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Foto: Anne-Rose Dostalek

Chance

Praktische Ausbildung des Berufsbildungswerks ermöglicht Menschen mit Förderbedarf Karrieren

Die verzahnte Ausbildung des Berufsbildungswerk Südhessen gibt jungen Menschen mit Förderbedarf eine berufliche Chance. Im Malerfachbetrieb Fuchs schließt Dominic Gehrig (21) aus Bad Vilbel seine Ausbildung als Malergeselle ab.

Das schwierigste war zu Anfang das frühe Aufstehen. Wenn morgens um fünf Uhr der Wecker klingelt, reißt das Dominic Gehrig aus dem Tiefschlaf. Aber es hilft nichts, Aufstehen ist Pflicht, denn er muss um 6.11 Uhr die S-Bahn in Bad Vilbel bekommen, damit er um sieben Uhr pünktlich in Bad Nauheim am Bahnhof ist. Dort holen ihn seine Arbeitskollegen ab und fahren direkt zur Baustelle.

Dass die frühe Uhrzeit und überhaupt Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit im Arbeitsalltag eine Hürde sind, um die Ausbildung erfolgreich zu bestehen, weiß Christian Döll, Ausbilder im Berufsbildungswerk Südhessen. Deswegen spitzt er aufmerksam die Ohren, als der junge Mann erzählt, wie er das Aufstehen hinkriegt. "Ich habe vier Wecker, die alle fünf Minuten klingeln", sagt Gehrig, ein junger Mann mit freundlichem Lächeln, hellem Kinnbart, Kappe auf dem Kopf.

Sowohl sein Chef Marc Fuchs als auch Döll müssen grinsen. Sie verstehen, dass es jungen Leuten schwer fällt, fünf Tage die Woche so früh aufzustehen. Dennoch ist für alle Seiten klar, dass die Arbeitszeiten einzuhalten sind. Durch diese harte Schule muss jeder gehen, der auf dem regulären Arbeitsmarkt bestehen will.

Im Januar hat für Dominic Gehrig das Weckerstellen um fünf Uhr begonnen. Seitdem ist er Auszubildender im dritten Lehrjahr, denn das Berufsbildungswerk hat für ihn einen Ausbildungsvertrag über 18 Monate mit dem Malerfachbetrieb Marc Fuchs in Bad Nauheim geschlossen. "Nächstes Jahr mache ich die Abschlussprüfung als Maler- und Lackierergeselle", erklärt Gehrig mit fester Stimme. Denn das ist sein erklärtes Ziel, darauf hat er hingearbeitet, seitdem er wegen schwierigen familiären Verhältnissen im Berufsbildungswerk aufgenommen wurde und im Berufsfeld "Farbe" als Bau- und Metallmaler begonnen hatte.

Am Ende der zweijährigen Ausbildung in den BBW-Werkstätten war klar gewesen, dass Gehrig das Zeug dafür hat, eine Vollausbildung als Maler- und Lackierer zu machen. Dafür muss er ein drittes Jahr anhängen. Der Weg dorthin steht ihm offen dank der "Verzahnten Ausbildung", die das Berufsbildungswerk Südhessen in Kooperation mit Handwerksbetrieben der Region anbietet.

"Eine gute Sache für uns und für ihn", erklärt Malermeister Fuchs. Denn wenn sich ein junger Mensch in der verzahnten Ausbildung bewähre und die Prüfung bestehe, übernehme ihn der Ausbildungsbetrieb in der Regel gerne. Handwerksbetriebe spürten den Fachkräftemangel und deswegen habe er zugegriffen, als das BBW bei ihm anfragte, ob er jemanden ausbilden würde. Ein weiterer Vorteil der verzahnten Ausbildung: Die Fachkräfte des BBW sind jederzeit ansprechbar und leisten Unterstützung.

Der Malerfachbetrieb Fuchs ist auf Altbausanierung, Fachwerk und Denkmalpflege spezialisiert. Wer bei ihm arbeitet, muss etwas von der traditionellen Handwerkskunst verstehen oder es von der Pike auf lernen. "Klaus sagt mir, was zu tun ist", erklärt Gehrig. Klaus, das ist sein erfahrener Kollege, mit dem über Wochen auf der ihnen zugewiesenen Baustelle an der Hugenottenkirche in Usingen gearbeitet hat, Sockelputz abstemmte und Fenster ausbaute.

Manche Arbeiten werden in der Werkstatt ausgeführt wie etwa das Abschleifen der Fensterrahmen, aber alles andere an der Baustelle. Schwindelfrei muss Gehrig sein, denn er darf sich nicht scheuen, das zwanzig Meter hohe Baugerüst hinaufzuklettern. Gehrig lernt auch das richtige Verputzen, nicht zu dick, nicht zu dünn, schön gleichmäßig mit der Glättscheibe. Das macht der junge Mann mittlerweile sogar richtig gerne, vor allem wenn er an der Seite von Klaus ein Armierungsgewebe in den Spachtelputz einarbeiten muss. Die fachtheoretischen Inhalte lernte Dominic in der staatlichen Berufsschule, die auf dem Gelände des Berufsbildungswerkes angesiedelt ist und eng mit dem BBW zusammenarbeitet.

"Die ersten Monate waren echt hart", sagt Dominic rückblickend. Das frühe Aufstehen, die langen Arbeitstage. Doch er hat es durchgestanden auch wenn es das eine oder andere Mal Probleme gab und sein Chef ihn beiseite nahm und mit ihm redete. Etwa als er einmal krank war und die Kollegen vergeblich auf ihn warteten. "Das geht so nicht" hatte Fuchs seinem Azubi klipp und klar erklärt. Das mindeste sei, so früh wie möglich im Betrieb anzurufen.

Wenn Gehrig Feierabend hat, ist er kaputt und müde. "Da läuft abends nichts mehr viel", sagt er und zählt auf: "Arbeitsklamotten ausziehen, duschen, essen und früh schlafen gehen". Zurzeit lebt er noch in Jugendhilfe-Wohngruppe des BBW, doch er möchte so bald wie möglich ausziehen. Das wichtigste für ihn ist aber, die Ausbildung als Malergeselle erfolgreich abzuschließen.

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