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ESA

Die Satelliten-Lenkerin

  • vonRebecca Röhrich
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Aybike Demirsan würde sich immer für Star Trek entscheiden. „Stars Wars ist eher Politik“, sagt sie, während sie durch die Gänge der European Space Agency (ESA) eilt. „Star Trek ist Technik und Raumfahrt.“ Aybike ist 29 Jahre alt, hat einen Master in Informatik und Astrophysik. Sie macht bei der ESA eine Ausbildung zum Spacecraft Operations Engineer.  Das heißt: Sie schickt Computerbefehle hoch hinauf in den Orbit der Erde, zu ihren Satelliten.

Aybike Demirsan würde sich immer für Star Trek entscheiden. „Stars Wars ist eher Politik“, sagt sie, während sie durch die Gänge der European Space Agency (ESA) eilt. „Star Trek ist Technik und Raumfahrt.“ Aybike ist 29 Jahre alt, hat einen Master in Informatik und Astrophysik. Sie macht bei der ESA eine Ausbildung zum Spacecraft Operations Engineer.  Das heißt: Sie schickt Computerbefehle hoch hinauf in den Orbit der Erde, zu ihren Satelliten. 

Sie rasen um die Erde

Vier sind es, die auf einer eliptischen Bahn in 19.000 bis 119.000 Kilometern Höhe um die Erde rasen. Dabei drehen sie sich alle vier Sekunden um sich selbst. Cluster nennen die Wissenschaftler die Formation, die das Magnetfeld der Erde ausmisst. Aybike arbeitete als Young Graduate Trainee an der ESA-Mission mit. Die Stelle ist für Informatiker oder Physiker, die sich direkt nach dem Studium in Richtung Raumfahrttechnik spezialisieren wollen. Ein Jahr dauert die Ausbildung.

Ihr Schreibtisch ist ein normaler Arbeitsplatz. Ein kleiner Meister Yoda leistet ihre Gesellschaft. Ganz ohne die Sternenkrieger geht es dann doch nicht. In dicken Handbüchern stehen die Kommandos, die sie dann in komplizierten Code-Ketten für die Satelliten verständlich macht. Und sie liest dort die Zahlenreihen, die vom Satelliten etwa einmal am Tag zurückgesendet werden. Ganz alleine darf sie noch nicht arbeiten – sie ist schließlich noch Trainee.

Tödliche Strahlung aus dem All

Aber sie durfte die Satelliten schon Fotos machen lassen. Eine kleine, aber nicht unwichtige Aufgabe. Denn die Satelliten-Lenker fliegen meist blind, verlassen sich in der Regel nur auf die Zahlen des Bordcomputers.

Anders als in unserem irdischen Arbeitsleben, macht im All vor allem das Wetter Probleme. Die Sonnenstürme fegen, zumindest für das bloße Auge unsichtbar, über uns hinweg. Alles, was außerhalb des schützenden Magnetfeldes der Erde liegt, ist dieser extremen und für irdische Wesen tödlichen Strahlung hilflos ausgeliefert. Die Besatzung der ISS zum Beispiel. Die muss sich bei besonders starken Stürmen hinter den Wassertanks verschanzen, weil die Raumstation nirgendwo sonst ausreichenden Schutz bietet.

Und die Satelliten gehen dann manchmal einfach aus. Es kann auch passieren, dass die Strahlung durch das Magnetfeld dringt. Das beeinträchtigt dann auch den zivilen Luftverkehr und kann für Stromausfälle sorgen. Und warum das alles? Das weiß man nicht so genau. Eine der unzähligen Mysterien des Universums. Aybikes Cluster sollen dabei helfen, die Strahlung der Sonne und ihre Auswirkung auf das Magnetfeld der Erde besser zu verstehen.

Tatsächlich ist es ein bisschen „ihr Cluster“. Aybike mag das Geschwader, das Tag für Tag über unsere Köpfe kreist. „Egal, ob ich mir gerade die Zähne putze oder zum Yoga gehe, sie sind immer da oben“, sie schaut nach oben. Das sei schön.

Als Aybike zwölf Jahre alt war und mit ihrer Familie in Frankfurt-Nied lebte, wurde der Cluster mit einer Rakete hinaufgeschickt. Nie hätte sie gedacht, dass sie irgendwann die „Pilotin“ werden würde. Hätte man das blonde Mädchen damals gefragt, was sie denn mal werden möchte, hätte sie vielleicht „irgendwas mit Sprachen“, geantwortet. Denn Sprachen liegen ihr und das Sprechen auch.

Mehrdeutigkeiten ärgern sie

Als Mensch mit türkischen Wurzeln ist sie zweisprachig aufgewachsen. Aber die Mehrdeutigkeiten in natürlichen Sprachen ärgern sie. Das sei in Programmiersprachen anders, da gebe es keine Missverständnisse. „Da gibt’s kein ungefähres, da ist alles exakt. Das ist sehr befriedigend“, sagt sie. So fiel die Entscheidung für Informatik dann doch leicht.

Gerne spricht sie über ihre Arbeit, die Technik dahinter, die Komplexität und die Bedeutung der Weltraumforschung. Für Aybike zeigt das Universum, durch seinen Willen zum Werden, dass es etwas jenseits der berechenbaren Wirklichkeit gibt. Sie glaubt an eine göttliche Kraft, die in der Natur wirkt. Rationale Analytik und spirituelle Metaphysik: Die beiden Antipoden ihres Denkens machen in ihrem Kopf „total Sinn“ - so würde sie das sagen und dabei die Augen begeistert aufreißen und ihren Oberkörper nachdrücklich nach vorne beugen. Sie ist überzeugt, dass die Erforschung des Alls das Leben der Menschen bereichern kann.

Niemals ins All

Für ihre Gedanken und Worte braucht Aybike viel Luft – im wahrsten Sinne des Wortes. Niemals würde sie einen Fuß in luftleeren Raum setzen. Die Frage beantwortet sie erstaunlich knapp und entschieden. „Nein.“

„Wow, dann bist du schlau, ne?“ Das hört Aybike oft, wenn sie erzählt was sie beruflich macht. Das würde sie auch nicht dementieren. Aber sie ergänzt es. „Für diesen Beruf muss man diszipliniert sein“, sagt sie. Das sei „nichts für Schluris.“ Ein falsches Kommando und der Satellit schaltet sich ab. Das kann sehr teuer werden und schadet natürlich auch der Forschung.

Als Ingenieurin schreibt sie Kommandosequenzen, aber lenkt die Geschosse auch dorthin, wo die Wissenschaftler sie haben wollen. Dafür „sagt“ sie den Satelliten zum Beispiel, wie sie ihre Solarpanele ausrichten sollen, um nicht zu viel oder zu wenig Sonneneinstrahlung abzubekommen. Sie lädt die wissenschaftlichen Daten von den Datenspeichern in den einzelnen Satelliten runter, leitet sie an die Wissenschaftler weiter und überwacht den Zustand der Satelliten. „Wir sind da oben so etwas wie der TÜV!“, sagt Aybike. Oder der ADAC. Vielleicht eine Mischung aus Beidem.

An der Uni hat man den Geschlechtsunterschied gemerkt

Während des Informatikstudiums an der Goethe-Universität in Frankfurt war sie fast alleine als Frau. Das sei schon mitunter schwierig gewesen. „Als Frau in der Informatik vertritt man die gesamte Frauenwelt“, sagt sie. Sie habe immer das Gefühl gehabt, eine ganze Gruppe repräsentieren zu müssen.

Schneide man besonders gut in Prüfungen ab, sei die Bewunderung groß, schneide man schlecht ab, bestätige sich das vorgefertigte Bild. Diesen Druck hat sie an der Uni gespürt. Bei der ESA sei das anders. „Hier bin ich in erster Linie Ingenieurin, dann jemand mit einem Informatik-Hintergrund und dann jemand, der sehr kommunikativ ist.“ Das spiele alles eine Rolle, „aber nie so was Gottgegebenes wie mein Geschlecht.“

Ihre Ausbildungszeit ist nun vorbei und sie hat „ihre Cluster“ verlassen. Ab 2024 treten die vier Satelliten wieder in die Erdatmosphäre ein und und fallen irgendwo in den Ozean. „Das wird für mich trotzdem ein besonderer Tag“, sagt sie. Aber sehr wahrscheinlich wird sie dann in den Sternenhimmel hinaufschauen können und einen anderen Satelliten dort finden, den sie durch das All begleitet.

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