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Totensonntag

Porträt einer Sterbeamme

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Tod und Sterben war in unserer Gesellschaft lange ein Tabu. Doch das ändert sich langsam. Vor allem jüngere Generationen setzen sich zunehmend aktiv mit dem unvermeidlichen Ende unseres Lebens auseinander. Aus dieser Entwicklung ist sogar ein neuer Beruf erwachsen. Der Beruf der Sterbeamme. 

Die Hebamme bringt dich auf die Welt. Die Sterbeamme hilft dir dabei, diese Welt wieder zu verlassen. Von dem Moment an, in dem du erfahren hast, dass deine Tage gezählt sind, bis zu der Sekunde, in der dein Leben endet. In diesem Zeitraum kann sie Zuhörer, Vertrauter oder Organisator sein. Sie spricht mit dir über das, was kommt, über das, was war – oder auch nicht. Sie sitzt an deinem Bett, wenn du nicht mehr Laufen kannst, oder sie organisiert einfach nur den Pflegedienst.

Und sie hält schließlich deine Hand, wenn es ans Sterben geht. Sie kann aber auch dafür sorgen, dass du dabei alleine bist, wenn du das möchtest. Vielleicht wird es sie sein, die deine Augen schließt, wenn der letzte Atemzug durch deinen Körper gegangen ist. Vielleicht umarmt sie deine Kinder, deinen Partner, deine Freunde, wenn du nicht mehr bist. 

Raus aus dem Tabu

Früher waren Sterbeammen die Personen in einer Gemeinschaft, zum Beispiel in einem Dorf, die sich darauf verstanden, das Sterben zu begleiten. Heute sind es Dienstleister in einer Gesellschaft, die den Tod langsam wieder ins Leben holen möchte – raus aus dem Tabu. Es gibt Podcasts, die sich mit dem Sterben beschäftigen. Junge Menschen treffen sich regelmäßig in hippen Cafés, um über den Tod zu sprechen. Und eben auch die Sterbeammen erleben eine Renaissance. Wenn sie ihre Dienste nicht ehrenamtlich anbieten, liegt ihr Honorar zwischen 50 bis 100 Euro pro Sitzung, ähnlich wie bei Heilpraktikern. 

Etwa 400 Sterbeammen gibt es in Deutschland - davon sind 186 zertifiziert. Sie entsprechend also einem Qualitätsstandard, der von der Ausbildungsbegründerin, Claudia Cardinal, festgelegt wurde. Die Hamburgerin hatte sich die Berufsbezeichnung 2009 patentieren lassen.

Der Tod ist ein Kaventsmann

Ab November 2018 wird es in Hessen eine weitere zertifizierte Sterbeamme geben: Ute Boos. An diesem frühsommerlichen Tag sitzt die 53-Jährige in ihrer gemütlichen Wohnung im schönen Rheingauviertel in Wiesbaden am Esstisch. Das lange braune Haar ist locker zurückgesteckt, der Blick ist aufmerksam. Der Tod fühlt sich in diesem Moment so weit weg an, wie das Eis in der Antarktis. Trotzdem ist er präsent. Denn im Flur stehen Familienbilder. Auch von Bruder und Vater. Beide sind schon gestorben. Der Bruder hatte sich in jungen Jahren das Leben genommen. Den Vater hat sie beim Sterben begleiten können. 

Eine Woche saß sie an seinem Bett. Da war er bereits mehr dämmrig als wach. Die ganze Familie war versammelt. Die Schwester und die Mutter. Viel musste da nicht mehr getan werden. Sterbende essen nicht mehr. Sie trinken auch nur noch sehr wenig. „Meine Ausbilderin sagt immer:Der Tod ist ein Kaventsman“, erzählt Boos. Es sei gar nicht so leicht zu sterben. 

Rund 64.000 Hessen sterben im Jahr

Im Moment des Todes habe sie ein erhabenes, tiefes, wissendes Gefühl ergriffen. „Der Moment der Geburt und der Moment des Sterbens sind was ganz Wesentliches in unserem Dasein“, sagt sie. „Sie sind eigentlich die Phänomene des Lebens schlechthin.“ Leben ist oder nicht. 18 Jahre ist der Tod ihres Vaters nun her.

Im 2016 starben in Deutschland 911.000 Menschen. Davon in Hessen rund 64.000. Seit 1972 sterben laut Statistischem Bundesamt in Deutschland jährlich mehr Menschen, als Kinder geboren wurden. 2016 lag die Differenz bei 118 000, im Jahr 2015 hatte sie 188 000 betragen. Viele Menschen haben keine Angst vor dem Tod. Angst vor dem Sterben haben aber die meisten schon – auch die Sterbebegleiter selbst. Die Angst ist es auch, mit der die Sterbeammen in ihrer Ausbildung umzugehen lernen. Und die Angst ist es auch, die sie beherrschen lernen müssen. 

Vor fünf Jahren dann bekam Ute Boos selbst „eine Diagnose“, wie sie es nennt. Hautkrebs. Heute gilt sie als geheilt. Etwa zur gleichen Zeit stieß sie auf das Buch von Bronnie Ware „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen.“ Darin steht, dass viele Sterbende bereuen, nicht das Leben gelebt zu haben, dass sie eigentlich leben wollten. Ein Satz, der bei Boos hängen blieb. 

Die autobiografische Lebensgeschichte der australischen Krankenschwester, die ihr geregelte Leben aufgab, um als moderne Sterbeamme Menschen in ihren letzten Monaten und Stunden zu begleiten, faszinierte die damals 48-Jährige, die bei einer Versicherung in der Kunden-Korrespondenz arbeitet. Das Gefühl, dass dies eine erfüllende Tätigkeit ist, wurde zu einer Gewissheit. Boos ist aber ziemlich sicher: Ihre eigene Erfahrung mit dem Tod war sicher auch ein Grund dafür, dass sie sich zur Sterbeamme ausbilden lässt. 

Es braucht ein Dorf

Eine Sterbeamme allein schafft die Begleitung allerdings nicht. „Jeder Mensch braucht ein Dorf“, sagt Claudia Cardinal. Sie bildet die Sterbeammen aus. Mindestens fünf Menschen brauche es, um alles zu organisieren. Eine der vielen Goldenen Regeln, die die Ammen in der Ausbildung lernen. Eine andere wichtige Regel: die große Freiheit. „Alles, was mein Weltbild ist, ist nicht zwangsläufig das Weltbild eines anderen“, erklärt Boos. Die betroffene Person ist die Expertin ihres Lebens. Sie entscheidet darüber, woran sie glaubt und was sie möchte. Die Amme versucht, die Wünsche der Sterbenden zu erfüllen und bietet praktische Unterstützung. 

Manchmal locken die Ammen die Menschen auch noch einmal zurück ins Leben. Sie gehen mit den Kranken shoppen, helfen bei Reiseplanungen, ermuntern und fragen. Immer wieder fragen sie danach, was der Sterbende wirklich möchte. Doch der Schluss ist immer gleich. Am Schluss atmet der Sterbende ein letztes Mal ein. Dann ist es vorbei. Und das Dorf kümmert sich um das, was bleibt. 

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