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Das Wort „Inklusion” ist in einer Inklusions-Klasse eines Gymnasiums auf die Tafel geschrieben. Foto: Jonas Güttler/Archiv

Carlo-Mierendorff-Schule

Preungesheim: Wenn "inklusive Schulbündnisse" die Inklusionsarbeit stören

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An der Carlo-Mierendorff-Schule klappt Inklusion seit Jahren, mit vielen Förderkindern und entsprechend vielen -lehrern. Ein System, das nun gefährdet ist, warnen Eltern - denn das Land stellt das Inklusionssystem um.

Angst schwingt mit, aber auch Wut, wenn die Elternvertreter der Carlo-Mierendorff-Schule (CMS) erzählen, wie gut die Inklusion, der Unterricht von Kindern mit Förderbedarf, in den Regelklassen der Gesamtschule funktioniert. Und wie sehr sie fürchten, dass das Erreichte durch das neue Inklusionskonzept der Landesregierung, das 2019 hier eingeführt wird, zerstört wird.

„Wir lassen uns unsere Schule nicht kaputtmachen“, sagt der Elternbeiratsvorsitzende Klaus Kersting. 2016 führte Hessen die „inklusiven Schulbündnisse“ ein, demnächst auch in Frankfurt. Dabei schließen sich mehrere Schulen zusammen, um die ihnen zur Verfügung stehenden Förderschullehrer möglichst gut einzusetzen. Ein System, das für Schulen wie die CMS, die bereits inklusiv arbeiten, große Nachteile birgt, sagt Elternbeirätin Uschi Martin-Hantel. Die Zahl der Stunden, die Förderlehrer zusätzlich zum Klassenlehrer im Unterricht sind, vermindere sich von zurzeit rund 20 auf möglicherweise nur 2,6 Stunden pro Woche.

Aber was genau ändert sich? Bis 2011 sei die „Carlo“ eine jener Grund- und Gesamtschulen gewesen, in denen es das Frankfurter Modell des „Gemeinsamen Unterrichts“ (GU) gab, erklärt Christine Bauknecht. Ihre Tochter mit Down-Syndrom besucht die 7. Klasse der CMS. Dabei betreuten ein Klassen- und ein Förderschullehrer 23 Schüler, drei oder vier Kinder hatten dabei Förderbedarf. „Das System war toll. Die Förderlehrer hatten eine dreiviertel Stelle, waren also fast immer in der Klasse“, sagt Kersting.

Ein System, von dem alle Kinder profitierten, denn die Förderschullehrer konnten sich bei Bedarf um jeden kümmern, der einmal Unterstützung brauchte, sagt Martin-Hantel. „Dadurch, dass die Förderschullehrer fast immer da waren, entstand eine persönliche Bindung zu den Schülern. Das ist wichtig, vor allem bei den jüngeren Kindern.“ Bei ihrer Tochter etwa, sagt Bauknecht, seien Klassen- und Förderlehrer „immer nur das Klassenteam gewesen, so empfanden es die Kinder“. Es gab sogar eine Abschiedsfeier, als die Förderschullehrerin die Klasse wechselte.

Schon beim GU gab es Kürzungen, indem die Förderlehrer statt einer Dreiviertel- nur noch eine Zweidrittel-Stelle in der Klasse hatten, sagt Bauknecht. Das System verschlechterte sich 2011 erneut, als die Inklusion eingeführt wurde: Nun hatten die vier Klassen eines Jahrgangs mit zwölf Förderschülern nur zwei Förderlehrer. Seit 2018 sei ein Viertel dieser Stellen an der CMS mit Nicht-Förderlehrern besetzt. Ab 2019 gebe es nur einen Förderschulehrer pro Jahrgang.

Weil Ziel der Inklusion sei, Kinder mit Förderbedarf auf quasi alle Regelschulen zu verteilen und durch eine neue Berechnung der Förderlehrerstellen könne es passieren, dass künftig jeder CMS-Klasse nur noch 2,5 Förderlehrerstunden zuständen. „Selbst wenn nur ein Kind mit Förderbedarf noch in der Klasse ist – wie soll das funktionieren? Was ist mit dem Kind in all den anderen Unterrichtsstunden, in denen es Hilfe brauchen könnte?“, fragt Bauknecht. Bislang könne der Förderlehrer mal hier eingreifen, mal da – je nachdem, wo er gebraucht werde. „Das geht dann nicht mehr.“

Im neuen System, die Betreuung von Förderschulkindern breit zu streuen, bleibe manchen Eltern „keine wirkliche Wahl“, fürchtet Martin-Hantel. „Entweder sie schicken ihr Kind auf eine Förderschule oder eine Schule mit wenig Förderschulstunden, wo es schlecht betreut ist.“ Dabei gebe es einen dritten Weg, der funktioniere, aber zerstört werde: den der CMS.

In einem Brandbrief fordern die Eltern nun, dass das Zwei-Lehrer-System an ihrer Schule aufrechterhalten wird – mit kleineren Klassen und genau so vielen Förderstunden wie bisher. „Schaut nicht nach Finnland, Südtirol oder Kanada, um Inklusion zu lernen. Schaut auf uns!“ In Preungesheim funktioniere die Inklusion längst.

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