Annika Adolf (Zweite von rechts) schaut mit Kathrin Conzelmann-Stingl auf der großen Karte, wo nachhaltige Projekte umgesetzt werden könnten. Hinten rechts dürfte der Landwirt Stefan Uhrig seine Heimatgemeinde Sulzbach im Blick haben.
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Annika Adolf (Zweite von rechts) schaut mit Kathrin Conzelmann-Stingl auf der großen Karte, wo nachhaltige Projekte umgesetzt werden könnten. Hinten rechts dürfte der Landwirt Stefan Uhrig seine Heimatgemeinde Sulzbach im Blick haben.

Lebensqualität

Studie soll Vor- und Nachteile einer Biosphärenregion ausloten

  • vonManfred Becht
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Die Debatte um eine Biosphärenregion Rheingau-Wiesbaden-Taunus hat gerade erst begonnen. Mögliche Konfliktlinien werden sichtbar.

Was haben die Menschen in Wiesbaden und in den Landkreisen Main-Taunus und Rheingau-Taunus davon, wenn aus dem Gebiet eine Biosphärenregion wird – diese Frage warf der Liederbacher FWG-Politiker Thomas Kandziorowsky auf, und viele werden diese Frage stellen. „Es geht um nachhaltige Entwicklung“, antwortete Renate Labonté aus dem hessischen Umweltministerium. Konkret heißt das, das Leben in der Region so zu organisieren, dass auch künftige Generationen hier gut leben können. Labonté: „Das ist schon ein sehr konkreter Grund.“

Nicht sehr konkret wurde freilich beim Bürgerforum im Kreishaus, welche Projekte oder Maßnahmen eine solche Biosphärenregion ausmachen könnten. Das war auch nicht zu erwarten, denn es handelte sich um eine Veranstaltung zum Auftakt – das ganze Vorhaben soll unter Mitwirkung der Bevölkerung überhaupt erst entwickelt werden. Aktuell geht es darum, durch eine vom Land finanzierte Machbarkeitsstudie die Möglichkeiten auszuloten.

Gegen den Lichtschmutz

Wer einen Eindruck bekommen möchte, der kann sich das Biosphärenreservat Rhön anschauen – mit dem Unterschied, dass dies ein komplett ländlicher Raum ist, während zwischen Rhein, Main und Taunus Wiesbaden als Großstadt beteiligt wäre. In der Rhön gibt es ganz unterschiedliche Projekte, mit unterschiedlichem Aufwand und unterschiedlichen Zielen. Da gibt es unter dem Titel Sternenpark eine Kampagne gegen Lichtverschmutzung, es geht um die Verbesserung der Lebensbedingungen für die Wildkatze, um naturschutzgerechte Angebote für Mountainbiker, um die Förderung von Anbau und Vermarktung von Streuobst.

Ideen für konkrete Projekte in Rheingau und Taunus gibt es genug, man braucht die Bürger nur zu fragen. Und die Palette ist breit, reicht von modernen Wohnformen bis zur Förderung regionaler Produkte, von der Verringerung des Verkehrs bis zur Verbesserung der Nahversorgung. Aber es wurden auch kritische Fragen aufgeworfen. Manche fragen nach den Kosten, andere fürchten, dass vor allem mehr Bürokratie aufgebaut wird.

Beschlossen ist ohnehin noch nichts. Die Machbarkeitsstudie solle ergebnisoffen erarbeitet werden, so Madlen Overdick, die im Hofheimer Landratsamt für das Projekt Biosphärenregion zuständige Beigeordnete. Chancen und Risiken sollen ausgelotet werden, auch die Kritiker sollen zu Wort kommen. Aber eine Enttäuschung wäre eine Absage aus Sicht der Befürworter schon. Frauke Druckrey aus Kelkheim ist Mitglied im Deutschen Unesco-Nationalkomitee, das den entsprechenden Antrag auf Anerkennung an die Unesco weiterleitet und das gesamte Projekt begleitet. Schon wegen der Einbeziehung einer Großstadt sei die Unesco sehr an dem Projekt interessiert, berichtete sie im Kreishaus.

Damit ist aber auch ein Spannungsfeld angesprochen. Zur Biosphärenregion gehört eine Kernzone, etwa drei Prozent der Gesamtfläche, die von jeder Bewirtschaftung verschont bleibt; selbst Jäger und Förster können dort ihren üblichen Beschäftigungen nicht nachgehen. Wer es als Nachteil betrachtet, ein solches Gebiet auszuweisen, der befürchtet, dass dies irgendwelche Taunusorte tun müssen, Wiesbaden sich aber mit dem Titel einer Biosphärenregion schmücken kann.

„Es wird nicht einfach sein, diese Schutzzonen zu finden“, lautet Druckreys Prognose. Mit einer gewissen Vorsicht, aber so nachhaltig wie möglich soll in einer Entwicklungszone gewirtschaftet werden, die 20 Prozent des Gesamtgebietes ausmacht. Noch steht die Festlegung dieser Gebiete nicht an, aber die Konfliktpotenziale liegen auf der Hand.

Aufgeworfen wurde auch die Frage, was mit schädlichen Auswirkungen menschlichen Wirtschaftens ist, die von außen in das Gebiet getragen werden, wie der Fluglärm oder die Verschmutzung von Rhein und Main. Druckrey erwartet, dass gewisse Rücksichten auf die Biosphärenregion durchaus genommen werden. Renate Labonté aus dem Umweltministerium warnt auf der anderen Seite davor, das Projekt zu überfrachten. Alle Probleme einer Region wird es nicht lösen können.

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