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Als der Krieg nach Bellmuth kam

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Techniker bei Wartungsarbeiten an der Boeing B-17-G »Stormy Weather« (Seriennummer 42-31621) in Snetterton Heath, England. Von dort aus war der Bomber am 12. Mai 1944 auch gestartet und hierhin sollte die Besatzung am Abend zurückkehren. Das Flugzeug stürzte aber unter Flakbeschluss von Frankfurt aus bei Bellmuth ab. FOTO: THUM/BELLMUTH.INFO © Ingeborg Schneider

Der Krieg in der Ukraine ruft bei Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs teils drastische Erinnerungen wach. Eine solche, den Absturz eines Bombers nahe Bellmuth, griffen die Macher von bellmuth.info auf.

D er 12. Mai 1944 ist ein schöner Frühlingstag mit strahlend blauem Himmel über dem Laisbachtal - als der Zweite Weltkrieg dem beschaulichen Dorf Bellmuth auf einmal ganz nahe rückt. Ein amerikanischer Bomber stürzt nahe des Orts ab.

Der damals 35-jährige Landwirt und Bürgermeister des Ortes, Heinrich Thum II., ist mit seinem Pferdegespann in Richtung Schwickartshausen aufgebrochen, um seine dortigen Wiesen zu düngen. Gegen Mittag will er wieder zurück sein. Seine Mutter Lina bereitet das Mittagessen für die kleine Familie mit ihrem Ehemann Heinrich I. und dem gemeinsamen Sohn vor. Gegen 12.30 Uhr geht sie über den Hof zum Hausgarten, um Schnittlauch zu holen. Auf dem Rückweg nimmt sie ein dröhnendes Geräusch wahr, blickt erschrocken nach oben und sieht einen schweren amerikanischen Bomber mit brennendem Motor in geringer Höhe über ihre Scheune fliegen. Dann ein ohrenbetäubender Krach, eine Stichflamme und viel Rauch. Die Maschine stürzt in die Böschung vor dem Heglingswald, nur gut 200 Meter vom Ortsrand entfernt. Hätte sich das Unglück im Dorf ereignet, wäre Bellmuth innerhalb kürzester Zeit ein Flammenmeer gewesen.

Erinnerungen von Augenzeugen

Dieses dramatische Ereignis und viele Fakten rund um den Absturz des US-Bombers Boeing B-17 mit dem Namen »Stormy Weather - Stürmisches Wetter« schildert Werner Thum als Sohn und Enkel der damaligen Augenzeugen in der jetzt erschienenen Ausgabe des Online-Journals bellmuth.info. Die Tatsache, dass ein scheinbar weit entferntes Kriegsgeschehen auf einmal ganz nahe rückt, ist angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine hochaktuell und weckt Erinnerungen in den letzten noch lebenden Zeugen des Zweiten Weltkriegs.

Auch Bellmuth ist im Frühling 1944 nicht mehr so beschaulich, wie der äußere Anschein es vorgibt: Der junge Robert Feyh ist bereits bei Kiew gefallen, Hermann Köhler ist vermisst und wird nie zurückkehren, fünf weitere Bellmuther Soldaten lassen bis Kriegsende ihr Leben.

Was in solchen Erzählungen manchmal außen vor bleibt, in bellmuth.info aber ausführlich besprochen wird, ist die Tatsache, dass Nazideutschland selbst den ersten brutalen Streich führte und zahlreiche andere Nationen angegriffen hatte. Mit der verheerenden Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad wendete sich der Kriegsverlauf. Die Front wanderte in Richtung Westen, das Kriegsgeschehen mit all dem damit verbundenen Leid fand nun auch auf deutschem Boden statt.

Ziel der »Stormy Weather« und ihrer Bomberformation war am Morgen des 12. Mai 1944 Ostdeutschland und dort die deutschen Treibstoffwerke im Raum Leuna-Merseburg und Brüx bei Zwickau. Die Maschinen waren vom Luftwaffenstützpunkt Snetterton Heath in Norfolk, England, gestartet, beim Überflug von Frankfurt von der dortigen Flugabwehr gesichtet, verfolgt und unter Beschuss genommen worden.

bellmuth.info berichtet detailliert über die Herkunft und das Schicksal der zehnköpfigen Flugzeugbesatzung: Pilot Charles W. Filer war durch den Beschuss schwer verwundet, sein Kopilot Fred K. LaVigna bereits tot, die Bordschützen Carl E. Brogren und Fred R. Beck sowie Flugzeugingenieur Lido R. Mochetti starben beim Aufprall. John H. Dink, George L. Turcott, Charles E. Williams, Charles V. Pince und Charles W. Thornhill konnten sich per Fallschirm retten, mindestens ein Soldat landete dabei in Bellmuth, wo nur das besonnene Eingreifen von August Grauling und Heinrich Harnischfeger einen Lynchmord an dem Mann verhinderte. Einen zweiten Soldaten entdeckte man verborgen in einem Gebüsch nahe des Effolderbacher Tunnels, der Verbleib der drei anderen Besatzungsmitglieder ist ungewiss.

Letzte Ruhe in Arlington

Das pietätlose spätere Verscharren der nicht mehr zu identifizierenden sterblichen Überreste der fünf Toten wird im Beitrag nicht ausgespart. Ebenso berichtet bellmuth.info über die Anreise der Angehörigen nach Kriegsende, die Exhumierung und letztliche Überführung auf den US-Nationalfriedhof in Arlington, wo die Besatzung der »Stormy Weather« ihre letzte Ruhestätte fand. Abschließend äußern die Brüder Thum den Vorschlag, an der Absturzstelle eine Gedenktafel zur Mahnung an künftige Generationen und als Aufruf zum Frieden anzubringen.

Neben diesem ernsten Schwerpunktthema enthält die aktuelle Ausgabe von bellmuth.info auch Heiteres und Anekdotenhaftes. Unter anderem finden sich »Bellmeder Sprich« und ein Bericht über die Verlegung »der Bach« in den 50er Jahren.

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Grabstätte der beim Absturz ums Leben gekommene Besatzung mit Charles W. Filer, Fred K. LaVigna, Lido R. Mochetti, Carl E. Brogren und Fred R. Beck auf dem Arlington-Nationalfriedhof bei Washington. John H. Dink, George L. Turcott, Charles E. Williams, Charles V. Pince und Charles W. Thornhill konnten sich per Fallschirm retten. FOTO: THUM/BELLMUTH.INFO © Ingeborg Schneider

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