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Gilbert Töteberg zeigt einen Lageplan der Siedlung Westhausen, auf dem der schachbrettartige Zeilenbau gut zu erkennen ist. Der Diplom-Ingenieur ist ein profunder Kenner des Neuen Frankfurt, führt auch regelmäßig durch das Musterhaus in der Römerstadt (Im Burgfeld 136) oder andere der insgesamt rund 25 Siedlungen, die in der Ära des genialen Städteplaners entstanden. In zwei Wochen bietet der Verein einen Rundgang durch die Siedlung Höhenblick an.

In nur fünf Jahren

So verwirklichte Architekt Ernst May seine Vision von bezahlbarem Wohnraum

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Anfang der 1930er Jahre, nachdem die Siedlung Westhausen fertiggestellt war, lebten dort in den Reihenhäusern Familien mit bis zu acht Personen auf 42 Quadratmetern pro Etage. Kostengünstiges Wohnen und die Frage „Wie viel Platz braucht ein Mensch?“ zeichnete die von Ernst May geplante Siedlung aus.

Das zentrale „Wasch- und Heizhaus“ in der Stephan-Heise-/Ecke Ludwig-Landmann-Straße 206 ist mit seiner Klinkersteinfassade und dem hohen Schornstein der prägnanteste Bau in der Siedlung Westhausen. Entworfen wurde das Gebäude von dem Frankfurter Architekten Ferdinand Kramer (1898 – 1985). Die Siedlung Westhausen mit ihrer Größe von 23 Hektar ist die letzte der vom berühmten Stadtplaner und Architekten Ernst May (1886 – 1970) für Frankfurt geplanten Wohnsiedlungen. Mit deren Realisierung wurde noch in dessen Amtszeit begonnen.

May, der als Siedlungsdezernent für Frankfurt unter dem früheren Oberbürgermeister Ludwig Landmann (1868 – 1945) zwischen 1925 und 1930 seine Spuren in der Mainmetropole hinterließ, schaffte mit seinem von ihm aufgelegten Programm „Das Neue Frankfurt“ in nur fünf Jahren rund 15 000 dringend benötigte Wohneinheiten in der Stadt. Hierfür holte er sich namhafte Architekten und Designer ins Team, mit denen er gemeinsam seine Visionen von Wohnen und Leben zu bezahlbaren Preisen verwirklichte – Ideen, die vom Wohnraum bis zur Wohnungseinrichtung und der Gestaltung des Wohnumfelds reichten.

Die Siedlung Westhausen galt als Wohnraum für das

Existenzminimum

. Einer, der die Geschichte der Siedlung Westhausen kennt und sein Wissen in Führungen an Interessierte weitergibt, ist Gilbert Töteberg von der Ernst-May-Gesellschaft. „Zunächst entstanden hier 1116 Wohneinheiten, geplant waren aber 1532“, erzählt er, während er vor dem zentralen Wasch- und Heizhaus steht.

Von dort aus nämlich blickt man auf die Gebäude gegenüber, die entlang der Stephan-Heise-Straße bis zum Westring im Süden verlaufen und erst Ende der 40er Jahre gebaut wurden. „Trotzdem sehen diese Häuserreihen so aus, als ob sie zur selben Zeit entstanden sind wie der Rest der Siedlung“, sagt Töteberg.

Zwischen Zillestraße im Osten und Kollwitzstraße im Westen wurden die Häuser der Siedlung, die aus Erdgeschoss und erster Etage bestehen, in Reihen linear errichtet, die parallel zu den beiden größeren Straßen verlaufen. Außerdem wurden Laubenganghäuser gebaut. Einen zentralen Platz gibt es nicht.

Zu Beginn lebten in den Reihenhäusern, die ursprünglich für jeweils eine Familie konzipiert waren, mit 40 bis 42 Quadratmetern Grundrissfläche pro Etage bis zu acht Personen. Die Grundrisse wurden auf das Nötigste beschränkt. Jede Wohnung war mit Frankfurter Küche und einem kleinem Badezimmer, in dem auch eine Sitzbadewanne Platz fand, ausgestattet. „Die Mieten betrugen ein Drittel des monatlichen Gehalts“, weiß Töteberg. Ein Arbeiter verdiente etwa 200 Reichsmark monatlich.

Baubeginn der Siedlung Westhausen war am 15. September 1929. Im selben Jahr gab es in der Stadt einen internationalen Architektenkongress, der sich ebenfalls dem Thema „Die Wohnung für das

Existenzminimum

“ widmete. „Die wirtschaftlichen Bedingungen für die Realisierung der Siedlung Westhausen sind äußerst schlecht gewesen. Die Weltwirtschaftskrise machte auch nicht vor Frankfurt Halt, die finanziellen Mittel waren knapp“, so Töteberg Für die Bewohner der Siedlung, von denen rund 75 Prozent Arbeiter und 25 Prozent Geringverdiener waren, gab es wie auch in anderen von May geplanten Bauprojekten die Möglichkeit, sich selbst etwas im Garten anzubauen. Ein kleines Stück Garten gibt es bis heute vor den Häusern der Siedlung. Das Selbstversorgung war ein zentraler Bestandteil in Mays Konzept. Genauso wie Grünflächen zu integrieren und eine gute Anbindung an die Innenstadt zu ermöglichen. Die Konzeption für die Gestaltung der Grünflächen in der Siedlung Westhausen geht auf den Gartenarchitekt Max Bromme (1878 – 1974) zurück.

Am Sonntag, 21. Oktober, 14 Uhr, bietet die Ernst-May-Gesellschaft eine Führung durch die Siedlung Höhenblick in Ginnheim an. Dort wohnte neben May auch Martin Elsaesser. Mehr unter

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