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Philipp Herzog von Württemberg: Der Auktionator

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Philipp Herzog von Württemberg, Europa-Chef des Auktionshauses Sotheby?s.
Philipp Herzog von Württemberg, Europa-Chef des Auktionshauses Sotheby?s. © Salome Roessler

Wird man automatisch Kunsthändler, wenn man in einer museumsartigen Umgebung aufwächst? „Nicht unbedingt. Immerhin bin ich das einzige von drei Kindern, bei dem sich das so ausgewirkt hat“,

Wird man automatisch Kunsthändler, wenn man in einer museumsartigen Umgebung aufwächst? „Nicht unbedingt. Immerhin bin ich das einzige von drei Kindern, bei dem sich das so ausgewirkt hat“, sagt Philipp von Württemberg mit einem gewinnenden Lächeln. Der Geschäftsführer von Sotheby’s Deutschland und Chairman von Sotheby’s Europe sitzt im Besprechungsraum des Erdgeschosses einer eleganten Westend-Villa inmitten seiner eigenen Errungenschaften: Gemälde von Anthony Werner und Gregor Hildebrandt, eine Skulptur von Olaf Metzel. „Ich mag keine schöne Kunst, sondern Kunst mit Ausdruck, mit Kraft, die Emotionen vermittelt. In solche Werke kann ich mich verlieben.“ Da scheint es auf einmal gar nicht mehr verwunderlich, dass der Mann mit Herzogstitel im perfekt sitzenden Anzug gelegentlich davon träumt, sich selbst als Künstler zu betätigen, und zwar am liebsten als Skulpturenbildner, der mit Stahl und Schweißmaschinen arbeitet – derb, schmutzig und roh. „Das könnte ich mir gut vorstellen, wenn ich denn die Zeit dazu hätte.“

Zeit ist ein wichtiges Thema im Leben des 54-Jährigen, der mindestens drei Tage die Woche im Ausland ist, sich mit Kunden trifft, Kunstwerke in Augenschein nimmt, Käufe und Verkäufe organisiert und froh ist, wenn er sich am Wochenende Zeit für die Familie nehmen kann. Vier Kinder hat er mit seiner Frau, Marie Caroline Herzogin in Bayern, mit der er seit 26 Jahren verheiratet ist. Eine Adlige zu heiraten, das war keinesfalls Vorgabe in seiner Familie. „Aber man bewegt sich nun mal in seinen Kreisen, ist eingeladen auf Feiern und Hochzeiten. Da haben wir uns kennengelernt, sie war 17 und ich 22, und wir haben uns verliebt.““

Für Kunst und Kunstgegenstände interessierte sich Philipp von Württemberg schon so lange er denken kann. Er wächst im Schloss Friedrichshafen als dritter Sohn von Herzog Carl und Prinzessin Diane von Orleans auf. „Meine Mutter ist Künstlerin, ich durfte ihr in ihrem Atelier helfen. Später habe ich selbst angefangen zu zeichnen – aber das reizt mich heute nicht mehr.“ Neben der Malerei seiner Mutter faszinieren ihn vor allem auch die Antiquitäten im Schloss. Er fängt an, sich mit den Möbeln zu befassen, lässt sich vom Hausschreiner erklären, was die alten Furniere auszeichnet, wie man Kleinteile repariert, übt sich im Schnitzen, versucht sich an der Nachbildung eines barocken Bettendes.

Volksschule besucht

Als er zwölf ist, zieht die Familie ins Schloss Altzhausen um, wo Philipp von Württemberg Waffen, Säbel, Pistolen und Rüstungen entdeckt. Sein Vater erlaubt ihm, ein kleines Waffen- und Jagdmuseum einzurichten, der Sohn entwirft Gestelle für die Exponate, holt beim Schreiner einen Kostenvoranschlag ein, lässt sich vom Museums-Restaurator erklären, wie die antiken Stücke zu reinigen sind und beschäftigt sich über die nächsten fünf Jahre hinweg mit dem Aufbau der kleinen Ausstellung.

Die Mutter will sich nicht von den Kindern trennen, schickt sie daher nicht aufs Internat. Philipp von Württemberg besucht die Volksschule im Ort, später das Gymnasium, einige seiner Freunde sind die Kinder von Landwirten. „Bei ihnen habe ich oft alte Hobel, Sensen und anderes Werkzeug entdeckt und ihnen abgekauft. Die habe ich dann wieder hergerichtet und entweder aufgehängt, oder gewinnbringend verkauft.“ Bald treibt sich der Adelsspross, der beim Schwelgen in Erinnerungen auch heute noch ins Schwäbische verfällt, auf Flohmärkten herum. Seine Tante arbeitet beim Kunstauktionshaus Christie’s und nach dem Abitur, selbstverständlich mit Leistungskurs Kunst, finanziert Philipp von Württembergs Vater ihm einen einjährigen Fine Arts Kurs, der von Christie’s in London angeboten wird.

Philipp von Württemberg lernt dort Kunstgeschichte anhand von echten Objekten, bereist Schlösser und nimmt an Auktionen teil, die ihn besonders faszinieren. Mit 18 ersteigert er seinen erste Kunstgegenstand, die kleine Keramik eines Flöte spielenden Jungen aus der Ludwigsburger Porzellanmanufaktur, zum dreifachen Schätzpreis. „Ich war unheimlich aufgeregt und hinterher sehr stolz.“ Den Flötenspieler hat er noch immer, auch wenn er nicht recht zu den Kunstgegenständen passen will, die ihn heute faszinieren, beispielsweise zu der Skulptur mit dem Titel "Somebody", die in seinem Büro steht, Jassir Arafat darstellen könnte, in Haltung und Mimik aber eher an die Hexe aus Hänsel und Gretel erinnert.

„Silber, Möbel, das ist alles vorbei, heute interessiere ich mich für zeitgenössische Kunst, vor allem deutsche und chinesische.“ Es muss aber nicht immer plakativ sein, und auch nicht immer teuer: Im Portugal-Urlaub sammelt Philipp von Württemberg gerne Muscheln am Strand und klebt sie hinterher mit der Heißklebepistole auf Rahmen eines schwedischen Möbelhauses, am Liebsten mit Hilfe seiner Kinder. „Ich brauche dieses Runterfahren von der Hektik“, sagt er.

Nach seinem Jahr bei Christie’s studiert Philipp von Württemberg Kunstgeschichte, zieht das Studium zügig durch, macht in den Ferien Praktika – bei Händlern, Restauratoren, Museen. „Ich bin kein Bücherwurm, sondern ein Praktiker“, sagt er von sich selbst. Trotzdem setzt er noch eine Promotion drauf. In seiner Doktorarbeit beschäftigt er sich mit Lackkabinetten in deutschen Schlössern, ein nahezu unerforschtes Gebiet. Seine Arbeit gleicht einer Bestandsaufnahme, die gebundene Fassung nennt den Autor nur als „Philipp Württemberg“ und verschweigt den Herzog – eine Geste der Bescheidenheit?

„Viele denken, man hätte durch einen Adelstitel immer Vorteile, aber tatsächlich schafft so ein Titel auch eine große Erwartungshaltung“, sagt Philipp von Württemberg und berichtet von Lehrern, die ihm als Kind erzählten, er dürfe sich mit so einem Titel keine Rechtschreibfehler erlauben. „Am Ende öffnet ein Titel vielleicht manchmal Türen, aber er bringt einem überhaupt nichts, wenn man nicht auch abliefert und Leistung bringt.“ Dass er mit dem „Abliefern“ je groß Probleme gehabt hätte, kann man sich bei ihm allerdings kaum vorstellen. Souverän, charismatisch, mit einem aufgeschlossenen Lächeln und dem rechten Maß an Empathie sitzt er da und scheint ganz genau zu wissen, was das Gegenüber von ihm wünscht.

Der Beginn

Rückblende ins Jahr 1992: Im Alter von 27 Jahren und noch im Studium, nimmt er an der Auktion der Fürsten von Thurn und Taxis Teil, ersteigert mehrere Objekte für Bekannte der Familie und nimmt dafür ein Prozent als Provision. Dort lernt er das Team von Sotheby’s erstmals kennen. Fünf Jahre später, bei der Auktion des Markgrafen von Baden, bietet er erneut für Freunde und Kunden. „Das waren großartige Veranstaltungen, wie in einem bewegten Museum“, schwärmt er heute. Beim Abendessen fragt ihn der damalige Vorstand von Sotheby’s Deutschland, Graf Douglas, warum er eigentlich nicht für sein Unternehmen arbeite. „Ich hatte meine Promotion gerade abgeschlossen, das war also der ideale Zeitpunkt“, erinnert sich von Württemberg. Und so steigt er in die Abteilung für Möbel des 18. Jahrhunderts bei Sotheby’s in London ein, drei Jahre später wird er Geschäftsführer von Sotheby’s Deutschland und einige Jahre später Vorsitzender von Sotheby’s Frankreich. Dass er durch die französische Mutter und das spanische Kindermädchen dreisprachig aufgewachsen ist, ist dabei mehr als nützlich.

Heute sind Philipp von Württembergs hauptsächliche Aufgaben der Service am Kunden und die Pflege von Beziehungen. Dafür braucht es viel Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, die Kunden auf der Gefühlsebene abzuholen, denn in einem ist er sich sicher: Kunst ist ein emotionales Thema. Aus diesen Emotionen zieht Philipp von Württemberg Gewinn, wenn er beispielsweise ein Kunstwerk für das zehnfache des Schätzwerts verkauft. Oder besser: verkaufen lässt, denn Versteigerungen leitet er heute nur noch vier bis sechs Mal im Jahr, was er nicht ohne Bedauern berichtet. „Bei Auktionen gibt es eine ganz besondere Atmosphäre“, schwärmt er. Eine Viertelstunde vorher bekommt er immer Lampenfieber, will niemanden sehen. Mit einem Schluck Wasser und dem ersten Satz löst sich das, dann lässt er sich von der Stimmung im Saal tragen, baut kleine Witze und Spannungen ein, verleiht der Auktion eine Dramaturgie.

„Als Bub habe ich Theater gespielt und ein wenig Bühnenerfahrung ist sicher von Vorteil.“ Dass der distinguierte Herzog mit dem süffisanten Funkeln in den Augen mühelos einen ganzen Saal in seinen Bann ziehen kann, glaubt man ihm sofort.

Leidenschaft für Kunst

An seinem Beruf liebt Philipp von Württemberg vor allem, dass er mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenkommt – die aber immer eines verbindet: die Leidenschaft für Kunst. Dass ihn die Arbeit bei jeder Feier und jeder Essenseinladung wieder einholt, weil es immer jemanden gibt, der ihm noch ein Möbelstück, eine Skulptur oder ein Gemälde zeigen will, macht ihm nichts aus. „Für diesen Job braucht man vor allem das Vertrauen der Kunden. Man dringt in ihren privatesten Bereich vor, ihr Zuhause, ihr Schlafzimmer.“ Reisen und die Besuche bei Kunden genießt er, kommt er jedoch Heim und verbringt Zeit mit seinen Kindern, die zwischen 11 und 24 Jahre alt sind, dann bedauert er, dass er nicht öfter zu Hause ist. Seine älteste Tochter heiratet dieses Jahr, loslassen fällt ihm nicht leicht. „Aber Kunst und Kinder muss man in die Welt gehen lassen können“, sagt er. Im Loslassen hat er sich auch im vergangenen Jahr geübt, als er ganz allein den Jakobsweg von Porto bis Santiago de Compostela bestritt, zum größten Teil bei strömendem Regen, vor allem aber in Stille und mit ausgeschaltetem Handy. „Mir war die Stille ganz wichtig und ich habe gemerkt, dass auch ich ersetzbar bin, und dass nicht jedem Anruf und jeder Mail sofort nachgegangen werden muss.“

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