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»Alle Jahre wieder«: Annett Renneberg begeistert in Wolf mit Weihnachtlichem

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Das Fest der Liebe mit all seinen Höhen und Tiefen, Glanzlichtern und Fallstricken war beherrschendes Thema in Annett Rennebergs Leseprogramm »Alle Jahre wieder«. © Ingeborg Schneider

Zwischen Festharmonie und Karpfenstreit: Mit ihrem Programm »Alle Jahre wieder« hat Schauspielerin, Sängerin und Rezitatorin Annett Renneberg ihr Publikum bei »Büdingen belesen« begeistert.

Volle Sitzreihen im Dorfgemeinschaftshaus Wolf - »und die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer sind mutmaßlich allein Ihretwegen hier«, so begrüßte Andreas Matlé, Pressesprecher und Kulturorganisator der Ovag die Schauspielerin, Sängerin und Rezitatorin Annett Renneberg zu einer neuen Folge der Reihe »Büdingen belesen«.

Eine Terminüberschneidung in der Büdinger Willi-Zinnkann-Halle hatte die Verlegung auf einen »Außenposten« notwendig gemacht, doch das Wolfer Publikum empfing die beliebte Signorina Elettra Zorzi aus den Commissario-Brunetti-Verfilmungen mit überaus herzlichem Applaus.

Zusätzlich sorgte ein rasch herbeigebrachtes Teelicht für den Lesetisch für die erforderliche vorweihnachtliche Atmosphäre. Denn das Fest der Liebe mit all seinen Höhen und Tiefen, Glanzlichtern und Fallstricken war beherrschendes Thema in Rennebergs Lese-Programm »Alle Jahre wieder«.

Mit ihrer geschulten, nuancenreichen und auch im Bereich Hörbuch hochgeschätzten Stimme schlug die gebürtige Thüringerin und Mutter zweier Söhne den Saal vom ersten Augenblick an in ihren Bann.

Als Einstieg wählte sie die humorvoll überspitzte Geschichte »Ich liebe Schnee!« einer unbekannten Verfasserin, die am neuen ländlichen Wohnort unter anfänglich freudig begrüßten Schneemassen nacheinander Haus und Hof, Ehe, Freundschaft und schließlich den Verstand verliert.

Es folgten Gedichte und Geschichten der Literaten und Satiriker Robert Gerhardt (»Ich bin Erika«), Klaus-Peter Schreiner (»Der Tannenbaum spricht«), Daniel Glattauer (»Weihnachtskrisen«), Vicco von Bülow alias Loriot (»Advent«) sowie unter anderem von James Krüss (»Die Weihnachtsmaus«), Erich Kästner (»Felix holt Senf«), Joachim Ringelnatz, Iris Macke, Donna Leon und William Sydney Porter alias O. Henry (»Das Weihnachtsgeschenk).

Viel Kopfnicken aus dem Publikum

Über Jahrhunderte hinweg entfaltete Annett Renneberg auf diese Weise ein reiches Spektrum weihnachtlicher Aspekte: vom Zwang zur Harmonie zwischen Erst-, Zweit- und Drittfamilie bis zum Karpfenstreit und der Knotenprobe beim Verpacken, vom pflichtbewussten bis zum herzzerreißend ernst gemeinten Schenken, vom drehenden Christbaumständer, der die festlich geschmückte Fichte unversehens in einer Kugel-Kerzen-Zentrifuge verwandelt, bis zur nachtschwarzen Loriot-Lyrik rund um den Gattenmord im verschneiten Försterhaus.

Das Publikum folgte der Rezitatorin mühelos, begeistert und mit viel Zustimmung und Kopfnicken, sowohl, was die familiären Weihnachtsdesaster anging als auch, wenn es um die tiefsten Inhalte des Festes ging.

Denn tatsächlich - und im Gegensatz zu vielen »besinnlichen« Plätzchen-Kerzen-Lesungen dieser Tage - blieben die Geburt Christi und die Berührung von Himmel und Erde keineswegs außen vor.

Da erkundeten Ochs und Esel als »entkörperte Säugetiere«, was aus der ersten bescheidenen, aber überwältigen Weihnacht vor 2022 Jahren inzwischen geworden sei. Da war bei Ringelnatz das wichtigste Geschenk der Schenkende selbst.

Und Iris Macke, Theologin, Journalistin und Teil des Hamburger Teams »Andere Zeiten«, lud zum »Perspektivwechsel« ein: Ihr auf den ersten Blick ernüchtertes und pessimistisch gestimmtes Adventsgedicht gewann, zeilenweise von unten nach oben gelesen, einen völlig anderen Sinn und ließ eine gerade in der aktuellen Krisenzeit dringend notwendige Hoffnung aufscheinen, »dass ich den Weg nach innen finde, dass ich mit anderen Augen sehen kann, dass etwas Größeres in meine Welt hineinscheint«.

Weihnachtslieder zum Abschluss

Berührend auch die Erzählung »Felix holt Senf« von Erich Kästner um die weihnachtliche Rückkehr eines verlorenen Sohnes nach Jahren und die geniale Kurzgeschichte »Das Weihnachtsgeschenk« von O. Henry, in deren Verlauf das junge, mittellose Ehepaar Della und Jim seinen jeweils kostbarsten Besitz hingibt, um dem anderen eine Freude zu bereiten.

Derart von Annett Rennebergs in tief bewegende Gedanken und Emotionen geführt, freute man sich abschließend, gemeinsam mit der ausgebildeten Sängerin »O du fröhliche« und »Stille Nacht« zu intonieren und dabei sämtliche Klippen von Text und Melodieführung elegant zu umschiffen.

Der Abend endete mit begeistertem Applaus für eine Lesung mit Herzblut, Witz, Menschenfreundlichkeit und großem Können, die einem traditionsreichen Fest frischen Glanz verliehen hatte.

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