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Bei der Exzellenzinitiative des Bundes, mit der herausragende Wissenschaft gefördert werden soll, ist die Goethe-Uni nicht weit gekommen. Präsidentin Birgitta Wolff sieht sie dennoch als Ort exzellenter Leistungen.

Goethe-Universität

Präsidentin Brigitta Wolf: "Mehr Studenten bedeutet nicht weniger Qualität"

Ein Semester mit Studentenrekord geht zu Ende: 45 000 junge Leute besuchten die Goethe-Universität. Trotzdem will Präsidentin Prof. Birgitta Wolff weiter daran arbeiten, die Hochschule in der Gruppe der besten zu etablieren, wie sie im Gespräch mit Thomas J. Schmidt sagt.

Sie sind im vierten Jahr im Amt als Präsidentin der Goethe-Universität. Die schlimmste Erfahrung war wohl das Versagen bei der Exzellenzinitiative. Bei dem bundesweiten Wettbewerb ist von acht Forschungsskizzen nur eine in die zweite Runde gekommen. Woran lag’s, was wird anders?

BIRGITTA WOLFF: Die Erfahrung, dass Forschungsskizzen nicht immer auf Gegenliebe stoßen, ist für uns Wissenschaftler Alltag und gehört zum Wettbewerb um die besten Ideen. Was mich gewundert hat, ist, dass Leute, die vorher sehr kritisch waren und gefragt haben, ob man überhaupt an solchen Wettbewerben teilnehmen muss, nachher beklagten, dass es ein riesengroßes Drama sei.

Ist es denn nicht ein Drama?

WOLFF: Es tat weh, aber man muss es auch in den richtigen Relationen sehen. Wir haben ein Budget von 630 Millionen Euro pro Jahr. Wenn wir zwei Cluster verlieren, hat das einen Effekt von zehn bis zwölf Millionen Euro pro Jahr. Das ist schmerzhaft. Die Summe der Drittmittel, die die Goethe-Uni einwirbt, ist allein 2017 um sieben Prozent auf fast 200 Millionen Euro gestiegen. Daran sieht man, dass die Forschungsleistung der Goethe-Universität nicht in den Exzellenzclustern aufgeht. In einer großen Universität wird natürlich in unterschiedlichen Formen und Formaten geforscht – von der klassischen Einzelforschung über Forschergruppen bis hin zu den großen Forschungsverbünden, wie sie in der Exzellenzstrategie vom Bund gefördert werden. Anfang des Jahres erhielt beispielsweise der Frankfurter Linguist Thomas Ede Zimmermann von der DFG eine der renommierten Koselleck-Förderungen. In den Geistes- und Sozialwissenschaften sind wir in Frankfurt traditionell besonders stark. Und genau dies spiegelt sich in unserer Drittmittelstatistik. Im aktuellen DFG-Forscheratlas liegen die Frankfurter Geistes- und Sozialwissenschaftler mit dieser Strategie im bundesweiten Vergleich auf Platz fünf. Das illustriert, dass die Forschungsverbünde letztlich nicht für die Forschungsleistung einer Uni entscheidend sind. Und natürlich bildet sich Forschungsleistung nicht nur in Drittmitteleinwerbungen ab. Geld ist eigentlich Input, nicht Output.

Haben Sie keine Angst ums Renommee?

WOLFF: Natürlich ist der Erfolg in der Exzellenzinitiative mit Reputation und internationaler Sichtbarkeit verbunden. Doch das bedeutet nicht, dass etwa das Renommee und die internationale Vernetzung unseres Clusters „Herausbildung normativer Ordnungen“ mit Auslaufen der Förderung 2019 erlöschen oder die Forscher und Forscherinnen unseres naturwissenschaftlichen Clusters „Makromolekulare Komplexe“ ab dem nächsten Jahr ihre Arbeit einstellen. Natürlich analysieren wir, was bei der Exzellenzstrategie falsch gelaufen ist. Aber wir beschäftigen uns genauso intensiv damit, wie wir die auch unabhängig vom Exzellenzwettbewerb vorhandene Forschungspower an neuen hoch relevanten Fragestellungen – zur Zukunft der Demokratie etwa – weiterentwickeln können. Und wir planen, wie die exzellente Forschungsinfrastruktur, die wir auf dem Campus Riedberg aufgebaut haben, weiter optimal genutzt werden kann.

Die Goethe-Uni wollte vor 15 Jahren zur Spitzenuni werden, weg von der Massenuni. Inzwischen haben Sie 45 000 Studenten, mehr als je zuvor. Sie sind von der Spitzenuni weit weg.

WOLFF: Das dementiere ich. Wenn Sie den bereits erwähnten Förderatlas der Deutschen Forschungsgemeinschaft anschauen, unseres wichtigsten Drittmittelgebers, werden Sie sehen, dass die Goethe-Universität sich sowohl insgesamt, als auch in den für uns besonders wichtigen Geistes-, Sozial- und Lebenswissenschaften weiter deutlich verbessert hat. Und viele Studierende sprechen keineswegs zwangsläufig gegen Qualität.

Sie hatten angekündigt, eine große Analyse vorzulegen. Welche Fehler sind gemacht worden?

WOLFF: Bei den meisten Wettbewerben werden allenfalls 30 Prozent der Anträge gefördert, 70 Prozent fallen durch. Nicht unbedingt weil sie per se schlecht sind, sondern weil sie bestimmte Kriterien vielleicht nicht ganz treffen. Aber der Wettbewerb läuft ja noch; insofern kann auch die Analyse noch nicht abgeschlossen sein.

Lassen Sie uns über Neues reden. Was wird in Frankfurt geschehen?

WOLFF: Wir gründen ein Frankfurt Cancer Institut und wollen damit zu den Top Drei der deutschen Krebsforschungszentren mit starkem Anwendungsbezug aufsteigen. Auch die anwendungsorientierte Arzneimittelforschung wird gestärkt. Die Fraunhofer-Gesellschaft will dazu in Kooperation mit uns ein Institut gründen. Wir wollen zudem verstärkt erforschen, wie stabile Finanz- und Kreditsysteme aussehen müssen, um die nächste Krise erst gar nicht entstehen zu lassen. Die Grundlagenforschung in den Geistes- und Naturwissenschaften bleibt in Frankfurt stark und arbeitet weiterhin auf internationalem Spitzenniveau. So bietet die Goethe-Universität heute erneut den Raum zur Entwicklung neuer Wissenschaftsdisziplinen – etwa einer selbstreflexiven, überkonfessionellen Islamischen Theologie. Diese wissenschaftlichen Aktivitäten stehen in einem permanenten Austausch mit der Gesellschaft. Diese Interaktion im Rahmen wissenschaftlicher Leitplanken zu gestalten, ist die zentrale Aufgabe der „Third Mission“ der Goethe-Universität. Die Etablierung einer wissenschaftlichen, kritischen Islamischen Theologie geht so einher mit Gründung einer „Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft“.

Worum soll es da gehen?

WOLFF: Wir wollen, gefördert vom Bundesministerium für Forschung und der Mercator-Stiftung, herausfinden, wie ein europäischer Islam auch theologisch begründet werden und wie dieser dann friedenstiftend in die Gesellschaft hineinwirken kann. Ein zweiter Gesichtspunkt ist, dass es relativ wenig islamische Seelsorger in Krankenhäusern und Gefängnissen gibt. Auch hier besteht noch viel Potenzial, tätig zu werden.

Schaffen Sie es, die Qualität der Lehre zu halten, wenn die Studentenzahlen noch weiter wachsen?

WOLFF: Das war eine der zentralen Herausforderungen in den vergangenen Jahren und wird es auch bleiben. Die Studierendenzahlen an der Goethe-Universität sind in den vergangenen 15 Jahren um 40 Prozent gestiegen, das Grundbudget jedoch nicht. Wir füllen die Lücken durch befristete Drittmittel, beispielsweise aus dem „Qualitätspakt Lehre“. Aber mit befristeten Mitteln können wir keine unbefristeten Stellen schaffen. Darum wird Universitäten in ganz Deutschland zunehmend der Vorwurf gemacht, sie böten prekäre Beschäftigung.

Hat sich die Betreuungsrelation verändert?

WOLFF: Durch die Schaffung zusätzlicher befristeter Stellen haben wir es bislang geschafft, die Betreuungsrelation seit zehn Jahren in etwa gleichzuhalten. Aber Hessen liegt hier insgesamt im Bundesvergleich auf Rang 15. Wir reden also über eine der wirklich großen Baustellen in der Bildungspolitik.

An den Hochschulen studiert heute die Generation 17 Plus. Ich hätte mir früher nicht im Traum einfallen lassen, meine Eltern zur Sprechstunde beim Professor mitzunehmen. Sind Studenten heute so unselbstständig?

WOLFF: Studierende sind heute jünger als früher, als man das Abitur mit 19 gemacht hat, heute halt oft schon mit 18. Junge Männer waren dann oft noch bei der Bundeswehr oder im Zivildienst. Aber Hand aufs Herz: Eltern sind ja nicht immer die schlechtesten Ratgeber. Heute brauchen viele junge Menschen die Möglichkeit, in ein Studium reinzuschnuppern, und sich erst dann zu entscheiden, gesichtswahrend.

Im vergangenen Jahr ist der Polizeigewerkschafter Rainer Wendt ausgeladen worden, weil Proteste Linker befürchtet wurden. Im Frühjahr wollten Linke einen „Familienkongress“ mit dem umstrittenen Soziologen Gerhard Amendt verhindern. Kann die Uni noch der Ort freier Auseinandersetzung sein?

WOLFF: Ja. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit. Und es gibt einen Unterschied zwischen Stammtischdiskussionen und wissenschaftlichen Diskussionen. Das Präsidium und ich selbst sind der Auffassung, dass wir die Pflicht haben, Ort eines wissenschaftlichen, auch wissenschaftlich moderierten, freien gesellschaftlichen Diskurses zu sein, bei dem man sich auch Positionen anhören muss, die man selbst nicht teilt. Toleranz bedeutet gerade auch, Positionen zu respektieren, ja auszuhalten, die den eigenen Ansichten widersprechen. Andererseits sagen wir aber auch: Wir wollen nicht der Stammtisch der Region sein. Was beispielsweise Herrn Amendt angeht: Ich glaube, dass für viele erkennbar wurde, dass es sich hier um unzureichende Wissenschaft handelt. Wir haben daraus gelernt und schauen jetzt noch genauer hin, wer unsere Räume mieten will.

Mein Eindruck ist, dass es da eine relativ kleine Gruppe gibt, die sich zum Zensor machen will.

WOLFF: Es stimmt, dass es Akteure gibt, die unter Berufung auf eine vermeintliche political correctness diktieren wollen, welche Meinungen und Positionen innerhalb einer Universität geäußert werden dürfen und welche nicht. Als Wissenschaftlerin bin ich hier extrem wachsam, wenn in öffentlichen und noch mehr in wissenschaftlichen Debatten zu früh Tabuisierungsgrenzen hochgezogen werden. Dies geschieht oft nach einem ähnlichen Muster: Ich schreibe einem Gegner eine Vokabel zu und etikettiere ihn als „rassistisch“, „antisemitisch“, „islamophob“ oder sonst etwas und disqualifiziere damit alles, was er sagt. Das ist hoch problematisch und muss konsequent hinterfragt werden, damit wir nicht auf eine schiefe Ebene geraten.

Dann müssten Sie sich als Präsidentin hinstellen und sagen: Dem geben wir einen Raum, auch wenn die Kritiker sich noch so aufregen.

WOLFF: Nein, ganz so einfach ist es nicht. Hier muss man genau zwischen der Präsidentin – und als solche verstehe ich mich primär – und der Raumvermieterin unterscheiden: Als Präsidentin sehe ich meine Aufgabe darin, für die Wissenschaftsfreiheit meiner Kolleginnen und Kolleginnen einzustehen. Ich muss im Zweifelsfall sicherstellen, dass die Wissenschaftler der Goethe-Universität zunächst einmal mit jeder Person, die sie für ihre wissenschaftliche Fragestellung relevant halten, auch innerhalb der Universität reden und diskutieren können. Allerdings verliert derjenige sein öffentliches Rederecht, der die Universität als Podium etwa zur Verbreitung rassistischer oder antisemitischer Positionen missbraucht. Als „Raumvermieterin“ agiert die Universität über ihre Tochter CampuService. Hier hat sie weitaus größere Spielräume, wem sie an der Universität Raum gewährt und wem auch nicht. Und genau hier wollen wir in Zukunft noch genauer hinsehen. Doch aus einmal eingegangenen Verträgen können wir nicht ohne juristischen Grund aussteigen. So war es etwa der Fall bei der Amendt-Veranstaltung. Zugleich haben auch Kritiker und anders Denkende Rechte: Während der Amendt-Veranstaltung fand vor dem Gebäude ein buntes Fest der Kritiker statt. Noch Wochen später hing die Regenbogenfahne vor dem Präsidium. Es zeigt Freiheit, es zeigt Vielfalt. Das ist Goethe-Universität at its best.

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