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Altes Handwerk und neue Kirchen

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Der Forellenbrunnen am einzigen noch regelmäßig genutzten Backhaus in Gedern ist eine der Stationen des historischen Stadtrundgangs. © Oliver Potengowski

Mit einem Empfang und einem Rundgang zur Stadtgeschichte haben in Gedern die Feierlichkeiten zum 50. Geburtstag der Großgemeinde begonnen.

In Gedern haben die Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Großgemeinde begonnen. Bei der Begrüßung der zahlreichen Gäste zu einem Empfang und einem Rundgang zur Stadtgeschichte spielte Bürgermeister Guido Kempel (parteilos) auf eine der Merkwürdigkeiten der Gebietsreform in den Jahren 1971/1972 an. »Der aufmerksame Beobachter weiß, dass wir mal drei Stadtteile mehr hatten«, erinnerte er. Die Geschichte der fünf Dörfer, die zusammen mit der Kernstadt seit 50 Jahren die Großgemeinde bilden, wurde auf Bildtafeln dargestellt.

Tatsächlich sind auf der Urkunde, mit der die Eingemeindung von Wenings, Mittel- und Nieder-Seemen dokumentiert wurde, auch die heutigen Schottener Stadtteile Burkhards, Kaulstoß und Sichenhausen - auch als Bukasi bekannt - aufgeführt. Doch obwohl der Zusammenschluss bereits vollzogen war, stimmte der Hessische Landtag gegen Proteste aus Gedern und aus den drei Dörfern dafür, die drei Stadtteile Schotten zuzuschlagen. Kempel wies darauf hin, dass auch heute noch viele enge persönliche Beziehungen von Gedernern in die drei Dörfer des Niddertals bestehen.

Rundgang zur Stadtgeschichte

Diese Anekdote setzte den Ton für die Veranstaltung. Dieser werde auch beim Bürgerfest zu hören sein, das am 8. Juli den Höhepunkt der Veranstaltungen bilden werde, kündigte der Bürgermeister an. »Ursprünglich war ein Festkommers geplant«, berichtete Kempel, aber der Festausschuss habe sich für eine bürgernähere Form entschieden.

So begnügte er sich auch am Sonntagnachmittag mit einer kurzen Ansprache, in der er vor allem jenen dankte, die sich für die Vorbereitung der Veranstaltung engagiert hatten. Dabei erwähnte er insbesondere Dr. Angela Metzner, die die Bildtafeln zur Geschichte der Stadtteile gestaltet hatte. Bei manchen habe sie mehrfach nachfragen müssen, damit ihr von Ortsbeirat, Vereinen und Einzelpersonen entsprechende Bilder zugeschickt wurden.

Metzner lobte im Gespräch mit dem Kreis-Anzeiger, dass andere Stadtteile das Projekt vorbildlich unterstützt hätten. Die Bildtafeln waren immer wieder Anknüpfungspunkt für Gespräche und Erinnerungen.

Erhard Müth berichtete anschließend im Vorgriff auf den Rundgang zur Stadtgeschichte, dass die bisher schon vorhandenen Informationstafeln an Gebäuden um weitere Tafeln ergänzt worden seien.

Obwohl diese sich vor allem an touristische Besucher richten, bieten sie auch manchem Gederner sowohl aus der Kernstadt als auch aus den Stadtteilen und insbesondere Neubürgern interessante Informationen. Müth dankte Harald Warnat, der durch historische Bilder aus seiner Sammlung wesentlich zur Gestaltung der Tafeln beigetragen hat.

Mehrere Informationstafeln beziehen sich auf die Mühlen, von denen es in Gedern mehrere gab. Die Herrnmühle könne als der älteste Handwerksbetrieb der Stadt gesehen werden, schilderte Müth. Seit der Errichtung der Mühle im 16. Jahrhundert war sie bis ins Jahr 1988 in Betrieb. Die Höfbäckerei, die 1783 mit dem Mühlenbetrieb zusammengelegt worden war, bestand sogar noch bis 2017.

Wesentlich jünger ist die Geschichte der katholischen Kirche in Gedern. Nach der Reformation habe es nur »zwei oder drei Handvoll Katholiken« in der Stadt gegeben. Erst durch die Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg sei deren Zahl auf rund 700 angewachsen, die zunächst die evangelische Kirche mitgenutzt hätten. 1954/1955 hätten die Bemühungen der katholischen Gemeinde, sich eine eigene Kirche zu bauen, schließlich Erfolg gehabt.

Müth erinnerte an Häuserzeilen und Höfe, die im Laufe der Jahrzehnte durch Abriss verlorengegangen sind. Mit ihnen wurde auch ein Teil der Stadtgeschichte vernichtet, so zum Beispiel im Bereich des Busbahnhofs und der heutigen VR Bank.

Nur sehr zurückhaltend gehen die Tafeln auf die Geschichte der immerhin rund 200 Mitglieder der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Gedern ein. Die Entrechtung, Enteignung und sogenannte »Arisierung« wird im Allgemeinen nur angedeutet.

Gelungener Denkmalschutz

Positive Beispiele für gelungenen Denkmalschutz finden sich auf dem Rundgang zahlreich. Dabei ist das ehemalige Bergwirthshaus in der Nachbarschaft des Schlosses hervorzuheben. Herbert Weber hatte sich entschlossen, es zu kaufen und wieder aufzubauen, nachdem das historische Gebäude durch eine Brandstiftung nahezu vollständig zerstört worden war.

Auch Warnat hat ein wesentliches Stück der Stadtgeschichte gerettet. Neben seinem Wohnhaus steht das sogenannte Fischhaus. Das Gebäude wurde im 17. Jahrhundert ohne Boden über dem Mühlgraben errichtet, um darin die im Gederner See gefangenen Karpfen zu wässern.

Durch das frische Mühlwasser verloren sie den Beigeschmack des Schlammes, den sie im See aufgesammelt hatten. Mit dem Niedergang der Fischereiwirtschaft verlor das Fischhaus seine Funktion und war anschließend dem Verfall preisgegeben. Warnat berichtete, dass er den Abriss verhindert und sich dafür eingesetzt habe, dass das Haus unter Denkmalschutz gestellt und saniert wurde. VON OLIVER POTENGOWSKI

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