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Agentur für Arbeit: »Dann helfen wir auch sehr gerne«

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Von: Christoph Agel

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Noch sieht Rainer Kupka wenig Bewegung auf dem Arbeitsmarkt, was Jobs für Ukraine-Flüchtlinge in der Wetterau betrifft. Doch die Arbeitsagentur stehe parat. © Nicole Merz

Die Bereitschaft, Menschen aus der Ukraine hier zu helfen, ist enorm. Doch wie sieht es mit der Integration auf dem Arbeitsmarkt aus? Rainer Kupka, Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit Wetteraukreis, über Angebote, Chancen, Herausforderungen.

Melden sich aktuell Wetterauer Firmen, die gerne Geflüchtete aus der Ukraine einstellen würden?

Ich habe mehrere »Wellen« mitbekommen: die Aussiedlerwelle, den Mauerfall oder auch die Flüchtlingswelle 2015/2016. In solchen Situationen kamen die Arbeitgeber massiv auf uns zu - vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. Jetzt haben sich aber in Bezug auf die Ukraine noch vergleichsweise wenige Arbeitgeber gemeldet. Und wir sind gut vernetzt. Das hat aber einen einfachen Hintergrund: Man weiß, dass überwiegend Frauen mit Kindern kommen, die im Moment andere Probleme zu lösen haben. Das würde völlig anders aussehen, wenn im großen Stil Familien mit Männern kämen.

Rechnen Arbeitgeber bei Männern eher mit Ingenieuren und bei Frauen damit, dass sie nicht so hoch qualifizierte Jobs hatten? Oder liegt es am Thema Kinderbetreuung?

Es geht gar nicht um die Qualifikation der Frauen, da sind bestimmt auch gut qualifizierte Frauen dabei. Da geht es einfach darum, dass die Arbeitgeber wissen: Okay, sie kommen jetzt hierher mit ihren Kindern, sie haben erst mal andere Probleme. Man muss ja erst mal die Kinderbetreuung sichern. Ich glaube, das können die Arbeitgeber ganz gut einschätzen.

Werden die Anfragen von Firmen verzögert kommen?

Ja, heute hat jeder ukrainische Flüchtling Anspruch auf Sprachkursangebote, sobald er von der Ausländerbehörde eine Bescheinigung bekommen hat. Damit ist das Sprachliche komplett abgedeckt, wir als Agentur müssen erst mal nichts in der Richtung machen. Für uns wird es interessant, wenn jemand sagt: »Ich bin jetzt hier, ich will jetzt unbedingt arbeiten, helft mir.« Dann helfen wir auch sehr gerne. Diese Anfragen beschränken sich bisher in der Wetterau auf fünf.

Aber ist jetzt nicht alles unkomplizierter als früher, was die Bürokratie angeht?

Früher durften die Menschen fünf Jahre lang nicht arbeiten. Für Flüchtlinge sind diese Einschränkungen deutlich zurückgefahren worden, man kann arbeiten, sobald die Ausländerbehörde den entsprechenden Aufenthaltsstatus erteilt, was idealerweise schon wenige Wochen nach Einreise möglich ist.

Als Ukrainer hat man doch erst mal das sogenannte Touristenvisum, oder?

Genau, 90 Tage. Aber damit darf man nicht arbeiten. Man darf sich frei in Deutschland bewegen. Ich glaube, viele dieser Menschen, die gerade kommen, müssen sich erst mal sortieren, auch hinsichtlich der Frage, wo sie bleiben. Dann erst kommen wir ins Spiel, dass wir sagen: »Wir helfen dir gerne.« Das würden wir auch hinkriegen, selbst wenn jemand kommt und kein Deutsch spricht, dann finden wir auch Arbeitgeber, bei denen die sprachlichen Barrieren überwunden werden können.

Gibt es aus Arbeitgebersicht auch einen Unsicherheitsfaktor, dass man nicht weiß, wie lange die Menschen bleiben, wann der Krieg endet, ob sie zurückkönnen und -wollen?

Sicherlich sieht es der eine oder andere so, dass man dauerhaft jemanden haben möchte. Aber der Bedarf an Arbeitnehmern, seien es Fachkräfte oder Hilfskräfte, ist ja relativ groß. Man hat als Arbeitnehmer im Moment sehr gute Möglichkeiten. Deswegen wird ein Arbeitgeber auch auf die Gefahr hin, dass derjenige vielleicht in drei Wochen oder Monaten wieder weg ist, kein Problem haben. Wir gehen mal davon aus, dass der Krieg nicht ganz so lange dauert, dann ist die spannende Frage, wie viele dieser ukrainischen Menschen bei uns bleiben möchten.

Ist die Pflege ein Bereich, in dem viele Menschen aus der Ukraine hierzulande eine Arbeitsstelle finden könnten?

Ja, das kann man schon so sagen. Es gibt viele Bestrebungen, aus europäischen und mittlerweile auch aus nicht europäischen Ländern Pflegekräfte nach Deutschland zu holen. Aber ob jetzt eine ukrainische Pflegekraft ohne jegliche Sprachkenntnisse sofort hier als Pflegekraft eingestellt wird, sehe ich eher kritisch.

Könnte es nicht mittel- oder langfristig eine Chance für Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein?

Auf alle Fälle, aber ich bin da immer ein bisschen zwiespältig: Zum Beispiel gibt es mittlerweile in Polen einen Notstand an Pflegekräften. Sie fahren nach Deutschland, das ist zweischneidig. Wichtig ist: Wir behandeln jeden, der zu uns kommt, so, als ob er dauerhaft hier bleiben würde. Wir bieten auch berufsbezogene Sprachkurse an, unternehmen also alles in die Richtung, dass man in Deutschland möglichst eine Ausbildung macht und als Fachkraft arbeitet. Das kostet alles Geld, aber das macht die Bundesagentur wirklich gerne.

Es wird immer wieder gesagt, dass die aktuelle Situation eine ganz andere sei als die 2015/2016.

2015/16 waren alle Geflüchteten Asylbewerber. Die Ukrainer beantragen kein Asyl. Man rät ihnen dringend davon ab, weil man sagt: »Ihr könnt sowieso bleiben, solange da Krieg ist.« Der große Unterschied ist: Der Personenkreis, der 2015/16 kam, war in der Gemeinschaftsunterkunft und hatte den ganzen Tag nichts zu tun. Denen konnten wir helfen, mit Sprachkursen und all solchen Dingen. Deshalb habe ich damals massiv Werbung gemacht, habe gesagt: »Gebt mir einen Lebenslauf, dann laden wir sie ein, dann zahlen wir ihnen einen Sprachkurs.« Das brauche ich im Moment nicht, weil ein Sprachkurs sichergestellt ist. Wir als Agentur kommen nur ins Spiel, wenn es um die Arbeitsaufnahme geht. Es ist natürlich auch denkbar, es kommt heute ein Ukrainer, der gut Deutsch spricht und sowieso hier bleiben möchte, dann würden wir versuchen, ihm eine Ausbildung zu ermöglichen.

Die kulturelle Nähe zu den Ukraine-Flüchtlingen ist eine andere als die zu den 2015/2016 Geflüchteten. Macht das nicht auch die Integration auf dem Arbeitsmarkt einfacher?

Damals gab es auch sehr viele Arbeitgeber, die Interesse an Flüchtlingen aus Ländern wie Afghanistan, Somalia, Syrien hatten. Den meisten Arbeitgebern geht es einfach nur um die Grundeinstellung. Sind sie lernwillig, sind sie bereit, möchten sie? Da ist es gar nicht mal entscheidend, woher sie kommen, der Fachkräftebedarf in einigen Bereichen ist sehr hoch. Wenn jemand sagt »Für Flüchtlinge macht man zu wenig, sie sind benachteiligt«, dann sage ich: »Du kannst uns jeden schicken, wir helfen ihm, wie wir es mit jedem anderen auch machen.« Wobei 2015/16 viel mehr Arbeitgeber hier angerufen und speziell nach Flüchtlingen gefragt haben als es im Moment noch der Fall ist.

Stand jetzt gibt es da also noch eine Stagnation auf dem Arbeitsmarkt. Eine, die nicht damit zusammenpasst, wie gut es privat mit der Aufnahme und der Hilfe läuft?

Der Kriegsbeginn ist fünf Wochen her, das ist alles im Anfangsstadium. Wir werden da mehr zu tun bekommen, ich werde verstärkt versuchen, mehr Ukrainer zu erreichen, die hier gerne arbeiten möchten. Stand heute ist aber noch wenig geschehen. Sollten Fragen wie Unterkunft, Kinderbetreuung geregelt sein, werden wir deutlich mehr helfen können.

Haben Sie gewisse Berufe im Blick, bei denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gut zusammenkommen würden?

Ja, Bedarfe gibt es in fast allen Branchen, bekannt ist mir ein Fall einer Bäckereiverkäuferin, die ohne deutsche Sprachkenntnisse eingestellt wurde. Ansonsten muss man es abwarten, es kann genauso gut eine Firma sein, in der russische oder ukrainische Sprachkenntnisse vorhanden sind.

Haben Sie Sorgen, dass viele Menschen keinen Job bekommen?

Da habe ich keine Sorgen. Wenn eine Frau zwei Kinder, vier und fünf Jahre alt, hat, dann kann sie sie in eine Tageseinrichtung geben, das muss sie aber nicht. Wenn sie sagt, sie will und kann nicht arbeiten, dann ist das auch okay. Dann bekommt sie trotzdem ihre Leistung zum Lebensunterhalt. In Interviews sagen viele, dass sie, wenn sie sich hier eingefunden haben, auch arbeiten möchten. Dann müssen wir da sein. Ich bin zuversichtlich dass wir Möglichkeiten finden, sie auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen.

Die Angebote sind also da, die Behörden vorbereitet?

Wir stehen parat und haben veranlasst, dass alle Ukrainer, die jetzt kommen, auf einen Vermittler konzentriert werden, damit wir einen Überblick haben. Ich kann mir schon vorstellen, dass ein Teil der jetzt kommenden Menschen auch dauerhaft in Deutschland bleiben möchte. Da kommen wir dann ins Boot. Mal angenommen, wir bringen heute jemanden in Ausbildung und in zwei Wochen hört der Krieg auf, dann wird er zumindest hier noch seine Ausbildung fertig machen dürfen. Da ist der Gesetzgeber immer recht flexibel.

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