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Fabiola Sommerhage (l.) und Tatjana Tomas aus Würges werden heute am Hambacher Forst sein.

Engagement

Warum Fabiola Sommerhage und Tatjana Tomas im Hambacher Forst protestieren

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Die Busfahrt beginnt heute um 8.45 Uhr in Idstein. Um 9 Uhr in Bad Camberg und um 9.20 Uhr am Limburger ICE-Bahnhof werden Teilnehmer zusteigen. Die Reise führt in den Hambacher Forst. Dieser Bus ist ausgebucht. Daher werden auch Privatfahrzeuge starten. Die Würgeserin Fabiola Sommerhage hat die Fahrt organisiert – weil ihr der bürgerliche Protest wichtig sei, wie sie sagt.

Es wird ihre dritte Fahrt zum Hambacher Forst, nur anders. Vor zwei Wochen begannen Fabiola Sommerhage und Tatjana Tomas noch ganz privat, nahmen an einem „Spaziergang“ mit Naturwanderführer Michael Zobel teil. Der Waldpädagoge macht das schon seit Jahren, nur sind die Teilnehmerzahlen gerade explodiert. 7500 kamen vor zwei Wochen bei strömendem Regen, berichteten die Medien. Letzte Woche sollen es um die 15 000 gewesen sein, mit dabei Fabiola Sommerhage und Tatjana Tomas. Die Zahl können die beiden nicht abschätzen, doch heute fahren sie wieder und nehmen selbst mehr als 50 Leute mit.

Wie das geht? Die beiden Würgeserinnen sind überzeugt, dass sich der Einsatz lohnt. Fabiola Sommerhage hat deshalb einen Reisebus gemietet. Auf eigene Gefahr und in dem Bewusstsein, „draufzulegen“, falls er nicht voll wird. Das Gegenteil ist der Fall. Noch gestern riefen die Leute bei ihr an, berichtet die 56-jährige Diplom-Pädagogin. Der Bus – sie konnten von 50 auf 55 Plätze aufstocken – ist ausgebucht. Mehr noch: Ein Teilnehmer fährt jetzt lieber mit dem eigenen Sprinter – das sind weitere sieben Plätze, die zur Verfügung stehen. Die Resonanz ist enorm. Die beiden Frauen hatten im Umkreis kleine Flyer verteilt und aufgehängt, übers Internet geworben. So sprach sich die Fahrt schnell herum.

Warum das Ganze? „Weil es um mehr geht als nur den Wald“, sagen beide. Sie sind Nachbarinnen in Würges, beide verbindet die Liebe zur Natur. Tatjana Tomas ist zum Beispiel in der Initiative „Blühendes Bad Camberg“ aktiv. Sie ist 36 Jahre alt. Zwei Frauen, zwei verschiedene Generationen. Im Bus wird die Spanne noch größer sein. Der jüngste Teilnehmer, der kleine Piet, ist zwei Jahre alt, es fahren auch Senioren mit. „Kohlestopp.de organisiert, dass wir vor Ort parken können, wahrscheinlich in Manheim. Dann sind wir zu Fuß ganz schnell am Wald“, sagt Fabiola Sommerhage.

Sie ist mittlerweile zur gut vernetzten Aktivistin geworden, hat im Internet gesurft, Kontakte an Ort und Stelle geknüpft. Doch warum machen sich die beiden auf die gut 200 Kilometer lange Strecke, um dort zu protestieren? Das eine ist der Wald, von dem sie möchten, dass er bleibt. Das andere die Bürgerbewegung, die sie stärken wollen. „Das sind ganz normale Menschen, die dort hinfahren, um ihre Solidarität zu bekunden.“

Die Räumung der Baumhäuser und die Rodung, die bis gestern rechtens war und stark umstritten ist, hat die beiden sensibilisiert. So haben sie sich weiter erkundigt. Was ihnen nicht gefällt: Die Verflechtung zwischen Wirtschaft und Politik, die zu Entscheidungen führt, deren Sinnhaftigkeit sie anzweifeln. „Da ist der Innenminister Reul, der gleichzeitig im Aufsichtsrat der RWE sitzt“, sagt Tatjana Tomas. Und: „Es gibt zu viele Verflechtungen, wenn ich doch einen unabhängigen Staat möchte. Auf der anderen Seite sind dann diese Menschen, die friedlich auftreten und sagen, ,seht einfach mal auf uns‘.“

Ja, die beiden wissen, dass nicht alles beim Protest friedlich und harmonisch war. Sie haben die Nachricht von dem Aktivisten gehört, der Fäkalien auf Polizisten gekippt hatte. Auf beiden Seiten bestehe die Schwierigkeit, angemessen zu reagieren, wenn die Nerven blank liegen. Hinzu kommen die Spaziergänger wie sie, die nicht im Forst campieren und ihr erstes Baumhaus noch zu bauen hätten. Hier muss Tatjana Tomas lachen. Ja, sie würde gerne eins bauen. Aber nicht im Hambacher Forst, lieber zu Hause.

Für die beiden ist es so: Sie haben dazugelernt und erlebt, dass ihr Protest wahrgenommen wird. Die Umweltverbände, die sich eingeschaltet haben, das Engagement der Privatleute loben sie. Gestern Morgen, direkt vor dem Gespräch mit dieser Zeitung, kam die Nachricht: Die Polizei Aachen untersagt die für den heutigen Samstag geplante Großdemo am Hambacher Forst. Man sehe erhebliche Gefahren für die öffentliche Sicherheit.

„Wir fahren trotzdem“, sagten die beiden. „Dann gehen wir halt spazieren.“ Fabiola Sommerhage hat eine Bohnenstange mit tibetischen Fähnchen geschmückt. Die will sie mitnehmen. Als Zeichen für ihre Reiseteilnehmer, damit man sich nicht verliert – und als Symbol, dass sich Einsatz lohnt. „Die Tibeter protestieren schon 200 Jahre. So lange machen wird das natürlich nicht.“ Während des Gesprächs dann die nächste Nachricht: Das Oberverwaltungsgericht Münster verfügt einen vorläufigen Rodungsstopp im Hambacher Forst und entspricht damit in einem Eilverfahren dem Antrag des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Das Verbot gilt, bis über die Klage des BUND Nordrhein-Westfalen gegen den Hauptbetriebsplan 2018 bis 2020 für den Braunkohletagebau Hambach entschieden ist. „Das ist ein Teilerfolg“, freut sich Tatjana Tomas. Nun fahren die beiden mit einem ganz anderen Gefühl zu „Singen statt sägen“, die Aktion, die sie heute mit ihrer Anwesenheit unterstützen möchten.

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