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?Solche Bilder bekommt niemand so schnell aus dem Kopf?: Irene Derwein kümmert sich mit ihrem Team um Rettungskräfte nach belastenden Einsätzen.

Interview

Unglück im Zoo Frankfurt: So werden Retter nach schweren Einsätzen betreut

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Der Unfalltod eines zweijährigen Zoobesuchers vor drei Wochen war auch für die Einsatzkräfte ein tragisches Erlebnis. Sie konnten den in ein Wasserbecken gefallenen Jungen nicht mehr retten, er starb noch im Krankenwagen. Pfarrerin Irene Derwein bietet in solchen Fällen Hilfe an. Sie leitet das Diakonie-Team „Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen“. Im Gespräch mit unserem Redakteur Daniel Gräber, erklärt sie, auf was es dabei ankommt.

Der Unfalltod eines zweijährigen Zoobesuchers vor drei Wochen war auch für die Einsatzkräfte ein tragisches Erlebnis.

Pfarrerin Irene Derwein bietet in solchen Fällen Hilfe an. Sie leitet das Diakonie-Team „Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen“. Im Gespräch mit unserem Redakteur Daniel Gräber, erklärt sie, auf was es dabei ankommt.

Einem Kleinkind auf dem Weg ins Krankenhaus beim Sterben zusehen zu müssen: Was löst das bei den Einsatzkräften aus?

IRENE DERWEIN: Der Tod von Kindern gehört sicher zu den Ereignissen, die für Rettungskräfte belastend sein können. Aber wie der Einzelne darauf reagiert, lässt sich nicht vorhersagen. Das hängt von der eigenen Persönlichkeit ab, aber auch von der aktuellen Lebenslage. Jemand, der selbst kleine Kinder hat und vielleicht gerade unter einem Ehestreit leidet, den belastet ein solcher Einsatz womöglich stärker als andere.

Und andere stecken das einfach so weg?

DERWEIN: Solche Bilder bekommt niemand so schnell aus dem Kopf. Aber wenn man deshalb nicht mehr richtig schlafen kann, keinen Appetit mehr hat, unter Schuldgefühlen leidet oder Angst davor hat, in einen ähnlichen Einsatz geschickt zu werden, dann ist Hilfe angebracht.

Wie können Sie helfen?

DERWEIN: Über eine Telefon-Hotline sind wir rund um die Uhr erreichbar und vereinbaren dann einen Gesprächstermin mit den Betroffenen. Da geht es dann darum, die Belastungsreaktionen zu erkennen und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Bei einem zweiten, späteren Gespräch klären wir, wie sich die Situation entwickelt hat. Falls angebracht, bieten wir die Vermittlung an Beratungsstellen oder Psychotherapeuten an.

Wer arbeitet in Ihrem Team?

DERWEIN: Wir sind zwei Hauptamtliche und zehn Ehrenamtliche. Darunter sind auch ehemalige Feuerwehrleute und Rettungskräfte. Sie bringen den „Stallgeruch“ mit, kennen den Berufsalltag unserer Klienten aus eigener Erfahrung. Alle Teammitglieder haben eine spezielle Zusatzausbildung und bilden sich regelmäßig fort.

Wie schwer fällt es Feuerwehrleuten und Sanitätern, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen? Ein starker Retter zeigt doch ungern Schwäche.

DERWEIN: Das hat sich in den vergangen Jahren verändert. In der jüngeren Generation ist das eigentlich kein großes Problem mehr. Dort gehört es zur Professionalität, eigene Belastungen zu erkennen. Bei Älteren ist das manchmal noch schwieriger. Wir setzen deshalb auch auf Prävention und machen viele Informationsveranstaltungen. Damit im Ernstfall die Hemmschwelle niedriger ist, sich an uns zu wenden. Ganz wichtig ist dabei auch: Wir arbeiten vertraulich und sind an Schweigepflichten gebunden. Von uns aus würden wir nie Kollegen oder Vorgesetzte eines Klienten informieren. Wobei es auch oft so ist, dass uns Kollegen eines Betroffenen anrufen: „Wir haben hier einen Kameraden, den wollen wir so nicht nach Hause lassen.“ Dann kommen wir auf die Wache und bieten Unterstützung an.

Gibt es auch Einsätze, bei denen sie gleich vor Ort dabei sind?

DERWEIN: Nein, das wäre nicht hilfreich. Da sollen die Leute ja ihre Arbeit machen und können niemanden gebrauchen, der daneben steht und ständig fragt, wie es ihnen geht. Die möglichen Belastungsreaktionen setzen sowieso erst nach dem Einsatz ein. Wenn die Anspannung vorbei ist und das Nachdenken beginnt.

Sie sprachen vorhin von Bewältigungsstrategien. Wie können diese aussehen?

DERWEIN: Ganz wichtig ist es, sich Zeit zu nehmen. Denn oft handelt es sich um eine psychische Erschöpfung. Dann hilft es, mit Menschen über das Ereignis zu reden, die einem nahe stehen und die Verständnis für die Situation aufbringen. Man sollte sich aber nicht zu sehr festbeißen, sondern auch Ablenkung und Ausgleich suchen. Körperliche Betätigung und soziale Kontakte sind dabei besonders wichtig.

Gibt es einen herausragenden Fall, der Ihnen eindrücklich in Erinnerung geblieben ist?

DERWEIN: Vor einigen Jahren kamen bei einem Hausbrand zwei Kinder ums Leben. Wir saßen am Abend danach mit vier Feuerwehrleuten, zwei Notärzten und zwei Rettungskräften zusammen. Das war ein langes, sehr intensives Gespräch. Alle Beteiligten haben das Einsatzgeschehen aus ihrer Sicht beschrieben. Wie bei einem Puzzle hat sich daraus Stück für Stück ein Gesamtbild ergeben. Das hat den Betroffenen geholfen, ihre belastenden Eindrücke zu verarbeiten. Sie waren dann damit nicht mehr alleine.

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