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Für die benutzte Bettwäsche steht auf dem Flur ein Wagen mit Wäschesäcken bereit.

Senioren

Selbstversuch - so hart ist der Job als Altenpfleger

Wir Menschen werden immer älter – und irgendwann ziehen viele von uns, mal freiwillig, mal gezwungenermaßen, in ein Altenheim. Dort betreuen uns jene, die dies als ihren Beruf gewählt haben. Aber wie ist es eigentlich, sich um andere zu kümmern, oft unter Zeitdruck – und dabei jedem Individuum gerecht zu werden? Unser Redakteur hat es einen Tag lang probiert.

Marianne Reich war nach dem Aufstehen noch schnell unten im Garten, „eine rauchen“. Jetzt ist sie wieder oben in ihrem Zimmer im fünften Stock des Hufelandhauses, Wohnbereich „Riederwald“, in . Langsam manövriert sie ihren Rolli vor den Esstisch am Fenster. Ich hole ihr das Tablett mit dem Frühstück, das noch abgedeckt im Flur steht. Alle anderen Bewohner haben ihres bereits. „Möchten Sie etwas trinken?“, frage ich. „Einen Kaffee, bitte“, sagt Reich. Ich flitze in die Küche und schaue mich um, denn ich bin neu hier. Was ist wo? Im Schrank finde ich eine saubere Tasse, die erste Kaffeekanne ist leer. Denise Feinbube, die Wohnbereichsleiterin, zeigt auf eine zweite. „Da müsste noch etwas drin sein.“ Sie hat recht, ich bringe Marianne Reich den Kaffee, wünsche ihr einen guten Appetit und frage Feinbube, was als Nächstes zu tun ist.

Eine Schicht lang, von früh um sechs bis zum Mittagessen, begleite ich Feinbube an diesem Tag als Aushilfsaltenpfleger. Das Altenpflegeheim ist die größte Abteilung des Hufelandhauses. 120 Plätze gibt es in 60 Einzel- und 30 Doppelzimmern auf acht Etagen. Feinbube leitet den Wohnbereich „Riederwald“ im dritten bis fünften Stock. Dort bin ich heute im Einsatz.

Nicht alles darf ich erledigen. Tabu ist für mich das Zusammenstellen der Medikamente für die Bewohner des vierten Stocks. Feinbube hat dafür detaillierte Listen, alles wird genau notiert. Auch die In-timpflege übernimmt sie selbst und nicht jeder Bewohner möchte von einem Fremden – der ich ja für sie bin – versorgt oder gewaschen werden. Und nicht jeder will mit Namen in der Zeitung erscheinen.

So wie jene Frau, zu der wir zuerst gehen. Nach dem Aufstehen ist zunächst Körperpflege angesagt. Im Bad wasche ich ihr mit einem Waschlappen den Rücken mit Seife, dann sind die Füße dran. „Wir wollen möglichst viel selber machen“, erklärt sie mir, nur an Rücken und Füße komme sie nicht mehr dran, da lasse sie sich helfen. Bewegung sei wichtig, auch die Physiotherapie, in ihrem Fall eine „Sturzprävention“. Seit sie hier lebe, sei sie Dank der vielen Hilfen viel mobiler geworden, sagt sie, als ich ihr beim Anziehen helfe.

Danach schaue ich, wo Feinbube steckt. Sie wechselt gerade Emma Luise Racke einen Verband am Bein, wo eine offene Wunde ist. Verbände wechseln darf ich auch nicht, dafür aber Kompressionsstrümpfe. Erst ziehe ich Racke einen weißen Strumpf an, dann den engeren, beigefarbenen darüber. Dessen offenes Ende bekomme ich kaum auseinander, so eng ist der Strumpf – nur mit großer Mühe kann ich ihn über den Fuß ziehen. Eine Anziehhilfe aus grünem, glatten Kunststoff hilft ein wenig: Als der Strumpf endlich gut sitzt, ziehe ich die Hilfe hinaus – fertig.

Als nächstes gehen wir zu Marianne Reich, jener Dame, der ich später noch das Frühstück – siehe oben – bringen werde. Sie liegt noch im Bett, an der Wand hängen zahllose Fotos. „Frau Reich liebt Clowns“, sagt Feinbube und zeigt auf zwei Bilder, auf denen Reich als Clownin geschminkt ist. Über den Fotos hängt außerdem ein großes Bild von zwei bunten Clowns.

Noch bevor Marianne Reich aufsteht, muss ich auch ihr Kompressionsstrümpfe anziehen –doch anders als bei Frau Racke reichen diese bei ihr bis über den Oberschenkel. An der Ferse sitzt der Strumpf noch recht schnell, ihn bis übers Knie hinauf zu bekommen, bereitet mir aber mehr Mühe. Feinbube lacht leise vor sich hin, während sie mir Tipps gibt. Wirklich gut stelle ich mich aber nicht an. Ich ziehe am Strumpf, den meine Fingerspitzen, weil er so eng ist, kaum greifen können. Wie soll ich so genug Kraft aufwenden, um den Strumpf ganz hoch zu ziehen? Ich weiß nicht weiter und gebe auf, Feinbube übernimmt – und zieht den Strumpf in nicht einmal zehn Sekunden bis ganz nach oben.

Dann geht’s ab ins Bad, auch Reich wäscht sich Gesicht, Arme und Oberkörper selbst, nur beim Rücken helfe ich ihr ebenso wie beim Anlegen von BH, Unterhemd und T-Shirt. Berührungsängste hat keiner der Bewohner, die ich an diesem Tag betreuen darf – obwohl sie mich nicht kennen und ich in ihre Privatsphäre eindringe, bis hinein ins Bad. „Wir haben immer wieder mal Praktikanten, so ungewöhnlich ist die Situation gar nicht“, erklärt mir Feinbube später.

Sie ist gerade verschwunden, musste zu einem Notfall ins Nachbarzimmer. Zwei Sanitäter sind gekommen, im Flur steht eine Trage. Ich wäre jetzt nur im Weg und gehe in den vierten Stock in den Gemeinschaftsraum, wo die Bewohner gemeinsam frühstücken.

Der Notfall ist vorbei, das Tagesprogramm geht weiter. Ich helfe Feinbube nun, Manfred Rieße aus dem Bett in den Rolli zu heben. Das ist nicht ganz einfach, hat er doch einen Blasenkatheter, dessen Schlauch wir nicht herausziehen dürfen. Das Anlegen der hüfthohen Kompressionsstrümpfe auch hier gelingt mir nun etwas besser.

Erst muss sich Rieße nach rechts, danach nach links drehen, damit wir die blaue Matte des Lifters unter seinen Körper legen können. Feinbube schiebt den Lifter in Position, wir befestigen die Matte am Arm des Geräts, ich drücke einen Knopf – und Rieße hebt ab. Langsam drehen wir das Gerät, Feinbube platziert den Rolli unter dem Lifter und ich lasse Rieße langsam hinab in sein Gefährt. Danach geht’s weiter: Betten machen, beim Waschen und Anziehen helfen, dreckige Wäsche in Beutel packen und diese verschnüren: Der Rest des Vormittags verläuft ähnlich.

Um 11.30 Uhr kommt das Mittagessen, heute ist es wahlweise Milchreis oder Pangasiusfilet, zubereitet in der Kantine des Hufelandhauses. Ich kontrolliere die Temperatur, mindestens 65 Grad müssen die Speisen haben, habe ich gelernt. Der Fisch ist zu kalt, jeder Teller muss in die Mikrowelle. Feinbube stellt das Essen individuell zusammen. Mein Hemd, das ich mir längst ausgezogen hatte, weil es mich bei der Arbeit störte, ziehe ich wieder an: Wenigstens jetzt will ich etwas gepflegter aussehen. Ich schnappe mir ein Tablett, gehe ins erste Zimmer, stelle Teller, Obstschälchen und Besteck auf den Tisch, wünsche „Guten Appetit“ und eile zurück in die Küche, um das nächste Essen zu servieren.

Das letzte Mittagessen servieren wir gemeinsam. Die Dame ist bettlägerig. Sie kann nur im Liegen essen, sich aufgrund einer Behinderung nicht einmal aufsetzen. Ich füttere sie mit Milchbrei, Löffel für Löffel, nachdem Feinbube mir gezeigt hat, wie es geht. Ich gebe mir Mühe, mir nichts anmerken zu lassen, aber die Behinderung der Frau, die sich nicht nur kaum bewegen, sondern auch nur schwer sprechen kann, nimmt mich doch mit.

Besonders diese letzte Begegnung zeigt mir, dass Altenpflege viel mehr ist als Essensservice, Medikamentenausgabe, Bettenmachen oder Anzieh- und Wasch-Hilfe: Man muss einfühlsam sein, sich auf die unterschiedlichsten Menschen und Situationen einstellen und in Notfällen schnell entscheiden. Und trotzdem, wie Feinbube, stets freundlich bleiben. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

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