Prozess

Tomahawk-Mord von Ilbenstadt: Freispruch oder lebenslang?

Der Angeklagte, ein ehemaliger Metallbauer-Lehrling aus Weilrod, hat am 7. April 2017 seinen besten Freund mit einem Indianerbeil erschlagen – wegen 100 000 Euro. Das sieht der Gießener Staatsanwalt Mike Hahn als erwiesen an. Der 21-Jährige soll dafür lebenslang ins Gefängnis. Die Verteidiger fordern dagegen Freispruch: Womöglich sei der Mieter des Opfers der wahre Mörder.

Die Tat war grausig. Vor einem Jahr verblutete der 40-jährige Finanzmakler in seinem Wohnhaus in Niddatal-Ilbenstadt. Der Täter hatte den an seinem Esstisch sitzenden Mann von hinten angegriffen. Beidhändig mit voller Wucht schlug der Mörder zu und durchtrennte schon beim ersten Schlag die obere Halswirbelsäule fast komplett.

Das Opfer war sofort querschnittsgelähmt und wehrlos, sagte Staatsanwalt Mike Hahn gestern in seinem Plädoyer vor dem Gießener Landgericht. Der Täter traktierte den am Esszimmertisch sitzenden Mann noch mit weiteren Schlägen. Das Opfer habe nach maximal 20 Sekunden das Bewusstsein verloren. Der Mörder machte sich mit dem Laptop, dem Telefon und mit 100 000 Euro Bargeld aus dem Staub.

Der Staatsanwalt glaubt, dass der jetzt 21-jährige Weilroder der Mörder ist. Denn der Mieter und ein Nachbar des Opfers hatten den jungen Mann kurz vor der Tat im Haus des Opfers gesehen. Ein Teil des Geldes und seine vom Blut des Opfers beschmutzten Jeans wurden am nächsten Tag bei ihm sichergestellt.

Die Polizei verhaftete den Angeklagten bei seiner damals noch schwangeren Freundin in Rheinland-Pfalz. Lebenslange Haft nach Erwachsenen-Strafrecht und erschwerte Entlassungsbedingungen nach frühestens 15 Jahren wegen besonderer Schwere der Schuld sind hier angebracht, meinte Staatsanwalt Hahn. Auch die vier Anwälte der Eltern und der sechs Geschwister des Finanzmaklers forderten ein hartes Urteil. Der junge Mann ging vor der Tat keiner „normalen“ Arbeit nach. Er habe bei seinem Freund, dem späteren Mordopfer, als Geldeintreiber 1,5 Millionen Euro verdient, außerdem reich geerbt und ein Haus in Monaco, prahlte er in seinem Bekanntenkreis.

Während des Prozesses kam heraus, dass der ehemalige Metallbauer-Lehrling sogar der eigenen Mutter und seinem Sparkassen-Berater glaubhaft machte, dass er ihr Geld mächtig vermehren könne. Für angeblich sechs Prozent Zinsen pro Monat vertrauten sie ihm insgesamt 110 000 Euro an, die er aber selbst verbrauchte.

Anfang 2017 war der Weilroder pleite, so die Ankläger. Er habe dann viel Lotto gespielt, den Begriff „Bankraub“ gegoogelt – und zwei Tage vor dem Mord den Begriff „Genickbruch – was passiert da?“.

Mit dem Freund und Finanzmakler verabredete er sich für den 7. April, um angeblich 120 000 Euro in Fünfhunderter-Noten in „saubere“ 100 000 Euro aus Hundertern und Zweihundertern zu tauschen.

Das Opfer ließ sich laut einem Familienanwalt darauf ein, weil er selbst in Finanznöten steckte. Beim Geldtausch habe der mutmaßliche Täter dann zugeschlagen. Die Fahnder fanden bei ihm 83 000 Euro in bar.

In Wirklichkeit habe der 28-jährige Mieter den Finanzmakler getötet, sagte der Angeklagte aus – allerdings erst am zehnten Verhandlungstag. Der Mann habe am Geldtausch mitverdienen wollen. Der Mieter bedrohte ihn und das Opfer demnach mit einer Maschinenpistole, nahm ihm, also dem Angeklagten, das Tomahawk-Beil weg und erschlug damit schließlich den Finanzmakler. Dem Angeklagten habe er die Fünfhunderter-Noten weggenommen und ihn gezwungen, die Tatwaffe zu entsorgen.

Diese Version könne nicht widerlegt werden, meinten die beiden Verteidiger des Weilroders gestern. Ihr Mandant müsse deshalb freigesprochen werden – im Zweifel für den Angeklagten. Der von ihm beschuldigte Mieter war im Prozess mehrfach vernommen worden – und machte auf die Zuhörer einen kalten Eindruck. Die Polizei habe aber keine belastenden Indizien gegen ihn gefunden, erklärte Staatsanwalt Hahn. Der 28-Jährige hatte gut 100 000 Euro Schulden, widersprach der Verteidiger des Angeklagten, Hans-Jürgen Kost-Stenger. Und er sei wegen eines versuchten Tötungsdeliktes jahrelang in Jugendhaft gewesen. Es bleiben „große Restzweifel“, was wirklich geschah, sagte die Verteidigerin Friederike Vilmar.

Ihr Mandant saß während der mehr als zwölf Verhandlungstage stets schweigsam da und schaute nie auf die schräg gegenüber sitzende Familie des Mordopfers. Auch nicht am gestrigen Montag bei seinem Schlusswort vor Gericht: „Mir tut wirklich leid, was mit ihm passiert ist. Aber ich bleibe bei meiner Aussage, dass ich es wirklich nicht war.“

Urteil erwartet

Das Gericht hat angekündigt, sein Urteil am Dienstag, 17. April, zu verkünden.

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