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Tierpfleger zu sein, ist keine Kuschelstunde, sondern harte Arbeit

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Gut, dass zwischen Reporterin Judith Dietermann und Tiger Vanni eine Scheibe ist. Da kann das Anbrüllen auch mal zum Spiel werden.
Gut, dass zwischen Reporterin Judith Dietermann und Tiger Vanni eine Scheibe ist. Da kann das Anbrüllen auch mal zum Spiel werden. © Rainer Rueffer-- FRANKFURT AM MA

Zwei Stunden bevor der Zoo um neun Uhr für die Besucher geöffnet wird, wird hinter den Kulissen bereits gearbeitet. Die Gehege werden kontrolliert und gesäubert, Futterreste vom Vortag und die Hinterlassenschaften der Tiere eingesammelt und abgefahren. Das ist harte körperliche Arbeit, von der die Besucher nichts mitbekommen.

Weit reißt Sumatra-Tiger Vanni sein Maul auf. So weit, dass ich erschreckt zusammenzucke, das Gleichgewicht verliere und mich sitzend im Rindenmulch wiederfinde. Es gibt nur eine Möglichkeit: aufstehen und zurückbrüllen. Das scheint dem Tiger zu gefallen, wir brüllen uns gegenseitig ein wenig an, ich kann in Ruhe die Scheibe putzen und Vanni so den richtigen Durchblick verschaffen.

Einen Tag darf ich im Frankfurter Zoo mit anpacken. Meinen Schreibtisch tausche ich gegen den Katzendschungel und das Ukumari-Land. Der erste Gang führt Robin Klinker und mich an diesem Morgen zu den Tigern und Löwen. Mit seinem großen Schlüsselbund öffnet der 24-jährige Tierpfleger eine Tür zum Katzendschungel. Dahinter verbirgt sich jedoch kein Gehege mit süßen Löwenbabys, die mich mit ihren großen Knopfaugen anschauen, sondern ein einfaches Büro.

Denn seit die Drillinge am 14. April geboren wurden, heißt es für die Tierpfleger zunächst: Kameras einschalten. Vier Stück davon sind in der Box der Löwen installiert. „Es ist alles in Ordnung“, sagt Robin und zeigt auf den Bildschirm. Mutter Zarina liegt noch im Tiefschlaf, ihre Kinder haben sich zwischen ihren Beinen eingekuschelt. Nur Vater Kumar ist bereits wach und hat stets einen Blick auf seine kleine Familie.

Als nächstes drückt Robin mir einen Rechen in die eine und einen schwarzen großen Eimer in die andere Hand. Denn der Innenraum des Katzendschungels muss saubergemacht werden, damit auch alles ordentlich ist, wenn um neun Uhr die ersten Besucher kommen. Die vom Vortag haben dafür einiges hinterlassen – leere Trinkpäckchen, benutzte Taschentücher und Bonbonpapier. Darüber regt sich Robin schon längst nicht mehr auf. „Es sind eben Kinder“, sagt er.

Personalmangel

Mit 16 Jahren hat er seine Ausbildung im Frankfurter Zoo begonnen, schon immer wollte er mit Tieren zusammenarbeiten. Deswegen kann er sich auch keinen anderen Job vorstellen. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend sei. Vor allem, wenn Kollegen wegen Krankheit ausfallen und andere einspringen müssen. Aus anderen Revieren. „Man muss erst mal alles erklären, weil sie sich auf den Anlagen nicht auskennen. Das raubt Zeit. Zeit die man nicht hat“, sagt Robin und drängelt. Denn auch an diesem Tag fehlen Kollegen.

Zwischen den beiden großen Glasscheiben, die einen Blick in die Innengehege der Tiger Vanni und Malea gewähren, ist eine kleine Tür. Wieder zückt Robin seine Schlüssel und schließt auf. Eine Stunde, schätzt er, verbringe er am Tag nur damit Türen auf- und zuzuschließen. „Das ist ja ein wenig wie im Knast“, sage ich. Schon, aber Sicherheit habe eben höchste Priorität, sagt er, während wir den kleinen Raum zwischen den Gehegen betreten. Links wohnt Malea, rechts Vanni. Beide sind drinnen, Robin kann die Schieber zu den Außenanlagen schließen. Er drückt auf den Knopf und hat den Schieber stets im Blick – nicht, dass doch ein Unglück passiert. Würde ein Tier darunter eingeklemmt, wäre das tödlich, sagt Robin.

Scheiben putzen

Noch ein prüfender Blick, ob die Tiger auch wirklich drinnen sind und schon geht es raus, auf die Außenanlage. Erst wird bei Vanni alles kontrolliert. Mit Kehrblech und Handfeger bin ich unterwegs, unangenehm riechen die Hinterlassenschaften, weniger Probleme habe ich mit den übrig gebliebenen Knochen des Abendessens. Während die Scheiben, durch die die Besucher blicken, professionell gereinigt werden – einmal in der Woche kommt ein Fensterputzer –, erledigen die Tierpfleger auf der Anlage diese Aufgaben. Das bin ich heute und Vanni passt auf, dass ich auch wirklich alles richtig mache.

Mittlerweile ist der Zoo geöffnet und so muss ich mir mit der mit Fleischresten und Tigerkot gefüllten Schubkarre den Weg durch die Besucher bahnen. Die halten sich die Nase zu oder rufen „Igitt“, ich bin einfach nur froh, dass ich niemanden umfahre. Vor dem Tiergehege halten wir an. Kumar liegt mittlerweile vor dem Eingang zur Box, Zarina und die Drillinge schlafen immer noch. Das zeigt ein Blick auf die Kameras. Auch hier gibt es einen kleinen Raum, Robin schließt wieder auf und zu.

Jetzt bin ich nur durch ein paar Gitterstäbe von Kumar, dem König der Löwen, getrennt. Der reißt sein Maul auf und faucht mich laut an. Damit habe ich zwar gerechnet, erschrecke aber trotzdem. „Kumar, hast Du heute schlechte Laune? “, fragt Robin nur und schließt den Schieber zur Außenanlage, die jetzt gereinigt werden muss. Unter den Blicken der Besucher stapfe ich dort auf und ab, sammle alles ein, was dort nicht hingehört. Auch hier finde ich Bonbonpapier, das wäre für die Löwen tödlich.

Eine Aufgabe habe ich jetzt noch: Das Abendessen für die Löwen muss abgehangen werden. Pferdefleisch steht auf dem Speiseplan. Was für Vegetarier nichts ist, stellt für mich kein Problem dar. Mit Kraft jage ich den Eisenhaken durch das rosige, acht Kilogramm schwere Stück und hänge es auf. Drei Portionen reichen, sagt Robin, die zehn Wochen alten Löwen-Babys essen zwar mittlerweile mit, ihre Hauptnahrung ist aber nach wie vor Muttermilch.

Mittagspause ist um elf Uhr, eine Stunde, nachdem ich normalerweise in meinen Arbeitstag starte. Und auch die Tiere müssen essen. Revierleiterin Anni Fuchs bereitet die Mahlzeiten für die Affen vor, die hinter der Bärenanlage leben. Die bekommen die Besucher nicht zu sehen, denn sie warten darauf, für die Zucht an andere Zoos abgegeben zu werden.

Affen mit Diabetes

Welches Tier welche Nahrung bekommt, weiß Anni Fuchs, die seit 1979 im Zoo arbeitet, auswendig. Bei den Totenkopfäffchen muss sie besonders vorsichtig sein. Denn sie sind anfällig für Diabetes, mit Leckereien wird hier gespart. Die Brüllaffen hingegen haben einen ganz feinen Geschmack – sie lieben die Kräuter der Frankfurter Grünen Soße. Zum Schluss gibt es noch einen Schuss Leinöl. Damit das Fell schön glänzt, fettig ist und der Regen gut abfließen kann, erklärt Anni Fuchs und lädt alles auf einen großen Wagen. Obwohl sie schon so lange im Zoo arbeitet, Spaß macht es der Revierleiterin immer noch. „Auch wenn ich mich ab und zu ärgere, aber das gehört wohl dazu. Und jetzt gehen wir zu den Ameisenbären“, sagt sie und drückt mir eine Schüssel mit Maden in die Hand. Lebend, versteht sich.

Ines und Falin sind eine Liebespaar, sie leben mit den Brillenbären, Waldhunden und Brüllaffen im Ukumariland, direkt am Zooeingang. Heute sind sie im Innengehege und ich darf sie füttern. Endlich. Mein erster wirklicher Kontakt mit Tieren – nach sechs Stunden. Neben den Maden gibt es Joghurt, ich halte den Becher, Falin kommt angeschlurft und steckt seine Nase hinein, schnell hat er mit seiner langen Zunge den Becher ausgeschleckt. Auch die Maden sind bald verputzt. Das ist definitiv der Höhepunkt meines Arbeitstages. Er zeigt mir aber auch: Die Arbeit als Tierpfleger ist keine Kuschelstunde mit den Zootieren, sondern ein verdammt harter Job.

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