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Altenstadt: Von der Hauptschule zum Abitur - Vier Schülerinnen haben es geschafft

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Lisa Tuscher, Teresa Moder, Leonie Schiefelbein und Naomi Ivasca (v. l.) haben’s geschafft: von der Hauptschule zum Abitur, beharrlich und fleißig. Leicht war der Weg nicht. © Jürgen Backöfer

Trotz der oft zitierten Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems ist der Aufstieg in eine höhere Schulform noch immer schwer. Hauptschüler kämpfen mit vielen Vorurteilen.

Als Lisa Tuscher (19) nach der Förderstufe in den Hauptschulzweig wechselte, »haben mir alle das Gefühl gegeben, das wäre das Ende, und ich habe mich gefragt, weshalb ich mich dann überhaupt anstrengen soll«. Auch Teresa Moder (19), damals ein schüchternes, stilles Kind, war »am Boden zerstört«, als sie eine Empfehlung für die Hauptschule bekam. Aufgerichtet habe die Mädchen ihr Klassenlehrer Uwe Sommerfeld, der damals den Hauptschulzweig der Altenstädter Limesschule leitete. Er habe seinen Schülern Mut gemacht: Wenn ihr euch anstrengt, könnt ihr auch das Abitur schaffen.

Kein leeres Versprechen, wie sich zeigen sollte. Lisa und Teresa haben die Allgemeine Hochschulreife jetzt tatsächlich in der Tasche. Auch Leonie Schiefelbein und Naomi Ivasca, ehemalige Hauptschülerinnen haben am Samstag in Altenstadt ihr Abiturzeugnis rehalten. Sie sind eine Ausnahme in der Schullandschaft. Hinter ihnen liegt nicht nur monatelanges Lernen unter Pandemiebedingungen, ihren Erfolg verdanken sie harter Arbeit und großem Fleiß über Jahre hinweg. Während der Abstieg vom Gymnasium bis zur Hauptschule mitunter schnell gehen kann, ist der umgekehrte Weg mühsam. Bildungserfolg hängt, das zeigen diese vier Beispiele, entscheidend ab von der Begleitung durch engagierte Lehrerinnen und Lehrer und vom Rückhalt in den Familien.

Altenstadt: »Mit Abitur hat man einen anderen Wert«

»Hauptschüler sind die Dummen, die, die nichts hinkriegen.« Leonie fasst ihre frühe Schulerfahrung knapp zusammen. Sie hatte in der Sekundarstufe I nie das Gefühl, eine Chance zu haben. Zwei Monate vor dem Ende der neunten Klasse wechselte sie von der Geschwister-Scholl-Schule in Assenheim an die Limesschule. »Das hat mich gerettet, an der anderen Schule hätte ich den Abschluss nicht geschafft«, sagt sie. In Altenstadt habe sie Lehrer getroffen, die sie ermutigt hätten: Streng dich an, dann kriegst du das auch hin. Und Leonie startete durch. Nach dem Hauptschulabschluss machte sie an der Eugen-Kaiser-Schule in Hanau den Realschulabschluss, kehrte zurück nach Altenstadt und paukte sich durch drei Jahre Oberstufe. »Ich wollte beweisen, dass ich es kann.« Jenen Lehrern, die ihr nichts zugetraut hätten, aber auch den Freunden. »Mit Abitur hat man einfach einen anderen Wert.«

Sie habe Leonie kennengelernt als eine »Leseratte«, sagt Deutschlehrerin Tanja Schäfer-Auth, »das war alles topp«. Defizite habe sie im Schreiben gehabt, beispielsweise habe sie nicht gewusst, wie man einen Aufsatz gliedert. Solche Lücken aufzuarbeiten, sei wichtig beim Aufstieg in eine höhere Schulform, aber schwierig im schulischen Alltag umzusetzen und hänge vom Engagement der Schüler ab.

Altenstadt: Schülerinnen können sich gegenseitig motivieren

Naomi, deren Familie aus Rumänien stammt, kam als DaZ-Schülerin (Deutsch als Zweitsprache) an die Limesschule. »Mach mal Hauptschule, mehr schaffst du nicht«, habe man ihr zu verstehen gegeben. Keine Option für Naomi, die, seit sie denken, kann, Tierärztin werden will. Sie boxte sich durch bis zum Abitur und habe sich immer »beweisen müssen«.

Gemeinsam mit Lisa und Teresa hat sie in Hanau am Schulzentrum Hessen-Homburg das zehnte Hauptschuljahr, das es an der Limesschule nicht gibt, besucht und den Realschulabschluss erworben. »Anfangs haben wir manchmal gedacht, das packen wir eh nicht«, erinnert sich Lisa, »aber wir haben uns immer gegenseitig motivieren können.«

Um 5 Uhr früh mit dem Bus nach HanauUm fünf Uhr morgens hieß es raus aus den Federn, damit sie rechtzeitig mit dem Bus in Hanau waren. Kamen sie um 17 Uhr heim, war die Schule nicht abgehakt, dann hieß es Hausaufgaben machen, Unterrichtsstoff nacharbeiten.

Altenstadt: »Deswegen ist man ja nicht dümmer«

»Man braucht mehr Zeit zum Lernen«, sagt Leonie, »aber deswegen ist man ja nicht dümmer«. Als sie in der Oberstufe die obligatorische zweite Fremdsprache lernen mussten, kam ihnen gelegen, dass Naomi, bevor sie nach Deutschland kam, zehn Jahre in Spanien gelebt hat. Dank Naomi haben alle auch den Spanisch-Unterricht gewuppt.

Im Nachhinein, meint Lisa, sei der Umweg vielleicht sogar der bessere Weg. »Auf dem Gymnasium sind viele, die dorthin gepusht wurden. Die wissen gar nicht, was sie wollen. Wir hatten immer eine Option aufzuhören oder weiterzumachen.«

Altenstadt: So geht es für die Schülerinnen weiter

Und wie geht es nun weiter? »Einfach ist langweilig«, findet Leonie. Sie verlässt die Schule mit großem Vertrauen in die eigene Kraft und fährt zweigleisig weiter: mit einer Ausbildung zur Physiotherapeutin und einem Studium der Therapiewissenschaften. Naomi hat sich für einen Studienplatz in Tiermedizin beworben, auch wenn der Abi-Schnitt dafür nicht reicht. »Ich probier’s trotzdem. Klappt es nicht, studiere ich zuerst Biologie.« Teresa möchte Modedesign studieren und Englische Literatur, zunächst aber ein Jahr Pause einlegen und Geld verdienen. Lisa ist sich noch nicht sicher, wohin sie ihr Weg führen wird, »aber mit dem Abitur habe ich jetzt die freie Auswahl«.

Mit ihren besonderen Schulbiografien wären sie doch prädestiniert für den Lehrerberuf. Alle vier winken ab. »13 Jahre Schule sind wirklich genug«, sagt Teresa.

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