vergoldetes Reiterstandbild des Kaisers Augustus war und vermutlich den Kaiser Augustus zu Pferde darstellte. Die Art der Gestaltung lässt vermuten, dass es in Italien gefertigt wurde. Allein das gefundene Objekt wäre schon bemerkenswert, überraschend ist jedoch der Fundort. Denn das heutige Waldgirmes liegt außerhalb der Grenzen des damaligen Römischen Reiches. Dort hätte ein Augustus-Standbild eigentlich nichts zu suchen. Überraschend auch das Fundumfeld, denn offenbar befand sich hier einst eine römische Zivilsiedlung.

Aufgrund dieser Ergebnisse sehen viele Historiker die lange gehegte Ansicht, die Römer hätten erst unter Statthalter Varus mit der Organisation Germaniens als Provinz begonnen, als überholt an. Varus hatte dieses Amt erst 7 n. Chr. übernommen. Ein Jahr später hatte Kaiser Augustus das Gebiet jenseits des Rheins in einer symbolischen Geste ins Imperium integriert. Doch militärisch konnten die Römer diesen Anspruch nicht durchsetzen.

Die Anlage von Waldgirmes stärkt dagegen die These, dass Augustus bereits früher die Ausdehnung des Imperiums anstrebte. Diese Expansionspläne fanden mit der Niederlage der Römer in der Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) ein jähes Ende. Auch die Siedlung bei Waldgirmes, wohl um 5 v. Chr. angelegt, scheint bald darauf aufgegeben worden zu sein. Fortan stand die Absicherung der Grenze nach Germanien im Mittelpunkt der römischen Politik, in deren Zuge später der Limesbau erfolgte. Der Bau einer dauerhaften zivilen Siedlung spricht dafür, dass Augustus die Eroberung dieses Teiles Germaniens nicht nur militärisch verfolgte. Das deckt sich mit dem, was Geschichtsschreiber Cassius Dio um 205 n. Chr. berichtet, wonach die Römer seinerzeit einzelne Landesteile in Besitz genommen hatten, nicht aber zusammenhängende Gebiete. Man habe an strategisch wichtigen Punkten Städte angelegt. Waldgirmes war offenbar eine davon.

Möglicherweise sollte die Siedlung die Funktion eines Kolonisierungszentrums übernehmen. Der Pferdekopf ist somit ein Dokument des Wandels der römischen Politik. Zunächst Ausdruck römischen Expansionsstrebens, dann aber auch ein Symbol des Scheiterns. Warum die Statue schließlich im Brunnen landete, weiß man nicht. Möglicherweise haben sie die Römer zerschlagen und im Brunnen versenkt, damit sie nicht den Germanen in die Hände fiel. Hier ist man auf weitere Forschungen angewiesen.

Sollte es sich bewahrheiten, dass der Kopf auf die Saalburg kommt, stellt das für das Römermuseum auch ,useal eine Herausforderung dar. Denn für die Präsentation müsste ein eigenes neues Konzept erarbeitet werden. Schließlich ist der Pferdekopf rund 200 Jahre älter als die Saalburg selbst, weswegen sie nicht ohne Weiteres in den Saalburg-Kontext gestellt werden kann. Aber da dürfte für Saalburg-Chef Dr Carsten Amrhein und sein Team ein Problem sein, das sie gerne lösen werden.

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