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9-Euro-Ticket: Mann fährt aus der Wetterau bis nach Rügen

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Die Fahrt mit dem 9-Euro-Ticket von der Wetterau bis an die Ostsee stellt sich als große Anstrengung heraus. © pv

Mit dem 9-Euro-Ticket ans Meer: Diese Idee setzt ein Mann aus der Wetterau in die Tat um und fährt mit dem Regionalverkehr auf die Ostsee-Insel Rügen.

Überfüllte Züge, verspätete Züge, gesperrte Wagen und nur selten ein Sitzplatz. Boris Meinzer aus Altenstadt in der Rhein-Main-Region hat ausprobiert, wie es ist, wenn man mit dem Neun-Euro-Ticket auf Reisen geht.

Herr Meinzer, Sie sind am Freitagmorgen zu einer irrsinnigen Reise mit dem Neun-Euro-Ticket aufgebrochen. Wohin?

Ich fragte mich: Mit wie viel Zügen kommt man nach Rügen? Jetzt weiß ich: Es sind elf Stück.

Wann ging es los?

Um 6.46 Uhr früh daheim in Altenstadt. Und das war auch das einzige, was geklappt hat.

Was lief denn schief?

Laut Reiseplan sollte ich um 18.55 Uhr in Binz auf Rügen ankommen. Damit ich noch locker eine Runde in der Ostsee baden kann. Aber schon beim ersten Umsteigen in Heldenbergen hatte ich den ersten Zugausfall.

Was war passiert?

Der Zug musste repariert werden. So ging es den ganzen Tag weiter. Es gab Zugausfälle, jede Menge Verspätungen, gesperrte Wagen wegen kaputter Klimaanlage. Dadurch waren alle Züge proppenvoll. Wenn ein Zug ausfällt, drängt in den nächsten ja die doppelte Menge an Passagieren.

Fahrt mit 9-Euro-Ticket: „Härter als jede Prüfung im Dschungelcamp“

Konnten Sie mal sitzen?

Teilweise. Zwischen Kassel und Göttingen saß ich auf dem Boden zwischen Punks, die nach Sylt gefahren sind. Die wollen da zwei Wochen bleiben.

Sahen Sie auch Fahrgäste, die so kühn waren, am Freitag ihre Fahrräder mitzunehmen?

Die gab es auch. Auch Leute mit großen Koffern und sperrigen Rucksäcken. Ich weiß jetzt, warum es »Nahverkehr« heißt. Man kommt seinen Mitmenschen in diesen Zügen sehr nah.

Was zieht man dazu an?

Am besten ein gutes Nervenkostüm. Und natürlich eine Maske.

Und wie fühlt sich das an?

Es war härter als jede Prüfung im Dschungelcamp. Man steht in den Gängen. Es ist eine stickige Luft, gefühlt 80 Grad. Ich dachte: Gleich kommt der Saunameister und macht einen Aufguss.

Älteren Leuten würde ich komplett davon abraten, am Wochenende mit dem Nahverkehr eine Fernreise zu machen. Das ist Stress pur. Ich habe ein Buch dabei gehabt, kam aber nicht einmal dazu, den Titel zu lesen. Du hoffst und bangst, dass Du den Anschlusszug kriegst. Aber der ist dann schon weg. Dann musst du in dein Handy gucken und eine Alternativroute suchen. Auf dem Bahnhof dann der Sprint über volle Bahnsteige von Gleis eins zu Gleis 13.

Langstrecke mit dem 9-Euro-Ticket: Mann aus Wetterau passiert 84 Bahnhöfe

Wie viel Zeit kalkulierten Sie denn für den Umstieg?

Es war von fünf bis zwanzig Minuten alles dabei. Die fünf Minuten konnte man komplett vergessen.

Die Ankunft um 18.55 Uhr klappte nicht?

Nein Ich bin um 22.55 Uhr angekommen. Es war stockdunkel. Ich bin dann noch ans Meer. Am nächsten Morgen hab ich mir den Sonnenaufgang angeguckt. Es war eine kurze Nacht.

Hat sich das alles denn gelohnt?

Es war ja darauf angelegt, dass es eine verrückte und auch »bescheuerte« Reise werden würde, mit dem Nahverkehr nach Rügen zu reisen. Das sind immerhin gut 800 Kilometer.

Und Google Maps verzichtet gleich darauf, bei der Routen-Suche für Bahnstrecken die Fahrtzeit zu nennen. Wie viele Bahnhöfe haben Sie passiert?

Es waren 84 Stück. Viele von denen habe ich ja persönlich kennengelernt. Von Friedberg ging es nach Kassel. Da war eine Stunde außerplanmäßiger Halt. Ich kaufte mir in einer Metzgerei eine Stracke als Reiseproviant. Dann ging es weiter Richtung Göttingen, Hannover, Lüneburg, Uelzen, weiter nach Rostock und Stralsund.

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jub_meinzer3_130622_4c © pv

9-Euro-Ticket: Von der Wetterau bis nach Rügen nur eine Kontrolle

Sind Sie mal kontrolliert worden?

Ja. Aber erst gegen 21 Uhr im letzten Zug, der ein bisschen leerer war. Vorher habe ich keinen einzigen Zugbegleiter gesehen. Die wissen auch, warum.

Und jetzt sind Sie auf dem Rückweg? Im Hintergrund höre ich Bremsen kreischen.

Ja. Aber diesmal nehme ich Fernzüge. Es ist erst Nachmittag, und ich stehe schon in Fulda. Hier ist der erste Umstieg seit Binz. Die Bahn kann auch anders. Ein wirklich angenehmes Reisen. Allerdings kostet der Spaß dann zwischen 136 und 150 Euro. Die Gesamt-Fahrzeit auf dem Rückweg sind knapp neun Stunden. Das würde ich mit dem Auto nur ohne Pause und Stau schaffen.

Was raten Sie nun Leuten, die das Neun-Euro-Ticket nutzen wollen?

Es ist ja eigentlich für die Pendler gedacht. Trotzdem kann man damit einen schönen Ausflug machen. Aber ich empfehle, nur Strecken zu nehmen, auf denen man maximal dreimal umsteigen muss. Planen Sie die Fahrt so, dass für den Umstieg mindestens eine halbe Stunde Zeit ist. Und fahren Sie lieber zwischen Montag und Donnerstag.

Sollte das Neun-Euro-Ticket zur Dauereinrichtung werden?

Eher nicht. Die Massen-Fahrten an Wochenenden kann man nur mit viel Humor genießen. Besser wäre es, die allgemeinen Fahrpreise herunterzusetzen. Dann wäre der Zug eine echte Alternative zum Auto.

Wer mit dem 9-Euro-Ticket lange Strecken zurücklegen möchte, sollte sich vorab erkundigen. Denn das 9-Euro-Ticket gilt nicht auf allen Routen in Deutschland.

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