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Altenstadt: Feingefühl und viel Geduld beim Restaurieren im Kloster Engelthal

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Von: Sabrina Dämon

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Heidi Trützler ist schon seit einer Weile ehrenamtlich in der Werkstatt tätig. © Sabrina Dämon

Jedes Kunstwerk, das nach Engelthal kommt, hat seine eigene Geschichte. Damit diese »Zeitzeugen« erhalten bleiben, bleiben Restaurierungen nicht aus. Zum Tag des offenen Denkmals öffnet Schwester Johanna Stüer die Werkstatt-Türen.

Die Zeit hinterlässt Spuren: An der hölzernen Marienskulptur ist die Farbe abgeblättert. Auf dem Porträt eines Bichofs ein Riss - mitten in seinem Gesicht. Und der Holzrahmen ist von Schädlingen angefressen. Die Restaurierungswerkstatt im Kloster Engelthal steht voll mit solchen »Patienten«: alte Kunstwerke, manche von ihnen bis zu 700 Jahre alt, manche »nur« 200, die den ein oder anderen Makel haben. Sie alle werden in das Altenstädter Kloster gebracht, um dort restauriert zu werden.

Restaurieren bedeutet »in erster Linie, zu konservieren und den Bestand zu erhalten«, sagt Schwester Johanna Stüer. Es geht nicht darum, etwas Neues zu erschaffen oder dem Kunstwerk als Restaurator seinen Stempel aufzudrücken.

Restaurierung im Kloster Engelthal: Kunstwerke aus Barock oder Gotik

Im Gegenteil: »Der Restaurator tritt hinter das Werk zurück.« Wenn Risse ausgebessert und Fehlstellen retuschiert werden, »muss alles in sich stimmig sein - damit es zu dem Gesamtwerk passt«.

Die meisten Kunstwerke, hauptsächlich christliche Kunst, stammen aus der Gotik oder aus dem Barock. Sie zu restaurieren, erfordert viel Feingefühl und Geduld.

Seit 1984 gibt es die Restaurierungswerkstatt in Kloster Engelthal. Dass sie eingerichtet worden ist, hatte damals praktische Gründe, erzählt Schwester Johanna. »Klöster sind immer darum bemüht, ihren eigenen Lebensunterhalt zu erwirtschaften.« Und die Benediktinerinnen suchten damals nach einem neuen Erwerbszweig. Die Empfehlung, eine Restaurierungswerkstatt einzurichten, kam von der Diözese Mainz, zu der auch das Altenstädter Kloster gehört.

Der Plan wurde umgesetzt, die Werkstatt eingerichtet, eine Nonne für die Arbeit an den alten Kunstwerken ausgebildet. Schwester Johanna stieg später ein - sie machte ein Diplom als Restauratorin. Heute leitet sie die Werkstatt.

Restaurierung im Kloster Engelthal: Ehrenamtliche Unterstützung

An manchen Tagen bekommt sie Unterstützung. Ehrenamtliche Helfer, die schon viele Jahre dabei sind und Erfahrung haben ebenso wie professionelle Kräfte, etwa eine Vergolderin oder eine Bildhauerin.

Die meisten Restaurierungs-Aufträge kommen aus Mainz, da die Werkstatt als Filialbetrieb dem Dom- und Diözesanmuseum Mainz angeschlossen ist. Kürzlich halfen die Engelthaler Restauratoren zudem dabei, Kunstwerke aus dem Ahrtal von den Flutschäden (Schimmel, Lehm) zu befreien.

Restaurierung im Kloster Engelthal: Ältestes Werk aus dem 14. Jahrhundert

Wie viele zu restaurierende Bilder und Skulpturen es in den vergangenen fast 40 Jahren gewesen sind? Das ist nicht mehr zählbar, sagt Schwester Johanna. Das älteste Kunstwerk, an dem sie in der Werkstatt gearbeitet hat, stammt aus dem 14. Jahrhundert - eine Skulptur aus Ingelheim.

Für die Arbeit an den Werken gibt es viele Materialien und Werkzeuge - wie zum Beispiel Farben und Füllstoffe, Pinsel und Radierer. Es ist wichtig, erklärt die Schwester, die richtigen Materialien zu nehmen. »Viele Kunstwerke sind oft nicht durch ihr Alter kaputtgegangen, sondern durch unsachgemäße Restaurierung.« Zu scharfe Lösungsmittel können zum Beispiel den Untergrund, also Teile des ursprünglichen Bildes, zerstören. Oder wenn etwas gekittet wird, muss sich die Kittstelle gut einpassen.

Restaurierung im Kloster Engelthal: 150 bis 200 Stunden Arbeit

»Wir benutzen hier kein Uhu oder Pattex«, sagt Peter Stroh schmunzelnd. Der Altenstädter Rentner kommt seit vielen Jahren einmal pro Woche zur ehrenamtlichen Mitarbeit in die Werkstatt. Ursprünglich hatte er einmal das Malerhandwerk erlernt, sich dann weitergebildet zum Lackingenieur.

Irgendwann, erzählt er, besuchte er einen Tag der offenen Tür in der Engelthaler Werkstatt - und war begeistert. Wenn Hilfe gebraucht werde, sagte er zur Schwester, solle sie gerne anrufen. Sie rief an - und seither ist Stroh im Restauratoren-Einsatz.

Zurzeit arbeitet er an einem Gemälde, in dem kleine Risse sind. Dazu reinigt er es zuerst: mit einem Radierschwamm und mit Watte. Anschließend werden die Risse gekittet und schließlich retuschiert.

Auch Heidi Trützler kommt einmal pro Woche nach Engelthal, um ehrenamtlich zu restaurieren. »Wir haben gemeinsam schon viele Sachen gemacht«, erzählt die Friedbergerin. »Es ist immer wieder sehr interessant.«

Und es ist zeitaufwendig: Für einige Kunstwerke, die zurzeit in Arbeit sind, schätzt Schwester Johanna, braucht es circa 150 bis 200 Stunden.

Jedes einzelne hat seine eigenen Herausforderungen - und seine eigene Geschichte. »Die Kunstwerke sind wichtige Zeitzeugen.«

Wer an der Führung durch die Werkstatt teilnehmen möchte (Sonntag, 11. September), muss sich aus Platzgründen (max. zehn Personen pro Führung, insgesamt zwei Führungen) anmelden. Ulla Schmidt vom Freundeskreis Kloster Engelthal ist dafür zuständig (das Kloster nimmt keine Anmeldungen an) unter Tel. 01 76/51 15 70 76.

Info: Offene Denkmäler

Am Sonntag, 11. September, öffnen zahlreiche Denkmäler ihre Türen für Besucher. Hier die Übersicht für die Wetterau:

Bad Nauheim

Synagoge: Führung zur Geschichte der Synagoge um 11 Uhr.

Sprudelhof: Baustellenführung um 14 und 16 Uhr; Anmeldung bei der Tourist-Information.

Friedberg

Georgskapelle : geöffnet von 14 bis 17 Uhr.

Nidda

Kurpark mit Kuranlage Bad Salzhausen: geöffnet von 10 bis 17 Uhr, Sommerkonzert, Kneipp- und Gesundheits-Programm, Schnupper-Erlebnisführungen und mehr.

Bad Vilbel

Ev. Auferstehungskirche : Führung um 16 Uhr.

Büdingen

Herrnhaag mit Lichtenburg : Führungen durch das Grafenhaus um 11, 12.30, 14 und 15.30 Uhr.

Großes Bollwerk mit Hexenturm : geöffnet von 11 bis 17 Uhr.

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Peter Stroh aus Altenstadt kommt einmal wöchentlich in die Restaurierungswerkstatt, um mitzuarbeiten. © Sabrina Dämon
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Schwester Johanna Stüer vom Kloster Engelthal hat ein Diplom als Restauratorin. © Sabrina Dämon

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