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Wer psychisch krank ist, geht selten offen damit um, weil damit ein gesellschaftliches Stigma verbunden ist. Das muss sich ändern, findet Psychotherapeutin Lena Kuhlmann.

Interview

Psychischen Problemen besser begegnen

Psychische Erkrankungen sind in der Gesellschaft oftmals immer noch stigmatisierend. Zum Internationalen Tag der seelischen Gesundheit hat Redakteurin Stella Lorenz mit der Nauheimer Psychotherapeutin Lena Kuhlmann gesprochen.

Frau Kuhlmann, beim diesjährigen Internationalen Tag der seelischen Gesundheit stehen vor allem junge Menschen im Fokus. Wie schätzen Sie die seelische Gesundheit der jungen Gesellschaft ein?

LENA KUHLMANN: Jede Generation hat so ihre Herausforderungen und aktuell ist es wahrscheinlich die Digitalisierung, die junge Menschen besonders beschäftigt. In Fachkreisen wird darüber diskutiert, inwiefern das häufige Betrachten von nachträglich bearbeiteten Bildern auf z.B. Instagram Konsequenzen für die eigene Körperwahrnehmung und die Psyche hat.

Welche ist das für die heutige Generation?

KUHLMANN: Ob gerade mehr Menschen in einem seelischen Ungleichgewicht leben, kann ich so nicht sagen. Allerdings rücken psychische Erkrankungen mehr in den öffentlichen Fokus und werden sichtbarer. Die Menschen holen sich mehr Unterstützung und daher lässt die Dunkelziffer nach. Man merkt, dass mehr berichtet wird und dass auch Prominente dem Thema mehr Aufmerksamkeit widmen.

Woran liegt es, dass psychischen Krankheiten immer noch ein solches Stigma anlastet?

KUHLMANN: Das hat ganz viele Ursachen: Einerseits ist eine Erkrankung der Psyche leider heutzutage immer noch eine Schwäche in den Augen der Gesellschaft. Man denkt, jemand hat sein Leben nicht im Griff, soll sich mal zusammenreißen, oder ist charakterschwach. Der zweite Punkt ist, dass die Krankheit nicht sichtbar ist. Wir erleben einen deutlicheren gesellschaftlichen Zuspruch, wenn jemand ein gebrochenes Bein oder eine Erkältung hat. Eine Depression ist unsichtbar, das Thema ist schwer greifbar.

Wieso ist das so?

KUHLMANN: Es gibt unterschiedliche Theorien darüber, wie Angststörungen und andere Symptome entstehen: aus der Verhaltenstherapie, aus der Tiefenpsychologie, aus der Medizin... Dass es also nicht die eine Erklärung gibt, macht das Thema für den Laien schwer greifbar bzw. nachvollziehbar.

Wie äußert sich das?

KUHLMANN: Das fängt schon bei der Sprache an. Damit, wie wir über jemanden sprechen, der psychisch krank ist. „Der ist balla balla“ oder „Der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank“ und so weiter. Viele Leute kennen sich nicht aus, dann kommt es zu Verallgemeinerungen und Übertreibungen. So entstehen Falschaussagen und Vorurteile, zum Beispiel zu Psychopharmaka und Klinikaufenthalten.

Was bedeutet das für die Erkrankten?

KUHLMANN: Das alles trägt dazu bei, dass psychisch erkrankte Menschen reale Konsequenzen als Ergebnis ihrer Erkrankung erfahren. Sie werden ausgeschlossen, können bestimmte Berufe nicht erlernen. Das betrifft zum Beispiel Beamte wie Polizisten und Lehrer, hat aber auch Auswirkungen auf Versicherungsabschlüsse.

War dieses Stigma ein Anreiz, ihr Buch „Psyche? Hat doch jeder!“ für ein breiteres Publikum zu schreiben?

KUHLMANN: Ja, einerseits das, andererseits sehe ich einfach einen großen Aufklärungsbedarf. Viele Leute sagen heute noch zu mir, ich sei Psychologin, obwohl ich Psychotherapeutin bin. Ich möchte auch Fragen beantworten – zum Beispiel, wohin man sich in einer psychischen Krise wenden kann.

Sie verwenden eine sehr persönliche Sprache im Buch. Was bewirkt dieser Zugang zum Leser?

KUHLMANN: Allein der Titel holt mich als Autor ja schon ins Buch. Es ist sehr hilfreich, über psychische Probleme zu sprechen – und auch darüber, dass Psychotherapeuten Ängste und Sorgen haben. Wir sind keine Übermenschen. Wenn wir daran arbeiten wollen, dass es nicht mehr so viele Vorurteile gibt, müssen wir darüber sprechen, wie es wirklich in der Psychiatrie ist und wie eine Psychotherapie funktioniert. Ich möchte da transparenter sein.

Wie können wir mit seelischen Problemen umzugehen lernen – sowohl bei uns selbst als auch bei anderen?

KUHLMANN: Tatsächlich sollte die Psyche und alles, was damit zu tun hat, gesellschaftlich mehr integriert werden – zum Beispiel in der Schule als Unterrichtsfach. Als Betroffener oder Angehöriger ist der Umgang mit den Problemen natürlich abhängig vom Fall. Aber generell hilft es, ehrlich zu sein im Umgang mit sich selbst. Gerade in der heutigen Zeit sollten wir Raum für unser eigenes Befinden schaffen, indem wir uns auf uns besinnen. Sich zu sagen „Ich kümmere mich um mich“, das ist ein Luxus, den wir uns zu selten gönnen, der aber sehr wichtig ist.

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