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Das könnte in Wehrheim ein gutes Weinjahr werden, wenn der Herbst ein goldener wird.

Reben gedeihen im Taunus

Im Wein liegt die Wahrheit und vielleicht die Zukunft

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Wehrheim ist als Apfeldorf bekannt und für Obstbäume wird einiges getan. In einem Hinterhof in der Pfaffenwiesbacher Straße dominiert indes der Wein.

Er trug ein fantasievoll selbst gemaltes Etikett mit dem klangvollen Namen „Reduser Hinterhof“. In der Flasche war trotz des klangvollen Namens ein saures Gesöff, das jeden Apfelwein in den Schatten stellte und das höchstens als Gag für feucht-fröhliche Feiern geeignet war. Dieses Stöffche wurde in den 70er Jahren gekeltert und vergoren – aus den Trauben eines Weinstocks, der heute noch im Hof in der Gemarkung Redus zwischen Pfaffenwiesbacher Straße und der Straße Am Ried steht. Daher auch der Name „Reduser Hinterhof“. Aus seinen Beeren ist auch später nie ein süffiger Wein geworden, denn für die Süße fehlte den Trauben im kalten Taunus oft der sonnige Herbst.

Der knorrige Stamm des Weinstocks, inzwischen in den 50ern und gerne als Katzen-Kratzbaum genutzt, wächst aus gerade einmal einem Viertel Quadratmeter Erde an die Oberfläche, aber ein Rebstock wurzelt tief. Dieser so tief in den kargen Schieferboden, dass sein grünes Blätter- und Traubendach etwa 15 Quadratmeter Schatten auf eine gemütliche Sitzecke wirft, was an lauen Sommerabenden ein idyllisch-mediterranes Ambiente ergibt. Im kühlen Norden des Taunuskamms ist das etwas Besonderes.

Vor allem, wenn an dicken Ästen und frischen Trieben so viele Trauben hängen, dass sie kaum zu zählen sind. Das wundert auch den Weinbaufachmann aus Rheinhessen, der zweimal im Jahr zu Besuch kommt. Die Trauben sind zwar noch grasgrün, aber schon schön groß und lassen auf eine gute Ernte hoffen, wenn der Herbst so sonnenreich ist wie der Sommer es bisher war. Für Gelee oder Saft sind sie allemal gut und die Amseln freuen sich auch, wenn sie ernten dürfen.

Wenn der Klimawandel so fortschreitet, könnte es zu einem Wettstreit zwischen Amsel und Mensch kommen, und der „Reduser Hinterhof“ zum Geheimtipp werden – das sich zum Weindorf mausern könnte.

So abwegig ist das gar nicht, schließlich gehört der Taunus zum Rheinischen Schiefergebirge, und wenn in Rheinhessen der Wein auf Schiefer wächst, könnte er es doch auch im Taunus, denn harten Schieferboden gibt’s im Norden des Apfeldorfs ebenso wie Wasseradern. Das wäre doch was: Anstatt neuer Baugebiete Weinberge vom Ortsausgang bis zur Schlink. Dort könnten sie nahtlos an die Esskastanien anschließen, von denen Förster Björn Neugebauer im Hinblick auf ein sich veränderndes Klima mit Hilfe der Bürger 2000 Stück gepflanzt hat.

Glaubt man den alten Unterlagen, die Robert Velte, der Archivar des Geschichtsvereins, gefunden hat, ist Weinbau in Wirena übrigens nichts Neues. Die Gemarkung „Wienchen“, gelegen in sonniger Lage östlich des Schießgrabens, könnte ein Hinweis darauf sein. Mehr Gewicht hat seiner Meinung nach aber ein Schreiben aus dem Jahr 1520. Es enthält eine Mahnung aus Altweilnau, endlich die ausstehende Weinlieferung zu erledigen. Bier haben die Wehrheimer ebenso sicher gebraut. Auch hier kommt der Hinweis vom Gemarkungsnamen: „Hoppelänner“, ebenfalls im Osten Wehrheims, aber auch erneut von einem Schriftstück, einer Bestellung von Hopfenstangen, die Velte in alten Unterlagen gefunden hat. „Das Kleinklima war damals wohl dafür geeignet.“

Sollte sich das wiederholen, bietet es ganz neue Perspektiven, und man darf gespannt sein, was daraus wird. In der Pfaffenwiesbacher Straße jedenfalls sitzt inzwischen die vierte Generation unter dem Trauben-Blätterdach, genießt die mediterrane Stimmung und wartet gespannt darauf, ob aus den Trauben im Herbst nicht doch ein süffiger Wein werden kann.

Zu trinken 2019 in der idyllischen Weinecke im Reduser Hinterhof, vielleicht sogar in einer

Straußwirtschaft

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