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Eine Nachbildung des Hohen Brunnens rollte beim Umzug auf einem Hänger durch das lustige Dorf Bernem. Meist ging er nur gemächlich vorwärts. Das Original wurde im Jahr 1817 als klassizistischer Pumpenbrunnen als Obelisk in Mainsandstein errichtet.

Höhepunkt

So war der Umzug der Kerb in Bernem

Es ist der Höhepunkt jeder Kerb in Bernem: der Umzug. Am vergangenen Samstag dauerte es mehr als zwei Stunden, bis alle Zugnummern durch die engen Gassen des lustigen Dorfs gezogen waren.

Noch nie war der dreifache traditionelle Ausruf „Baum hoch“ aktueller als heute. Beinahe hätte es nämlich erstmals seit 50 Jahren bei der Bernemer Kerb keinen Kerwebaum auf dem Kerweplatz an der Johanniskirche, genannt „Zwiwwelkerch“, gegeben. Für den 1,5 Tonnen schweren und 25 Meter hohen Baum aus dem Enkheimer Wald war nämlich eine Sondergenehmigung nötig. Die Genehmigung gab es aber erst im letzten Augenblick, weil die Bernemer Kerwe-Gesellschaft und der zuständige Ortsbeirat 4 (Bornheim, Ostend) in einer Krisensitzung einen Eilantrag gestellt hatten.

„Wir sind superzufrieden, es hat alles geklappt. Der Baum steht“, erklärt Kerwebürgermeister Ralf Moritz am Kerbe-Samstag erleichtert. Allerdings will er solche bange Stunden für künftige Kerben in Bernem ausschließen. „Da muss man später drüber reden und eine gemeinsame Lösung für die alte Tradition finden“, kündigt der Mann mit Zylinder an, bevor er zu seiner Bürgermeisterin Corinna Köhler in die Kutsche steigt und „Baum hoch“ ruft.

Wenige Stunden später genießt Moritz beim Umzug das Bad in der Menge. Dicht gedrängt stehen Groß und Klein am Rand der engen Gassen vom Startpunkt in der Saalburgallee, Roßdorfer Straße, Eichwald- und Berger Straße, Großen Spillingsgasse und dem Endpunkt am Johanniskirchplatz. Das lustige Dorf Bernem macht seinem Spitznamen alle Ehre. Hauseingänge sind mit Birkenzweigen und rot-weißen Schleifen dekoriert, Fenster mit Girlanden und Puppen der Schutzpatronin Lisbeth sitzen auf Fenstersimsen. Die Menge johlt, während die 53 Wagen und Gruppen durch die Straßen rattern, zuckeln, trommeln und tanzen. Schmucke Pferde, große und kleine Traktoren, Menschen in historischen Kostümen, engen Sporttrikots und mit Posaunen sind unterwegs. Kinder schlagen Räder. Sie alle machen genauso gute Laune wie Bonbons, Rosen, Wassereis, Teebeutel, Duschgel, kleine Bälle, Bananen, Blumensamen und Gummibärchen, die von den Wagen aus ins Publikum geworfen und gefangen werden..

Die Leute applaudieren der Sachsenhäuser Brunnenkönigin Yvonne II. ebenso zu wie der Bad Vilbeler Quellenkönigin Bianca I. und der noch amtierenden Bergen Enkheimer Apfelweinkönigin Nicole I., die in Cabriolets sitzen und lächeln. Für eine Überraschung sorgt das Kerbepaar: Oliver und Judith Zenker sind nämlich seit 4. August auch ein getrautes Paar. „Ja, wir haben geheiratet“, sagt Judith und strahlt ihren Oliver an, während sie Kindern rote Bonbons zuwirft. Beide winken und strahlen. Immer wieder fallen sich Besucher und Umzugsteilnehmer in die Arme, wenn sie einander erkennen. Sie stoßen mit Apfelwein oder Bier an, die aus den Wagen verteilt werden. Oder sie tanzen miteinander ein Stück des Weges entlang.

Auch die Politik mischt mit. Die Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen (SPD) lässt einen kleinen orangefarbenen Elektro-Einsitzer mit dem Spruch „100 Prozent Nissen“ mitfahren, geht aber selbst zu Fuß. Die CDU fährt mit einem Traktor samt Hänger durch die Gassen. Ihr Landtagsabgeordneter Bodo Pfaff-Greiffenhagen läuft ebenfalls. Zwischen Samba und Blasmusik, Schlagern und Techno turnen Mädchen von der TSG Bornheim und hüpfen Seil. Mitglieder des Country and Western Clubs bewegen sich im Square Dance-Schritt. Besucher machen Selfies und Videos. Kunterbunt ist das zweistündige Treiben zwischen Vereinen, Läden und Lokalen. Auf dem Kerbeplatz wird am Ende die 411. Bernemer Kerb offiziell eröffnet mit dem traditionellen Bieranstich durch Ortsvorsteher Hermann Steib (Grüne). „Es ist mein erstes Mal“, sagt er. Für einen Anfänger macht er seine Sache gut, nach sechs Schlägen hat er es geschafft. Ein kräftiger Schluck, ein Blick auf den Baum und ein dreifaches „Baum hoch“ schallt durch Bernem.

Doch dann ein Schock. Ein Mann blickt den Baum hoch und sagt: „Das gab’s noch nie. Die liebe Lisbeth auf dem Baum schaut in die falsche Richtung. Ich komme seit 30 Jahren her und sie hat immer mit Blick auf den Platz gehangen.“ Hoffentlich ist das kein schlechtes Omen für den Baum im nächsten Jahr.

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