Gotteshaus

Standort der Synagoge von 1816 lokalisiert

Der Höchster Geschichtsforscher Dr. Wolfgang Metternich hat den Standort der alten Höchster Synagoge ausfindig gemacht. Das Bauwerk galt als verschollen; bislang war nicht einmal ein Bild davon bekannt. Das ist jetzt anders – als Gastautor berichtet er von seiner Suche.

Das Ende der letzten Synagoge von Höchst ist leider nur zu gut bekannt. Am 9. November 1938, dem Tag der beschönigend so genannten „Reichskristallnacht“, die in Wahrheit ein brutaler Angriff der SA und auch mancher Höchster Bürger auf das Zentrum der jüdischen Gemeinde in Höchst war, wurde die Synagoge durch den braunen Mob zunächst verwüstet und geplündert und am folgenden Tag Feuer gelegt. Das durch den Brand beschädigte Gebäude musste danach durch Zwangsverkauf an die Stadt Frankfurt veräußert werden und wurde 1939 abgerissen. Der größte Teil des Grundstücks wurde nicht mehr überbaut, auch nicht im Jahr 1942, als der noch bestehende Bunker an der Südostseite des Höchster Marktes errichtet wurde. Lediglich dessen Westfront steht über der Ostwand der Synagoge, die allerdings den wichtigsten Teil des Gotteshauses, die Thoranische enthielt.

Die Fundamente der 1905 erbauten Synagoge, zwischen Bunker und Höchster Markt, liegen, zusammen mit weiteren wichtigen Bauresten des mittelalterlichen Höchst, noch immer unter dem Pflaster des Ettinghausen-Platzes und harren einer gründlichen archäologischen Untersuchung. Erste Bestrebungen für eine solche Maßnahme sind im Gange. Eine gründliche Untersuchung des Areals verspricht reiche Ergebnisse zur Stadtentwicklung von Höchst, darunter zur Geschichte eines Bauwerkes, das bislang als verschollen galt und von dem weder ein Foto noch eine Ansicht existierte. Es handelt sich um die zweite, im Jahr 1816 errichtete und vollständig ausgestattete Synagoge von Höchst. Diese wurde nun auf einer Gouache, einem Bild, in den reichhaltigen historischen Beständen des Höchster Geschichtsvereins wiederentdeckt.

Wann unter den meist katholischen Einwohnern von Höchst zum ersten Mal Juden lebten, ist nicht bekannt. Erstmals wird die Familie des „Jud Mosche“ zwischen 1638 und 1642 in den Steuerlisten genannt. Eine Gemeinde ist zu diesem Zeitpunkt noch auszuschließen, aber nach 1700 vermehrte sich die Zahl der Familien jüdischen Glaubens. Ein erster Versammlungsraum oder auch Bethaus wird im Brandschadensplan von 1778 als „Judenhauß“ genannt. Es steht noch heute, lag damals in der unteren Dreikönigsstraße und hat heute die Adresse Albanusstraße 4.

Es war eine bescheidene Liegenschaft und hatte wahrscheinlich noch nicht den Charakter einer richtigen Synagoge. In dieser brauchte man zur Abhaltung des Gottesdienst zehn volljährige männliche Gemeindemitglieder, die damals in Höchst noch nicht nachzuweisen sind. Aber schon 1803 gab es in Höchst sechs jüdische Familien mit 21 Mitgliedern. Bereits 1798 hatte die kleine Gemeinschaft mit der Eisgrube beim Zufluss des Liederbachs in die Stadt, direkt an einem Turm der Stadtmauer, der als „Hinterturm“ bekannt war, eine Liegenschaft im alten „Porzellanfabrikgarten“ erworben. Dort richtete sie eine Mikwe, ein Frauenbad, ein. Das weist auf die Größe einer Gemeinde hin, die in der Lage war, einen Gottesdienst abzuhalten, aber wo?

Das Haus in der Dreikönigstraße war, insbesondere nach der Judenbefreiung im neuen Herzogtum Nassau, sicher bald für die wachsende Gemeinde zu klein. Neue Möglichkeiten taten sich nach der Auflassung der Stadtmauer als Stadtbefestigung auf. In den Jahren 1805/06 wurde der Hinterturm am Porzellanfabrikgarten von der nassauischen Regierung gegen einen jährlichen Grundzins von vier Gulden der jüdischen Gemeinde zum Bau eine „Judenschule“ überlassen. Diese Judenschule kann schon mit der zweiten Synagoge von Höchst gleichgesetzt werden, da die Bezeichnungen Bethaus, Judenhaus, Judenschule und Synagoge vielfach synonym gebraucht wurden. Der Hinterturm wurde nach der Übergabe zunächst bis auf die Höhe der Stadtmauer abgetragen und mit einem neuen Dach versehen. Er wurde seither auch Badstubenturm genannt, hat aber mit der heutigen Badstubengasse bei der Justinuskirche nichts zu tun. Diese hieß bis 1928 Klostergasse. Das Innere wurde im Obergeschoss als Bet- und Schulraum umgebaut, die Mikwe lag im Untergeschoss und hatte sicher einen Frischwasserzufluss vom vorbei fließenden Arm des Liederbachs.

Im Jahr 1816 wurde diese zweite Synagoge im Hinterturm bis auf die Fundamente abgebrochen und auf diesen, bei gleichen äußeren Abmessungen, neu aufgebaut. Sie wurde am 23. August 1816 eingeweiht. Wahrscheinlich verringerte man bei dieser Baumaßnahme die mächtigen Wandstärken der Außenmauern des einstigen Wehrturmes und erhielt auf diese Weise einen größeren Innenraum. Ein Aquarell von etwa 1875, das die Schleifmühle, den östlichen Teil des Porzellanfabrik-Gartens und den späteren Marktplatz zeigt, vermittelt auch eine gute Ansicht der Synagoge von 1816 auf den Grundmauern des alten Hinterturmes auf dem heutigen Ettinghausen-Platz. Die Synagoge war auf den noch etwa 1,5Meter hoch aufragenden Grundmauern des Hinterturms neu aufgebaut worden und lag im Südostbereich des 1798 erworbenen Grundstücks. Der nördlich und westlich des alten Turmes liegenden Bereich des Grundstücks ist mit niedrigen Bäumen bepflanzt, die es erlauben, dieses Areal eine Obstgarten zu nennen.

In dem Untergeschoss lag ohne Zweifel weiterhin die Mikwe. Anbauten im Hof- oder Gartenbereich, welche ein neues Frauenbad hätten aufnehmen können, gibt es nicht. Das obere Geschoss, in dem sich offensichtlich ein hoher Raum befunden haben muss, zeigt auf der Nordostseite zwei hohe Sprossenfenster mit Mittelteilung und je zehn Feldern. Der hohe Raum im Obergeschoss erschließt sich auch aus der Information, dass der Hinterturm 1806 bis auf die Höhe der Stadtmauer abgebrochen wurde.

Nimmt man über dem alten Turmsockel von etwa 1,5 Metern eine Höhe der Stadtmauer von weiteren 5 bis 6 Metern an, so war es beim Neubau nun möglich, einen Raum von wenigstens 5 Metern Innenhöhe zu schaffen, der auch eine kleine Empore enthalten konnte. Auf der Nordwestseite kann man zwei übereinander liegende kleine Sprossenfenster erkennen, hinter denen sich wohl eine Treppe verbarg. Diese erschloss sicher nicht nur den Dachboden, sondern auch die notwendige Empore im Innenraum, welche beim Gottesdienst den Frauen vorbehalten war.

Diese in ihrer Lage und ihrer Gestalt bislang völlig unbekannte Synagoge diente der weiterhin schnell wachsenden jüdischen Gemeinde bis 1905 als Gemeindezentrum, Schul- und Gotteshaus. Nachdem schon 1904 ein Antrag für den Neubau einer Synagoge eingereicht worden war, wurde sie um die Jahreswende 1904/05 abgerissen und schon am 16. Mai 1905 der Grundstein zur neuen, der letzten Synagoge von Höchst gelegt. Die Einweihung fand bereits am 18. Dezember des gleichen Jahres statt. Bürgermeister Viktor Palleske überbrachte „der Kultusgemeinde als Festgabe das Versprechen der gesamten Bürgerschaft, treu zu ihr zu stehen in der Bestätigung wahrer Nächsten- und Menschenliebe“. Dieses vollmundige Versprechen sollte allerdings seine Bewährungsprobe nicht überstehen. Mit ihrer Synagoge ging 1938 auch die jüdische Gemeinde in die Vertreibung und in den Tod. Es ist an der Zeit, sich nicht nur an Gedenktagen der jüdischen Mitbürger zu erinnern. Die Zeugnisse ihrer Existenz liegen unter dem Ettinghausen-Platz und verdienen es, wie an anderen Orten, wieder ans Licht geholt zu werden.

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