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Hotelier Bernd Karges, Lebensgefährtin Sandra Hübler und deren Tochter Anja ärgern sich über Müll und Glasflaschen.

Ausgehviertel

Die Sehnsucht nach einer Sperrstunde in Alt-Sachsenhausen

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Tagsüber Dorf, abends Partymeile: Alt-Sachsenhausen hat zwei Gesichter. Schönen Musikclubs, Bars und Apfelweinlokalen stehen Junggesellenabschiede, Billigkneipen und etliche Shisha-Bars gegenüber. Lärm und Müll nerven Wirte und Bewohner.

Samstagnacht, 2 Uhr, Ecke Frankensteiner Straße, Kleine und Große Rittergasse: Aus einer Gruppe Nachtschwärmer fliegt eine Bierflasche, zerschellt vor den Füßen zweier Polizisten. Sie rühren sich nicht. Betrunkene Mädchen kreischen, junge Männer torkeln. Als die Beamten kurz danach einen Jugendlichen durchsuchen, bildet sich schnell ein Halbkreis, die Stimmung ist aggressiv. Überall liegen Kippen, Müll, Scherben, Pizzakartons.

„Ja, ab 2 Uhr ist es hier die Hölle, besonders am Wochenende“, sagt Bernd Karges, Jahrgang 1967. Und empfiehlt seinen Gästen, vor 1 Uhr zurück zu sein. Sandra Hübler führt das 60-Betten-Hotel Hübler seit 2004 mit Unterstützung ihres Lebensgefährten Bernd Karges. Das Hotel besteht seit 1962, gegündet von Emil Hübler, weitergeführt bis zu seinem Tode im Jahr 2002 von Günter Hübler, der verstorbene Mann von Sandra Hübler. Es steht im Fußgänger- und Ausgehviertel Alt-Sachsenhausen, in der Großen Rittergasse. Das Paar ist entnervt von Schlägereien, Müll und lauter Musik, die teils bis 5 Uhr aus offenen Türen und Fenstern einiger Kneipen dröhnt. Karges bleibt wegen des Hotels: „Das ist unsere Existenz, unser Zuhause.“ Und noch kämen die Gäste.

Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Karree zwischen Großer Rittergasse, Kleiner Rittergasse, Klappergasse und Dreieichstraße bekannt als Ausgehviertel. Quirlig war es hier immer. Doch sorgte bis in die 80er Jahre die Sperrstunde um 2 Uhr und die US-Militärpolizei, die randalierende GI’s mitnahm, für Ruhe. Dann fiel die Sperrstunde, dafür begannen unter anderem die Junggesellenabschiede im „Oberbayern“. Inhaber des Lokals ist Jürgen Vieth. Die teils ausufernden Saufevents versucht er längst mit Zutrittsregularien und Security-Leuten einzugrenzen. Schon aus Eigennutz: „Sind die Leute zu betrunken, wird die Stimmung aggressiv, bleiben Frauen weg. Bars ohne Frauen sind tot“, sagt er in Interviews.

Auch darum ist Vieth in der Initiative „AltSaxNeu“, die sich gegen zu viel Lärm und Müll und für ein besseres Image des Viertels engagiert. Und so sitzt er im Februar neben Bürgermeister Uwe Becker und Ordnungsdezernent Markus Frank (beide CDU) in der Pressekonferenz der Initiative im Apfelweinlokal „Lorsbacher Thal“. Die Politiker sagen, ein verträgliches Miteinander von Ausgehen und Wohnen im Quartier sei erstrebenswert, auch seien die überproportional vielen Shisha-Bars dem Viertel nicht unbedingt zuträglich.

Das findet auch Frank Winkler. Er betreibt seit 2014 das „Lorsbacher Thal“ und ist ebenso in der Initiative aktiv wie Denise Omurca vom benachbarten Hotel „Libertine Lindenberg“ und der Veranstalter und Künstler Uli Schlepper. Er organisiert unter anderem gemeinsam mit Jürgen Vieth den vielgelobten Weihnachtsmarkt und den „Freitagstreff“ auf dem Paradiesplatz. Hier petzt von Mai bis Herbst ein eher gutbürgerliches Publikum seine Schoppen von 16 bis 22 Uhr.

Doch nur wenige Stunden später und wenige Meter weiter bietet sich ein ganz anderes Bild in der Kleinen Rittergasse, der Hauptmeile des Ausgehviertels. Billige Kneipen locken mit der Schnapswerbung „Ficken 1,50 € “. Musik dröhnt aus Shisha-Bars, „deren Betreiber teils schneller wechseln als das Ordnungsamt deren oft viel zu laute Anlagen verplomben kann“, sagt Karges. Dass auch seine Lebensgefährtin ein Lokal im Viertel an Wasserpfeifen-Kredenzer vermietet hat, sagt er offen: „Wir haben ein Jahr lang keinen anderen Mieter gefunden!“

Karges differenziert. Er lobt einzelne Betriebe, etwa die Apfelweinlokale, das „Spritzehaus“, das seit über 40 Jahren Live-Musik bietet, die Old Fashioned Bar, den Irish Pub und das Hooter’s. Die Betreiber seien korrekt, hielten Türen und Fenster geschlossen, hätten Schallschutz und Lautstärke im Griff. „Doch das Klientel und das Ausgehverhalten haben sich ab den 90er Jahren zum Negativen verändert“, sagt Karges, wenn er die „Komplexität der Problematik“ erklärt. Es mangele schlicht an Respekt und Benehmen.

Tatsächlich sind „Gewaltdelikte wie gefährliche Körperverletzung, Körperverletzung, Bedrohung“ in den Wochenendnächten hier keine Seltenheit, wie die Polizei auf Anfrage erklärt. Hinzu kommen Taschendiebstahl, Diebstahl, Raub. In den Wochenendnächten steht meist ein Gefangenenkraftwagen der Polizei in der Frankensteiner Straße/Ecke Große Rittergasse. Die Polizisten des 8. Reviers und (je nach Einsatzlage) auch anderer Reviere tragen Körperkameras an der Uniform. Doch das schreckt kaum ab: „Respekt vor der im Kneipenviertel eingesetzten Polizei ist eine Seltenheit“, sagt eine Sprecherin.

Aus der engen Klappergasse, wo die Brunnen- und Symbolfigur „Frau Rauscher“ mit einem Zaun vor Müll und Urin geschützt wird, ziehen selbst Studenten aus Wohnungen aus, „weil es ihnen zu laut ist“, erzählt Hüblers Tochter Anja (23), die Immobilienwirtschaft studiert. Die Musiklokale und die betrunkenen Gäste seien schuld. Sie erzählt, dass sie im Viertel zwar „ab und zu etwas trinken geht, weil es nicht so teuer wie in der Innenstadt ist. Aber nur in der Gruppe, nie nach 1 Uhr“.  Der 20-jährige Kai wohnt ebenfalls im Quartier, er geht noch gern, aber nur unter der Woche hier aus, komme er doch hier mit Menschen aus aller Welt ins Gespräch. Klar, die Jugendherberge liegt um die Ecke.

Karges sitzt im Speisesaal des Hotels, das es seit fast 60 Jahren gibt und dessen ältester Gebäudeteil von 1878 stammt. Er sagt: „In den 70ern saßen die Leute ab 20 Uhr in den Kneipen, heute geht’s erst gegen 23 Uhr los. Früher schlossen Supermärkte um 19 Uhr, heute kann fast rund um die Uhr Alkohol in Kiosken und Supermärkten gekauft werden. „Und der wird dann hier im Freien getrunken, anstatt die Lokale aufzusuchen.“ Das sieht auch Winkler von „AltSaxNeu“: „Die Wirte schneiden sich ins eigene Fleisch, wenn sie dazu die kostenlose Musikbeschallung liefern.“

Während die Stadt „hibbdebach“ für rund 200 Millionen Euro eine neue Altstadt erbaut hat, lässt sie „dribbdebach“ ein tatsächlich historisch gewachsenes Quartier herunterkommen – so denken viele Sachsenhäuser. Auch Winkler: Es bräuchte ein klareres Konzept der Stadt, was aus dem Viertel werden soll. Er sagt, es gebe viele Leute, die es für Kunst und Kultur öffnen wollten.

Zu diesen Leuten zählt der Frankfurter Unternehmer Steen Rothenberger, der 2014 das Atelierhaus „Der kleine Mann mit dem Blitz“ neben den seit Jahren leerstehenden „Gorjelschwenker“ gebaut hat. Er fordert, dass „Alt-Sachs“ ein Vergnügungsviertel bleiben müsse – „aber für Familien, die dort leben, nicht für Junggesellenabschiede“. Die Initiative dazu müsse von den Bürgern und Unternehmern ausgehen.

Karges indes wirft der Stadt vor, zu wenig auf die Menschen im Quartier zuzugehen. Er erzählt, dass er nach Beschwerden bei Ämtern oder der Polizei über Missstände „entweder keine oder wenig ambitionierte Antworten“ erhielt. Die städtische Bauaufsicht hat ihm im Februar die Baugestaltungssatzung für Alt-Sachsenhausen nebst einem „Nein“ auf die (nicht ernstgemeinte) Frage gemailt, ob er auch eine „so schöne, helle Lichtreklame“ anbringen könne wie die Shisha-Bar gegenüber. 17 Fotos solcher Verstöße hat Karges der Stadt geschickt. Die Bauaufsicht erklärt auf Anfrage der Zeitung, die Fälle zu prüfen. Gegen ungenehmigte Werbung würden Verwaltungsverfahren eingeleitet werden. Aber nur „im Rahmen der personellen Kapazitäten und unter Berücksichtigung der notwendigen Prioritäten“...

Karges ermüden solche Sätze: „Viele hier haben das Gefühl, dass manchmal mit zweierlei Maß gemessen wird.“ Da sei etwa der alte Wirt im Apfelweinlokal „Zu den drei Steubern“, der im Sommer brav den Garten um 22 Uhr zusperre, während nebenan in der Shisha- und Cocktail-Bar Betreiber Tische und Stühle bis ultimo stehenließen und sich bei Kontrollen doof stellten. Es seien „immer dieselben, die etwas dürfen oder denen man es durchgehen lässt, warum auch immer“. Karges träumt von einer Sperrstunde um 2 Uhr. Da ist er auf einer Linie mit der Polizei, die erklärt: „Eine Sperrzeit zu früherer Stunde ist überlegenswert.“ Und auch Christian Becker (CDU), Ortsvorsteher des Ortsbeirats 5, plädiert dafür, „die Kontrollen im Viertel auszuweiten“.

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